Bern

Ein Botschafter, der gerne baden geht

Von Simon Thönen. Aktualisiert am 27.07.2010 1 Kommentar

Michael Reiterer, Botschafter der Europäischen Union (EU), schätzt an Bern das Ambiente einer Kleinstadt, die Aare, das Theater und den originellen Stadtpräsidenten. Er wünscht sich weniger Baulärm und bessere Schulen für fremdsprachige Kinder.

Michael Reiterer, der erste EU-Botschafter in Bern. (Franziska Scheidegger)

Michael Reiterer, der erste EU-Botschafter in Bern. (Franziska Scheidegger)

Stichworte

Zur Person

Seit 2007 ist der Österreicher Michael Reiterer der erste Botschafter der Europäischen Union (EU) in Bern. Zuvor war er vier Jahre lang stellvertretender Leiter der EU-Botschaft in Tokio. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität seiner Heimatstadt Innsbruck. Er erwarb unter anderem ein Diplom der internationalen Beziehungen in Genf. Während des Studiums und später als Wirtschaftsdiplomat lebte er daher mehrere Jahre in Genf. Reiterer ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Herr Reiterer, vor vier Jahren kamen Sie aus der Grossstadt Tokio ins kleine Bern, um hier als erster Botschafter der EU zu wirken. Ein Kulturschock?

So würde ich das nicht formulieren, ich kehrte ja aus der japanischen in die europäische Kultur zurück. Die Unterschiede liegen eher im Angebot. Tokio hat eine Urbanität, die nur eine Grossstadt haben kann. Bern hat das Ambiente einer Kleinstadt mit dem Vorteil der kurzen Wege. Hier kann ich auf die Strasse gehen und begegne spontan Politikern oder Beamten.

Vermissen Sie das Kulturangebot der Grossstadt?

Als Diplomat, der viele Kontakte pflegt, erlebt man nebenbei viel Kultur und Abwechslung. Zwischendurch breche ich gerne mal aus und besuche Zürich, Genf oder das Burgtheater in Wien. Das soll aber nicht heissen, dass ich in Bern nicht ausgehe. In den Vidmarhallen zum Beispiel gibt es durchaus peppige Produktionen, und das Paul-Klee-Zentrum ist ausgezeichnet. Auch die Konzerte des Jazzfestivals und die Ausstellungen in der Kunsthalle oder der Galerie Kornfeld besuche ich gerne.

Was gefällt Ihnen sonst an Bern?

Die gute Erhaltung und Pflege des Stadtbildes. Sehr schön ist die Lage in der Flussschleife. Der öffentliche Transport funktioniert ausgezeichnet und ist sehr dicht. Gut gefällt mir inzwischen auch, dass so viele Quartiere verkehrsberuhigt sind, anfänglich hatte ich als Autofahrer allerdings Mühe wegen der vielen Abbiegeverbote.

...und was weniger gut?

Zum Beispiel, dass mitten in meiner Wohngegend am Egelsee ein Abfallhof ist. Dieser liegt in einem Wohn- und Erholungsgebiet, was ja auch nicht unbedingt im öffentlichen Interesse ist. Ärgerlich ist die Bauerei. Etwa, dass vor meinem Büro jetzt Reparaturarbeiten von dem gemacht werden, was vor ein paar Jahren eigentlich schon erledigt wurde. Weiter wird mein Nachbarhaus abgerissen, extrem langsam.

Wie könnte man es besser machen?

Da ist Tokio ein gutes Vorbild. Strassenarbeiten werden in kürzestmöglicher Zeit gemacht, teilweise über Nacht. Wenn Häuser abgerissen werden, dann werden sie zuerst im Christo-Stil eingepackt, innen wird abgebaut und wieder aufgebaut. Dann nimmt man die Verpackung weg – und ein neues Haus kommt zum Vorschein.

Einem Schweizer Diplomaten, der nach Tokio versetzt wird, empfahlen Sie, Golf und Tennis zu spielen, dann sei man integriert. Welchen Sport muss man in Bern betreiben?

