Dienst an der Schallgrenze
Von Simona Benovici. Aktualisiert am 20.01.2012 2 Kommentare
Luftpolizei
Praktisch täglich rücken die Piloten im Rahmen des Luftpolizeidiensts zu Missionen aus. Dazu gehören:
• Überprüfungen von Flügen von Regierungsjets mit diplomatischer Genehmigung
• Feststellungen von Luftraumverletzungen wie unbewilligten Einflügen oder Abweichungen von angemeldeten Flugrouten
• Hilfeleistungen für zivile Flugzeuge bei Navigations- und Funkproblemen
• Durchsetzungen von Benützungseinschränkungen (WEF, Euro 08, G-8 etc.). Allein während der WEF-Tage wurden in den letzten fünf Jahren im Schnitt vier Regelverletzungen registriert.
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Militärflugplatz Meiringen. Zwei Kampfjets des Typs F/A-18 Hornet stehen am Westende der Startbahn. Im Abstand von zehn Sekunden heben die Maschinen ab. 15 Grad beträgt der normale Abflugwinkel. So steil geht es schweizweit nur ab Meiringen in den Himmel. Ein gefühlter Wimpernschlag später ist vom topografisch schwierigsten Militärflugplatz hierzulande bereits nichts mehr zu sehen. Eine erste Kurve bei rund 700 Kilometer pro Stunde, dann eine zweite. Eine Last sechsfach der des eigenen Gewichts wirkt auf den Körper ein. Die Anti-G-Hose füllt sich mit Pressluft, um das Absacken des Blutes in die untere Körperhälfte zu verhindern. Der Druck durch Kurvenflug und Anzug ist gewaltig. Bein- und Bauchmuskulatur, überhaupt der ganze Körper, alles spannt reflexartig dagegen. Ein Gefühl, das jedem Vergleich spottet. Im ersten Moment scheint die Welt stillzustehen, Raum und Zeit gehen vergessen. Ebenso das Atmen. Das Herz aber rast. Adrenalin schiesst ins Blut, die Landschaft prescht am Cockpit vorbei. Sinn, Zweck und Notwendigkeit neuer Kampfjets mögen politisch umstritten sein. Nicht aber die technische Faszination, die von den Maschinen ausgeht, die diesen Extrembelastungen standhalten.
Rechts unten ist bereits der Nobelferienort St. Moritz zu erkennen, links die vom Schnee befreite Startbahn des Flugplatzes Samedan. Wir sind im Einsatzgebiet angekommen. Rund 46 Kilometer misst der Radius des Perimeters, in dem der Flugverkehr über schweizerischem, österreichischem und italienischem Hoheitsgebiet nächste Woche wegen des WEF eingeschränkt ist. Wer unbefugt in den Luftraum eindringt, bleibt nicht lange alleine am Himmel. Kampfjets des Typs F/A-18 Hornet und F-5 Tiger gehen in der dritten Dimension auf Streife und wahren im Auftrag des Bundesrats die Lufthoheit.
«New mission, hot mission»
«Beast 41, new mission, hot mission, VID numbers, commit suspect, bullseye 340/25/15000.» Der Funkspruch erreicht uns über dem Engadin. Die Crew einer Maschine des Typs Super King Air, von Friedrichshafen her kommend, meldet sich nicht mehr. Grund zur Beunruhigung. Der Jägerleitoffizier gibt F/A-18-Pilot Martin «DJ» Vetter Anweisung, das Flugzeug zu identifizieren. Auf einer Höhe von rund fünf Kilometer fängt der Kampfjet die Kleinmaschine ab und nähert sich dieser von hinten. Flugzeugtyp, Immatrikulation, Farbe – Vetter beschreibt das Flugzeug in all seinen Einzelheiten. Wie viele Triebwerke hat es, ist es ein Hochdecker, wo befindet sich das Leitwerk, sind Aussentanks oder gar Aussenbordbewaffnung zu erkennen?
Vetter hat seinen Kampfjet auf 200 Knoten – sprich auf rund 370 Kilometer pro Stunde – runtergetrimmt und fliegt links neben dem Propellerflugzeug her. Gemächlich, wenn man bedenkt, dass der Jet kurz zuvor mit knapp 1000 Kilometer pro Stunde unterwegs war. Langsam schiebt sich der Kampfjet auf die Höhe des Cockpits des Kleinflugzeugs vor. Der Blick wandert zum Piloten der Super King Air. Wäre es ein Ernstfall, so würde dieser wohl kaum so entspannt winken, wenn im Seitenfenster neben ihm ein Kampfjet auftauchen würde.
