«Draussen gibt es mehr Kriminelle als drinnen»
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 31.10.2011 1 Kommentar
Präsident der Stiftung Diaconis
Die grosse Freiheit nach 17 Jahren Thorberg beginnt für den 61-jährigen Theologen Hans Zoss demnächst mit einer Reise nach Indien - zusammen mit seiner Frau Ruth. Dann übernimmt er das Präsidium der Stiftung Diaconis (dem früheren Diakonissenhaus Bern), die in vielen Bereichen - von Altersheimen über Palliativpflege bis zur Begleitung ausgesteuerter Arbeitsloser und Strafentlassener - tätig ist. Zudem wird er - als Nachfolger von Prof. Andrea Bächtold - das Präsidium des bernischen Vereins für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge übernehmen, der das «Haus Felsenau» betreibt.
Vor seiner Zeit als Thorberg-Direktor war Zoss Pfarrer in der Berner Heiliggeistkirche und verbrachte ein Jahr als Feldprediger und Hauptmann als UNO-Beobachter im ehemaligen Jugoslawien. 2001 war er FDP-Gemeinderat in Vechigen, gab das Amt wegen Überlastung aber wieder ab. Inzwischen ist er auch aus der Partei ausgetreten, weil er sich von ihr «nicht mehr vertreten» fühlt.Nachfolger als Thorberg-Direktor ist der 52-jährige Bieler Georges Caccivio, bisher Stabschef im kantonalen Amt für Freiheitsentzug und Betreuung.
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Er werde allen auf dem Thorberg erst einmal «Guten Tag sagen»: Das meinte Hans Zoss im Oktober 1994, als er gefragt wurde, was er als erste Amtshandlung als Direktor der Strafanstalt Thorberg zu tun gedenke. Nun kommt die Zeit des Abschieds. Nach «17 Jahren Thorberg» sagt Hans Zoss den Insassen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern heute «Adieu» - und übergibt den Schlüssel, mit dem er auch verschlossenste Gefängnistüren öffnen konnte, seinem Nachfolger Georges Caccivio. Die grosse Freiheit, die er mit seiner Pensionierung erlangt, bedeute für ihn «ein Stück Wehmut» - aber auch die «Befreiung vom ständigen Druck, es könnte etwas passieren».
Auch nach 17 Jahren Thorberg könne er nicht genau sagen, was es wirklich bedeute, eingesperrt zu sein: «Ich weiss nur, dass es nichts Schönes ist. Freiheitsentzug ist die höchstmögliche Strafe - die Todesstrafe steht für mich nicht zur Diskussion. Indem man einen Menschen einsperrt, nimmt man ihm einen Teil seiner Würde.» Deshalb habe er sich darum bemüht, die Würde der Gefangenen möglichst zu bewahren - aus der Überzeugung heraus, dass «sich selber entwürdigt, wer jemandem bewusst seine Würde nimmt».
«Stur ans Gesetz gehalten»
In einem «Bund»-Interview sagte Zoss einmal, man müsse als Gefängnisdirektor «so menschlich führen wie möglich». Dem glaube er nachgelebt zu haben. Ein Insasse habe ihm unlängst gesagt, er sei «hier oben» zum ersten Mal in seinem Leben ernst genommen worden. Der anständige und korrekte Umgang mit den Insassen sei auch entscheidend für die innere Sicherheit im Gefängnis: «Mauern, Gitter, elektronische Sicherungsmassnahmen - das wirkt erst, wenn alles andere versagt hat.» Deshalb sei es ihm ein Anliegen gewesen, die Menschen ernst zu nehmen, ohne ihre Delikte auszuklammern: «Ich habe die Insassen nicht auf ihre Delikte reduziert. Aber ich habe auch nicht so getan, als hätten sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Jeder Einzelne muss ja lernen, mit seinem Delikt zu leben.»
Konsequenz stehe nicht im Widerspruch zu Menschlichkeit, sagt Zoss: «Inkonsequenz ist unmenschlich. Bei mir wussten die Insassen stets, woran sie sind. Beim Durchsetzen einer Disziplinarmassnahme zum Beispiel habe ich zwar Verständnis gezeigt für ihre Wut, nicht aber für das, was zur Massnahme geführt hat.» Konsequentes Handeln heisse auch, allenfalls hart zu sein. Auch ein kleiner Verstoss sei ein Verstoss, den man ahnden müsse.
Die Zeit als Thorberg-Direktor sei zwar sehr anspruchsvoll gewesen, sagt Zoss, aber nicht anspruchsvoller als andere verantwortungsvolle Funktionen. Das Umfeld sei aber schwieriger, das politische Klima sei rüder geworden. Doch als Anstaltsdirektor sei seine Messlatte «nicht das Volk, sondern das vom Volk gemachte Gesetz» gewesen. Deshalb habe er sich nicht von populistischen Forderungen beeindrucken lassen, sondern sich «stur ans Gesetz gehalten». Und: Im Strafvollzug verlange man hundertprozentige Sicherheit, draussen toleriere man vieles - obschon es draussen mehr Kriminelle gebe als drinnen, im Gefängnis: «Wer mit dem Handy am Ohr Auto fährt und einen Unfall riskiert, ist auch ein Delinquent. Warum nehmen die tödlichen Unfälle auf unseren Strassen zu? Weil sich die Leute nicht ans Gesetz halten. Das stört aber niemanden.»
Zoss ist überzeugt, dass Strafandrohungen einigermassen wirkungslos sind, wenn strafbare Handlungen «wie eben auch Autofahren mit den Handy am Ohr» nicht konsequenter geahndet werden, denn: «Offenbar ist der Mensch nicht fähig, sich aus Überzeugung an Gesetze zu halten. Strafen sei in der Folge nur sinnvoll, wenn die Zeit der Strafe auch sinnvoll genutzt werde: «Einsperren allein bringt nichts. Fast ebenso schlimm wie das Eingesperrtsein, ist für viele Insassen die Perspektivlosigkeit. Im Strafvollzug muss man Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich neue Perspektiven aufbauen kann. Das bedingt ein entsprechendes Bildungs-, Arbeits-, Therapie- und Freizeitangebot.» Dies sei für ihn und seine Mitarbeitenden («die ich sehr vermissen werde») wichtig gewesen: «Den Insassen bessere Startmöglichkeiten zu geben. Und Menschlichkeit zu bewahren.» (Der Bund)
Erstellt: 31.10.2011, 08:45 Uhr
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1 Kommentar
dieser Bericht überzeugt und ist wahr. Dank dem guten Direktor, haben bestimmt einige ihren Weg gemacht ob drinnen oder draussen. Wichtig ist die Veränderung des Herzens. Ich glaube, dass Jesus Christus allein diese wahre Veränderung in einem Menschenleben vollzieht. Er starb ja neben einem Verbrecher am Kreuz, der Reue zeigte. Jesus sagte ihm:" Heute wirst du mit mir im Paradies sein." Antworten
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