Bern

Die heikle Frage der Strahlendosis

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 24.01.2011 1 Kommentar

Bern arbeitet mit Hochdruck am Aufbau eines Krebsregisters – die anderen AKW-Kantone haben bereits eins. Ob Atomkraftwerke die Ursache für Krebsfälle in ihrer Umgebung sind, ist indes höchst umstritten.

Wohnen in Blickweite eines Atomkraftwerks, wie hier in Gösgen. (Ex-Press)

Wohnen in Blickweite eines Atomkraftwerks, wie hier in Gösgen. (Ex-Press)

Fast alle anderen waren schneller als die Berner. Der Kanton hat, obwohl auf seinem Boden ein Atomkraftwerk steht, nach wie vor kein Krebsregister. Doch nun tut sich etwas: Noch dieses Jahr soll der Grosse Rat einen Kredit für den Aufbau des Verzeichnisses sprechen können, wie Recherchen des «Bund» ergaben. Schon lange erzählen einige Menschen rund um Mühleberg von überdurchschnittlich vielen Krebskranken in der Gemeinde und führen private Krebsregister. Geschürt wurden die Ängste auch vom «Gesundheitstipp»: Stichproben des Magazins zeigten 2010, dass in der Umgebung des AKW grosse Mengen der radioaktiven Stoffe Tritium und Cobalt-60 vorkommen – allerdings innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte. Mit wissenschaftlich erhärteten Aussagen haben solche Listen und Messungen freilich nichts zu tun. Nicht bestreiten lässt sich aber, dass kein Schweizer Atomkraftwerk bei der alltäglichen Stromproduktion so stark strahlt wie Mühleberg. Ein Erwachsener, der am Zaun des Werks wohnt und sowohl Lebensmittel als auch Wasser von dort bezieht, hätte im Jahr 2009 im schlechtesten Fall eine radioaktive Strahlendosis von 0,0041 Millisievert abbekommen.

Winzig kleine Dosen

Auf dem zweiten Platz folgt Leibstadt mit 0,0021 Millisievert, wie dem neuesten Aufsichtsbericht des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) zu entnehmen ist. Gemessen am Grenzwert von 1 Millisievert – für Personen, die beruflich mit Strahlen zu tun haben, liegt die gesetzliche Limite gar bei 20 Millisievert – sind diese Dosen allerdings winzig klein. Zum Vergleich: Ein einziger Flug von Zürich nach San Francisco setzt Reisende einer zehnmal höheren Strahlenbelastung aus. Es erstaunt deshalb nicht, dass das Ensi sagt, es sei unwissenschaftlich, einen Zusammenhang zwischen AKW und Krebserkrankungen herzustellen.

Trotzdem versuchen dies ernst zu nehmende Wissenschaftler immer wieder. Vor drei Jahren zeigte eine Studie in Deutschland, dass Kinder, die in der Nähe von AKW aufwachsen, ein doppelt so hohes Risiko haben, an Leukämie zu erkranken. Natürlich ist auch diese Arbeit heftig umstritten. Kritiker sagen etwa, das Ergebnis könnte statt auf die AKW-Strahlung auf Hochspannungsleitungen oder sozioökonomische Aspekte zurückzuführen sein: Weil es unattraktiv ist, neben einem AKW zu wohnen, ziehen dort nur ärmere Menschen hin, die weniger gesund leben und aus diesem Grund eher erkranken. Bei anderen Studien ist es hingegen schwieriger, den Zusammenhang zwischen radioaktiven Strahlen und Krebs wegzudiskutieren. So zeigte eine internationale Studie vor fünf Jahren, dass Radioaktivität bei AKW-Mitarbeitern mindestens fünfmal mehr Krebsfälle auslöst als aufgrund der bisherigen strahlenbiologischen Kenntnisse bekannt war.