Multitasking auf 15'000 Fuss
Ist ein technischer Defekt schuld am Funkunterbruch? Oder antwortet die Crew der Super King Air absichtlich nicht? Während sich Vetter mit dem Piloten zu verständigen versucht, sichert Peter «Pablo» Merz, Flugplatzkommandant von Meiringen und Oberst im Generalstab, mit seiner zweiten F/A-18 das Heck. In unmittelbare Nähe zur Propellermaschine – die seitliche Distanz beträgt gerade mal wenige Meter – gilt es für Vetter, das identifizierte Flugzeug im Blick zu behalten, in Formation zu fliegen, die eigene Fluglage zu kontrollieren, auf neue Anweisungen des Bodenpersonals zu reagieren und Funkverkehr zu halten. Multitasking auf 15'000 Fuss. Einem Laien scheint das schier unmöglich. Die «Bund»-Redaktorin beschränkt sich derweil darauf, die aufkommende Übelkeit in den Griff zu kriegen.
Landung erzwungen
Für Vetter und Merz ist die Identifikation tatsächlich eine leichte Übung. «Die abzufangende Maschine flog zwar relativ langsam, aber es herrschten gute Witterungsverhältnisse», fasst Merz zusammen. Die Erfahrung zeigt aber, es geht auch anders: «Am anspruchsvollsten ist der Luftpolizeidienst dann, wenn gleichzeitig verschiedene Schwierigkeiten auftreten.» Schlechtes Wetter, Nachtflug oder die Aufgabe, das andere Flugzeug unter Zeitdruck dazu zu bringen, eine andere Route einzuschlagen oder zum Landen zu bewegen. So wie beispielsweise 2009, als zwei F/A-18 während des WEF im Raum Thusis einen Helikopter abfangen mussten, der unbefugt in den eingeschränkten Luftraum eingedrungen war. Er wurde in Samedan zur Landung gezwungen. Der Luftwaffenpilot müsse in einem solchen Fall seine Flugelemente so auswählen, dass der Pilot der anderen Maschine ungeachtet seiner Fähigkeiten und technischen Möglichkeiten dem Kampfjet folgen könne, erklärt Vetter. Ist er nicht willens, werden grobe Geschütze aufgefahren: Leuchtkörper, Warnschuss, Abschuss. Letzteres aber nur auf Befehl des Verteidigungsministers. Ob im Ernstfall ein solcher erfolgen könnte, ist offen: Die Entscheidung für den Abschuss müsste aufgrund der Kleinräumigkeit des Schweizer Luftraums binnen Sekunden gefällt werden.
Ruhige Zeiten für Meiringen
Für Vetter und Merz geht es nach dieser Übung wieder zurück ins Berner Oberland. Dort wird es nächste Woche bedeutend ruhiger. Der reguläre Flugbetrieb wird während des WEF eingestellt. WEF-Einsatzflugplatz ist in diesem Jahr Sion. Eingesetzt werden sowohl F/A-18 als auch F-5 Tiger, wobei Letztere aufgrund ihres Alters und Technologiestandards nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Weil sie den Mindestanforderungen des Luftpolizeidiensts nicht mehr genügen, sind sie zum Flankenschutz degradiert: Aufgrund fehlender Sensorik sind sie nicht bei jedem Wetter und auch nicht nachts einsetzbar. Zudem kann ihr Radar tiefer fliegende Objekte nicht erfassen. Für das «Kerngeschäft», die 24-Stunden-Luftraumüberwachung des ausgeschiedenen Perimeters und erst recht für eine allfällige Luftverteidigung, könne deshalb nur auf die F/A-18 zurückgegriffen werden, so Merz. Werden die Tiger tatsächlich wie vom Bundesrat beschlossen durch die Gripen-Kampfjets ersetzt, so wäre künftig wieder die gesamte Flotte für sämtliche luftpolizeidienstlichen Aufgaben einsetzbar. «Mit dem Gripen wird die Lücke, die der Tiger hinterlässt, wieder geschlossen», sagt Merz. (Der Bund)
Erstellt: 20.01.2012, 09:17 Uhr
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2 Kommentare
Aha, die Luftwaffe macht Propaganda-Veranstaltungen für Journalistinnen... Man merkt: Schon bald wird's eine Abstimmung zum Thema geben. Eigentlich sollte man erwarten, dass Journalistinnen, sich nicht so einfach für solche Werbeveranstaltungen missbrauchen lassen. Antworten
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