Skifahren, aber das sage ich vielleicht als Österreicher und Tiroler. Da gibt es aber doch sehr viele Anknüpfungspunkte. Das Eidgenössische Aussendepartement etwa hat einen tollen Skiausflug in Adelboden organisiert. Im Sommer gehe ich sehr gerne wandern und schwimmen, im Marzilibad und auch in der Aare natürlich.

Welches ist der beste Weg, um in die Berner Society reinzukommen?

Ach, wissen Sie, was ist schon Society? Society, die müssen Sie sich selbst machen. Mein Zugang ist, dass ich sehr viele Vorträge in Clubs halte. Ob das nun die Kiwanis sind, Lions, Rotary oder die Burgergemeinde. Eigentlich geht der Zugang eher darüber als über den Sport. Die Vereinsdichte ist hier ja sehr hoch. Daher gibts auch so viele Präsidenten. Den Österreichern sagt man nach, dass sie alle Doktoren sind, hier sind alle Präsidenten.

Österreichern sagt man auch eine gewisse monarchische Neigung nach. Wie erleben Sie die Patrizier der Burgergemeinde?

Österreich ist eine gefestigte Republik, und ich nehme für mich keine aristokratischen Neigungen in Anspruch. Zur Burgergemeinde habe ich allerdings gute Kontakte, Diskussionsabende mit einigen ihrer Vertreter habe ich als sehr lebendig erlebt. Es ist sicher eine Organisation, die sich bemüht, in der modernen Gesellschaft ihre Rolle zu finden.

Am anderen Spektrum des Berner Gesellschaftslebens steht die Reithalle. Waren Sie auch schon dort?

Nicht drin, aber bei der Reithalle. Es gibt offenbar ein starkes Bedürfnis, aus der Wohlbehütetheit hierzulande auszubrechen. Was mich auch überrascht: In Zürich gehört es bei 1.-Mai-Feiern für eine kleine Minderheit offenbar zum guten Ton, ein paar Sachen kurz und klein zu schlagen, was ja nicht so recht zum Bild des friedliebenden und neutralen Schweizers passt. Eine gewisse Polarisierung scheint mir schon auch typisch für die schweizerische Gesellschaft zu sein. Da ist die schwierige Frage, wie man damit umgeht, Marginalisierung scheint mir der falsche Weg zu sein, das führt dann wieder zu Gegenreaktionen.

Das Klischee zu Bern ist die Langsamkeit. Spürt man die?

Beim Bauen, ja. Ansonsten: Klischees kommen immer von irgendwo her. Dass die politischen Prozesse in der Schweiz eine gewisse Behäbigkeit haben, ist eine Tatsachenfeststellung. Ob das auf eine Stadt mehr durchschlägt als auf eine andere, kann ich nicht beurteilen. Ich habe allerdings vier Jahre in Genf gelebt und habe schon den Eindruck, dass es in der Romandie ein wenig spritziger zugeht.

Die Schweiz gehört zu jenen Ländern, die bewusst nicht die bedeutendste Stadt zur Bundesstadt erkoren haben. Ein Nachteil?

Ich glaube, dies entspricht dem politischen Denken des Ausgleichs in der Schweiz. Bern hat allerdings historisch schon eine wichtige Rolle gespielt. Ich lese sehr gerne die historischen Romane von Lukas Hartmann, den ich auch persönlich kenne. Interessant ist ja, dass die Gassen von Bern viel breiter sind als jene von Innsbruck. Und historisch war es ja so: je breiter die Strassen, desto wichtiger die Stadt. Übersetzt könnte man sagen, dass die Breite der Berner Gassen den Champs-Elysées des Mittelalters entspricht.

Nimmt man als Diplomat die Stadt- und die Kantonsregierung eigentlich wahr?

Durchaus. Die Berner Kantonsregierung war die erste, die mich eingeladen hat, was ich sehr sympathisch fand. Daraus hat sich ein interessanter, informeller Dialog sowohl auf Ebene des Kantons wie auch der Stadt Bern ergeben. Ich pflege auch den Kontakt zum Berner Stadtpräsidenten.