Tritium unter der Lupe

«Das bedeutet, die sogenannte Niedrigdosis-Strahlung ist erheblich gefährlicher als angenommen. Der Gesetzgeber müsste sowohl für das AKW-Personal als auch für die Bevölkerung deutlich strengere Limiten für künstliche Radioaktivität vorschreiben», sagt der Basler Krebsexperte Claudio Knüsli, Präsident des Vereins Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs. Ein im vergangenen Juli publizierter Bericht der französischen Strahlenschutzbehörde ASN zielt ebenfalls in diese Richtung. Tritium sei – vor allem für Embryonen – doppelt so gefährlich wie bisher angenommen, ist dort zu lesen. Auch die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz ist inzwischen aktiv geworden. «Wir haben dem Bundesamt für Gesundheit vor kurzem empfohlen, das schwach radioaktive Tritium, das sich auch in die DNA einschleichen kann, genau anzuschauen», sagt ihr Präsident André Herrmann. «Die klassische Schule lehrt uns, AKW-Strahlung sei so schwach, dass sie beim Menschen keine direkten Schäden verursachen kann. Vielleicht sind wir aber einfach noch nicht fähig, Krankheiten auf Strahlen zurückzuführen.»

Daran ändert sich auch mit einem flächendeckenden Krebsregister erst einmal nicht viel. Laut dem stellvertretenden Berner Kantonsarzt Arthur Marx kann es in der AKW-Frage höchstens als «Warnlicht» dienen. «Es müsste in Sachen Krebs schon massive Unterschiede zwischen Leuten in der Nähe von AKW und allen anderen geben, damit sie in einem Krebsregister auffallen.» Ansonsten sei die Erfassung nicht engmaschig genug, und die Fallzahlen seien zu gering. Genau hier liegt auch das Problem der Canupis-Studie, die bis im Juni mithilfe des bestehenden Kinderkrebs-Registers hierzulande die Frage beantworten will, ob Kinder in der Nähe von AKW häufiger an Krebs erkranken. «Die Nachweiskraft der Studie ist nach geltendem Standard zu gering, da die Schweizer Bevölkerung mehr als zehnmal kleiner ist als diejenige Deutschlands», sagt Knüsli. Dennoch seien Krebsregister, die auch Auskunft über Geburts-, Wohn- und Arbeitsort gäben, «unerlässlich», um Umweltrisiken zu erfassen.

Kosten von einer Million Franken

Schon 2006 forderten bernische Parlamentarier, Krebsfälle seien zentral zu erfassen. Die AKW-Frage stand dabei nicht im Zentrum, sondern vielmehr der Wunsch, die sinnvollsten Präventions- und Behandlungsmethoden zu finden. Die Regierung zögerte mit der Begründung, zuerst auf ein Bundesgesetz über die Erhebung der sensiblen Daten warten zu wollen. Dieses sollte nun im Frühling Gestalt annehmen, die Kantone wurden vom Bundesamt für Gesundheit für den 24. Februar zu einer entsprechenden Informationsveranstaltung eingeladen. «Bis aber ein nationales Krebsregister entsteht, könnte es Jahre dauern», sagt der stellvertretende Kantonsarzt Marx. Und so lange will Bern nun offenbar nicht mehr warten. Gerade weil der Kanton spät dran sei, solle aber auch nichts überstürzt werden, sagt Marx. «Wir prüfen nun die Schaffung einwandfreier gesetzlicher Grundlagen, weil wir nicht leichtfertig mit den Daten umgehen wollen.» Es brauche sicher Angaben zu den Neuerkrankungen, der Krebsart, den Sterberaten, den Behandlungsmethoden. Auch Wohnort und Umzüge sollten erfasst werden. Gestützt auf Erfahrungen in anderen Kantonen werden für das Krebsregister pro Jahr und Kopf der Bevölkerung 1 bis 1.10 Franken anfallen, also in Bern rund eine Million Franken. In Genf mussten ausserdem 13 Vollzeitstellen geschaffen werden. Der Kredit dürfte es nicht leicht haben im Parlament: Erst letztes Jahr hat der Grosse Rat das Vorhaben aus Spargründen aus dem Budget gekippt. (Der Bund)

Erstellt: 24.01.2011, 07:06 Uhr

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1 Kommentar

Benedikt Jorns

28.01.2011, 12:05 Uhr
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Das Risiko, nach einer spontanen Mutation bei einer Zellteilung Krebs zu kriegen, ist individuell verschieden. Genetische Veranlagung, Einflüsse von Giftstoffen z.B.durch Zigarettenrauch, radioaktive Strahlung, usw. spielen eine Rolle. Ein nationales Krebsregister kann uns helfen. Die im Vergleich zu andern radioaktiven Quellen äusserst schwache Strahlung um AKW herauszupicken, ist zu hinterfragen Antworten



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