Bern

Die Wandlung der Ursula Wyss

Von Stefan Wyler. Aktualisiert am 14.01.2011 7 Kommentare

Die Juso-Zeit ist Vergangenheit: Die 37-jährige SP-Ständeratskandidatin Ursula Wyss präsentiert sich im Wahlkampf um die Sommaruga-Nachfolge als gereifte Staatsfrau – und umwirbt ganz betont die Wähler in der Mitte.

Ursula Wyss beim Bundeshaus: Die sozialdemokratische Fraktionschefin möchte vom Nationalrat in den Ständerat wechseln. (Adrian Moser)

Ursula Wyss beim Bundeshaus: Die sozialdemokratische Fraktionschefin möchte vom Nationalrat in den Ständerat wechseln. (Adrian Moser)

Ursula Wyss hat als Politikerin eine Blitzkarriere hinter sich. Mit 24 zog die Jungsozialistin 1997 als damals jüngste Grossrätin ins Berner Kantonsparlament ein, mit 26 wurde sie zwei Jahre später in den Nationalrat gewählt und spielte bald, jugendlich aufmüpfig und manchmal etwas altklug wirkend, auf der nationalen Politikbühne mit – als engagierte Vorkämpferin etwa für das Stimmrechtsalter 16. Im Jahr 2004 wurde Wyss Vizepräsidentin der SP Schweiz, ein Amt, das sie 2006 wieder abgab, als sie – 33-jährig – zur Chefin der SP-Bundeshausfraktion gewählt wurde. Diese Aufgabe meistert sie, wie ihr allgemein attestiert wird, souverän – und die SP-Bundeshausfraktion zu leiten, das ist keine einfache Aufgabe.

Die Staatsfrau

Nun will die mittlerweile 37-jährige Wyss den Berner SP-Sitz im Ständerat verteidigen – und präsentiert sich im Wahlkampf als Staatsfrau: Vom einstigen unbekümmerten Juso-Mädchen ist sie weit weg. Das wilde Haar ist gebändigt, die Garderobe ist konservativer und erlesener geworden, und aus ihrer Stimme ist der leicht singende Ton verschwunden. Wyss spricht ruhig, eloquent, druckreif; das kann mitunter auch etwas dozierend wirken.

Als SP-Fraktionschefin ist Ursula Wyss eine tonangebende Politikerin im Bundeshaus, die «SonntagsZeitung» hat sie in einem Rating zur «einflussreichsten Parlamentarierin» gewählt, sie gilt als «gut vernetzt» und pflegt Kontakte über die Parteigrenzen hinweg. Mit Wyss könne man reden, sie sei bereit, Kompromisse zu suchen, attestieren ihr bürgerliche Ratskollegen. Und auch das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» formulierte im vergangenen Jahr: «So streng sich Ursula Wyss auch an die sozialdemokratische Doktrin hält – eine sture Prinzipienreiterin ist sie nicht.»

Der Coup: Die Blocher-Abwahl

Wyss politisiert als Fraktionschefin in vielen Dossiers, sie ist zudem Mitglied der nationalrätlichen Finanzkommission und der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Sie war eine der Architektinnen der Abwahl von Christoph Blocher aus dem Bundesrat. Wenig glücklich, wie auch sie später einräumte, war dann ihr Auftritt im legendären «DOK»-Film, in dem Wyss und CVP-Präsident Christophe Darbellay ihren grossen Coup schilderten und sie mit leise triumphierendem Lächeln über die geheimen Absprachen und die Ahnungslosigkeit der SVP sprach.

Seit sie 2006 das Fraktionspräsidium übernahm, ist die studierte Ökonomin Wyss Berufspolitikerin. Sie lebt mit ihrem 13-jährigen Sohn und ihrem Lebenspartner, Thomas Christen, in Bern. Christen ist der Generalsekretär der SP Schweiz: «Wir reden aber nicht den ganzen Tag über Politik», sagt Wyss.

Innerhalb der SP zählt Ursula Wyss zum pragmatischen Flügel um Alt-Nationalrat Rudolf Strahm und Bundesrätin Simonetta Sommaruga, mit denen sie seit Jahren zusammenarbeitet und von denen sie einiges gelernt hat. Heutige Jusos haben mit der ehemaligen Juso-Vorzeigefrau dagegen durchaus politische Differenzen – etwa bei der SVP-Ausschaffungsinitiative, wo Wyss für den Gegenvorschlag warb, oder bei Diskussionen ums Parteiprogramm, wo sie Programmpunkte wie die «Überwindung des Kapitalismus» für verzichtbar hält. Die SP, sagt sie, tue besser daran, «für Verbesserungen zu kämpfen, die den Leuten im Alltag etwas bringen».

Kampf um die Mitte-Wähler

Im Berner Ständeratswahlkampf präsentiert sich Wyss als politische Erbin von Bundesrätin Sommaruga, die explizit für sie Wahlwerbung macht, und sie umwirbt gezielt die Wähler in der Mitte. Es sei wichtig, betont Wyss, dass neben einem bürgerlichen Vertreter auch «Links-Grün-Mitte» im Ständerat vertreten sei. Sie wolle sich, sagt sie, «für den ganzen Kanton einsetzen» und sich dagegen wehren, dass Stadt und Land gegeneinander ausgespielt würden. Wyss will für bezahlbare Mieten in den Agglomerationen eintreten, für eine gerechte Steuerpolitik, die den Mittelstand nicht noch mehr belaste, und gegen ein neues Atomkraftwerk in Mühleberg, über das die Berner am Tag der Ständeratswahl ebenfalls abstimmen. Der Kampf gegen die Atomenergie war auch ganz am Anfang von Wyss’ Politikkarriere gestanden, die Katastrophe von Tschernobyl habe sie, so erzählte sie einst, als 13-Jährige «massiv politisiert».

Wyss ist wortgewandt im Parlament, routiniert vor den Fernsehkameras, und sie trifft auch den Ton als Gast in der Satiresendung «Giacobbo/Müller». Wenn aber beim Wahlpodium im Saal des Hotels Emmental in Langnau der SVP-Hardliner Adrian Amstutz mit markigen Voten beim ländlichen Publikum punktet, dann tut sich die städtische Intellektuelle schwer, mit ihrer Argumentation rüberzukommen. Es gebe halt Themen, die nicht einfach schwarzweiss seien, sagt sie. Und: «Ich finde es richtig, wenn die Leute sehen, dass es auch differenzierte Positionen gibt.» (Der Bund)

Erstellt: 14.01.2011, 09:58 Uhr

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7 Kommentare

Daniel Moser

14.01.2011, 12:00 Uhr
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Besten Dank für das sachliche Porträt von Ursula Wyss. Eine Ständeratsvertretung des Kantons Bern mit dem bürgerlichen Luginbühl (BDP) und der Sozialdemokratin Ursula Wyss ergibt ein realistisches Bild der politischen Kräfteverhältnisse in unserem Kanton. Hardliner à la Amstutz entsprechen weder in Form noch Inhalt der bewährten bernischen Politik. Antworten


Nicole Meier

14.01.2011, 13:12 Uhr
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Na ja, so Glamourös ist ihr Leistundausweis auch nicht. Hat die SP nicht einen andern Kandidaten / in? Antworten



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