Wie würden Sie Alexander Tschäppät denn charakterisieren?

Er ist ein origineller, volksnaher Politiker, der durchaus sagt, was er denkt, und ein gewisses Risiko eingeht. Ich glaube, das macht ihn den Leuten erst interessant – in dieser Hinsicht bin ich auch ganz gerne mit ihm zusammen. Vielleicht haben wir da gewisse Ähnlichkeiten.

Bern hat Mühe, sich neben den drei grossen Wirtschaftsräumen zu behaupten. Der Stadtpräsident versucht, Bern als Herz einer Hauptstadtregion zu positionieren. Können Sie ihm Tipps geben?

Wichtig finde ich schon, dass sich eine Hauptstadt auch gegenüber den Diplomaten und ihren Familien darstellen muss. Die Mehrheit der Diplomaten kommt aus nicht deutschsprachigen Ländern – da ist die Infrastruktur an Schulen zum Beispiel verbesserungsfähig. Es gibt eine internationale Schule, aber das englischsprachige Angebot geht nicht bis zum Gymnasium. Der Stadtpräsident und der kantonale Erziehungsdirektor Bernhard Pulver haben uns, im Rahmen des finanziell Möglichen, auch schon Verbesserungen in Aussicht gestellt.

Sie sind sicher an vielen Anlässen von Botschaften. Ist das ein Zirkel für sich?

Mein Amtsverständnis ist das nicht. Ich bin da, um mit den Schweizern zu arbeiten. Zum Beispiel organisiere ich den Europatag am 9. Mai für Schweizer und mit Schweizern – das letzte Mal im Gymnasium Kirchenfeld mit Schülern, Eltern und Lehrern.

Wie war das?

Ich glaube gut, aber das müssen Sie das Publikum fragen. Es war eingebettet in eine grössere Sache. Zusammen mit meinen Kollegen aus den 27 Mitgliedstaaten der EU waren wir in 50 Schulen in 17 Kantonen. Jeder sprach darüber, welche Erfahrungen sein Land als Mitglied der Europäischen Union gemacht hat. Und das wurde von den Lehrern vor- und nachbereitet. So ergab sich eine Diskussion über Europa – wobei ich anfüge, dass es nicht darum ging, die Schweizer davon zu überzeugen, dass sie der EU beitreten sollen.

Die holländischen Fussballfans an der EM 2008 waren Gäste aus Europa, die mit echter Begeisterung in Bern empfangen wurden.

Das habe ich auch so erlebt. Mein niederländischer Botschafterkollege gebar im Anschluss daran die sehr gute Idee, am Zibelemärit Tulpenzwiebeln zu verteilen. Ich fand es auch extrem schick von der Berner Polizei, dass sie sich die Gesichter in den holländischen Farben anmalten. Die Polizisten standen da so locker am Strassenrand, und die Fans liessen sich mit ihnen fotografieren.

Auch der russische Präsident hat in Bern sehr gepunktet, als er der Stadt Jungbären schenkte. Müsste die EU auch mal Tiere mitbringen?

Da sind wir leider etwas knauserig. Ich als Österreicher würde zum Beispiel gerne Orden verleihen, aber in dieser Hinsicht ist die EU dann doch eine zu rationale Verwaltung. Bären nach Bern zu tragen, wäre jedoch ohnehin, wie Eulen nach Athen zu tragen – da müsste man wohl noch etwas nachdenken, was den Bernern denn Freude machen könnte. (Der Bund)

Erstellt: 27.07.2010, 08:08 Uhr

1

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Paul Rohner

27.07.2010, 16:12 Uhr
Melden

Ich könnte gerne auf den EU Botschafter Reiterer mit seinen EU und EWR Zwängereien verzichten. Wieso haben wir in der Schweiz einen EU Botschafter, obwohl das Schweizervolk keinen Beitritt will. Oesterreicher, die vormalige Habsburger sollten eigentlich wissen, wie die Eidgenossen ticken. Ist dies so schwer zu verstehen. Antworten



Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.