Ein Bärenjunges ist tot

Nichts für schwache Nerven: Im Tierpark Dählhölzli in Bern nahm ein Drama seinen Lauf. Bärenmann Misha schüttelte die Jungen und warf sie weit durch die Luft . Eines der Jungen ist nun tot.

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Die Ernüchterung bei Tierpark-Direktor Bernd Schildger ist gross. Am späten Mittwochnachmittag erhält er die Nachricht: Eines der beiden Bärenjungen ist tot. Misha hat sein Spiel mit «3» und «4», wie die im Januar geborenen Jungen genannt werden, forciert. Er hat das Junge immer heftiger geschüttelt, fallen gelassen, durch die Luft geworfen. Bis es irgendwann leblos da lag.

Bärenmutter Masha trug das Junge dann in die Stallungen zurück. «Wir sind alle sehr mitgenommen», sagt Schildger. Er verteidigt jedoch das Vorgehen des Tierparks. «Ich stehe zu diesem Versuch, die Bären nicht zu trennen. Im Interesse der Tiere sind wir ein Risiko eingegangen, es gibt Fälle, in denen alles gut gegangen ist. Wie er ausging, ist tragisch, aber auch biologisch.»

Es sei wichtig, den Bären die Möglichkeit der Aufzucht zu geben. Auch der Entscheid, die Eltern nicht abzutrennen, sei richtig, andernfalls hätte dies bei Misha aller Voraussicht nach zu Verhaltensstörungen geführt. «Wir wollten keinen dauerhaft deformierten und verhaltensgestörten Bären», erklärt Schildger. Wie es weitergeht, weiss er noch nicht. Eines der Kleinen ist vermutlich noch am Leben. Ob Misha nun doch vorübergehend von Masha getrennt wird, soll heute entschieden werden.

Warum tut er das nur?

Der Besuch im Tierpark Dählhölzli in Bern war in den letzten Tagen irritierend, ja verstörend. Das zeigte ein Augenschein am Mittwochvormittag: Die Erwartung ist gross, Kinder und Erwachsene drängen sich an Gitter und Scheiben der Bärenanlage. Sie hoffen, einen Blick auf Misha und Masha sowie die beiden im Januar geborenen Jungbären «3» und «4» zu erhaschen. Bärenmann Misha badet im Teich, läuft in der Anlage umher, Bärenmutter Masha liegt im Eingang zu den Stallungen, die kleinen Bärchen sind irgendwo im Stall.

Als Masha ihren Platz vorübergehend aufgibt, läuft Misha in den Stall und schnappt sich eines der Bärchen. Er trägt das Kleine mit dem weissen Kragen im Maul und rennt damit durch die Anlage. «Schau», sagen die Eltern zu ihren Kindern. «Sie trägt es herum.» Es ist nicht einfach, Misha und Masha auseinanderzuhalten. Das Bärchen wird unsanft geschüttelt, die Leute lachen. «E chly süferli», mahnt eine ältere Frau.

Dann wirft Misha das Kleine meterweit durch die Luft. Das Bärchen purzelt durchs Gras, sobald es wegzurennen versucht, wird es von Misha mit den Pranken gestoppt. Misha wiegt etwa 360 Kilogramm, das Kleine vielleicht vier Kilo. Das ungleiche Spiel nimmt von Neuem seinen Lauf. Misha wälzt sich auf dem Rücken, das Bärenjunge zappelt in der Schnauze, dann steigt Misha auf einen Holzstapel und lässt das Kleine fallen.

Nun lachen die Zoobesucher nicht mehr, einige drehen sich verstört weg und gehen davon, sie können es nicht mehr mit ansehen. Andere wenden sich an einen Tierpfleger oder an Tierpark-Direktor Bernd Schildger, die das Geschehen mitverfolgt haben.

Für Misha sind es Spielzeuge

«Er will die Kleinen nicht töten», sagt Schildger zu einer Gruppe von Erwachsenen und Kindern. Für ihn seien die Jungbären wie Spielzeuge. «Es sieht brutal aus und es kann sein, dass das den Jungen das Leben kostet.» Auch in freier Wildbahn überlebe lange nicht jedes Bärenjunge. Die Frage kommt sofort, warum der Tierpark das überhaupt zulässt.

Trennung war «keine Option»

«Wenn wir Misha und Masha trennen, haben beide Tiere grossen Stress», erklärt Schildger. Misha laufe nur noch am Gitter hin und her, Masha kümmere sich nicht um die Jungen. Sie suchten den Kontakt. Die Trennung sei darum «keine Option». Misha und Masha seien Findelbären, die in Ussurien im fernen Osten Russlands von Menschenhand aufgezogen worden seien. Sie seien immer zusammen gewesen. 2009 kamen Misha und Masha als Geschenk der Gattin des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Bern, damals wogen sie etwa 10 Kilogramm.

Der Tierpark lehnt es auch ab, die Bärenjungen von Hand aufzuziehen. Dadurch würde man sich zwei Bären mit problematischen Verhaltensweisen aufhalsen, die kaum an einem anderen Ort platziert und auch nicht ausgewildert werden könnten.

Die Bärenjungen haben keine eigentlichen Namen erhalten, um eine Vermenschlichung zu vermeiden – und vielleicht auch, damit Bernerinnen und Berner ihren Verlust eher verschmerzen könnten.

Am Morgen schritt Masha ein

Im Gehege geht das Drama weiter. Das Bärenjunge rennt tapsig durchs Gras, bis an den Zaun. Auf der anderen Seite fletscht ein Wolf die Zähne, beginnt aufgeregt zu scharren und graben. In freier Wildbahn stehen Bärenjunge auf dem Speiseplan der Wölfe. Da schnappt sich Masha ihr Junges. Zum ersten Mal packt sie es richtig, also am Nacken und nicht irgendwo am Bauch oder an einem Bein. Sie rennt mit dem Kleinen in schnellem Lauf quer durch das Gehege in den Stall. Das Junge ist vorläufig in Sicherheit.

Im Tierpark hoffte man, dass Masha lernt, ihre Jungen besser zu beschützen und zu verteidigen. Manchmal knurrte sie Misha an, wenn er «3» oder «4» zwischen die Pranken nahm. Als Findelbärin hat sie die natürlichen Verhaltensweisen nie gelernt, sie wurde zu früh von ihrer Mutter getrennt. In freier Wildbahn bringt eine Bärin ihren Kleinen bei, zu klettern und sich auf einen Baum in Sicherheit zu bringen. Sie selber würde den Nachwuchs mit Klauen und Zähnen verteidigen.

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.04.2014, 16:49 Uhr)

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