Bern

Die Renaturierung des Marzili wird zum politischen Thema

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 19.09.2012 7 Kommentare

Berner Stadträte von SP bis EVP fordern, dass der Seitenarm der Aare wiederhergestellt wird. Die Regierung hatte vor fast 25 Jahren ähnliche Pläne.

1/7 Vor fast einem Vierteljahrhundert plante die Stadtregierung Becken auf dem historischen Lauf der inneren Aare.
Bild: zvg

   

Das Plädoyer im «Bund», die Aare wieder durchs Marzili fliessen zu lassen und den Seitenarm herzustellen, hat für grosse Resonanz gesorgt. Stadträte von GLP, SP, GFL und EVP haben das Thema aufgenommen und fordern in einer interfraktionellen Motion von der Regierung, das die innere Aare zurückgebaut und die Renaturierung in die Gaswerkareal-Planung eingebunden wird. Die Motionäre haben es eilig, da die Gaswerkareal-Planung angelaufen ist: Da die Dringlichkeit vom Stadtratsbüro gewährt wurde, wird wohl schon Mitte November über die Motion debattiert, die für die Regierung verbindlich wäre.

Marzili-Beizli steht im Weg

Der Grünliberale Claude Grosjean hat den Vorstoss initiiert: «Der Seitenarm würde das Marzilibad enorm aufwerten», ist der Parlamentarier überzeugt, der auch für den Gemeinderat kandidiert. Die Wiederherstellung der inneren Aare und damit eine teilweise Renaturierung des Marzilibads würde die inzwischen nicht mehr zeitgemässe Anlage den heutigen Bedürfnissen anpassen, heisst es im Vorstoss. Und die Motionäre ziehen als Beispiel die renaturierte Rubigen-Au heran: «Man muss sich nur mal an einem Sonntag anschauen, wie viele Menschen es in dieses Erholungsgebiet zieht», sagt Grosjean.

Gleichzeitig sei auch der Lebensraum für Tiere aufgewertet worden. Was würde eine Renaturierung aber fürs heutige Marzili heissen? Schwimmbecken und Sprungturm würden nicht zwingend tangiert, zeigen sich die Motionäre überzeugt. Der Eingangsbereich müsste aber umgestaltet werden, da das heutige Marzili-Beizli dem Lauf der inneren Aare im Wege stehe. In die Diskussion hineinspielen wird auch die Idee des Gemeinderates, das geplante Hallenbad mit 50-Meter-Becken beim Marzili oder auf dem Gaswerkareal zu errichten.

Zuschüttung des Aare-Seitenarms 1968 war ein Fehler

Neu ist die Idee einer Wiederherstellung nicht: Schon vor knapp einem Vierteljahrhundert plante die Regierung eine Umgestaltung des Marzili. Sie sah vor, Wasserflächen auf dem ehemaligen Seitenarm zu schaffen, die durch Aarewasser gespeist werden – darunter sogar ein 50-Meter-Schwimmbecken.

Der Vorschlag stammte von den beiden Berner Architekten Walter Hunziker und Ueli Schweizer, die einen ausgeschriebenen Projektwettbewerb gewonnen hatten. «Wir versuchten das historische Bild des Marzili aufzugreifen», erinnert sich Architekt Hunziker, der noch immer ein Büro in Bern führt. Das Projekt sah zwar keine eigentlich Renaturierung vor, dafür eine einzigartige Wasserversorgung: Das Aarewasser wäre durch ein Binsenfeld natürlich gereinigt und in einem flachen Becken aufgewärmt worden.

Am Ende derLebensdauer

Die verschiedenen Becken wären auf dem ehemaligen Seitenarm aufgereiht gewesen. An der Pressekonferenz des Gemeinderats meinte der damalige Stadtplaner Ueli Laederach, dass die Zuschüttung des Aare-Seitenarms 1968 inzwischen als Fehler gelte. Mehrere Wettbewerbsteilnehmer bezogen sich auf den Seitenarm: So sah etwa auch das Projekt des Architektbüros Atelier 5 eine Wiederherstellung vor, wie ein Blick in die Wettbewerbsunterlagen im Stadtarchiv zeigt.

Hauptziel der Umgestaltung war aber die Schaffung eines 50-Meter-Beckens. 1988 schrieb der «Bund», dass sich die Stadt Bern seit Jahrzehnten mit der Errichtung eines wettkampftauglichen Beckens schwertue – die Feststellung ist bis heute gültig. Ein weiterer Grund war auch, dass man vor knapp 25 Jahren das Betriebsgebäude am Ende seiner Lebensdauer sah – der 1970er-Jahre-Bau, in dem das Marzili-Beizli untergebracht ist, steht noch heute.

Idee an drei Pappeln gescheitert

Die Vorlage schaffte es letztlich nicht einmal ins Parlament – schon im Vorfeld erwies sich der Widerstand als zu gross. Der Gemeinderat zog das Geschäft im Juni 1990 zurück. Unter anderem wegen drei Pappeln, die hätten weichen müssen. Die Bäume mussten vor zwei Jahren gefällt werden, weil sie faul waren. Architekt Hunziker erhielt später den Auftrag, das Marzili sanft zu renovieren. Das Scheitern der Umgestaltung habe aber nachhaltige Wirkung entfaltet: «Seither gilt die Devise, dass man im Marzili alles so belässt, wie es ist.» Vielleicht schlägt der Stadtrat im November ein neues Kapitel in der Geschichte des Stadtberner Wahrzeichens auf. (Der Bund)

Erstellt: 19.09.2012, 06:45 Uhr

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7 Kommentare

samuel scherrer

19.09.2012, 12:20 Uhr
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Ein typisch schweizerisches Ende eines visionären Projektes: drei Pappeln standen im Weg.. Antworten


Andreas Tase

19.09.2012, 08:51 Uhr
Melden 9 Empfehlung 0

Ich finde die Idee gut. Zu denken gibt die Tatsache, wie eine Umweltbestimmung dogmatisch durchgestiert wird (drei Pappeln), um ein grösseres Umweltprojekt zu realisieren. Ich verschliesse mich gar nicht gegen grüne Themen, aber mehr Pragmatismus anstelle von Dogmen wären angezeigt. Antworten



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