Die Kabinen von der Freiburgstrasse schweben auf dem ganzen Erdball
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 13.10.2011 1 Kommentar
Fahrgäste, die mit Marzili- oder Gurtenbahn fahren, haben etwas gemeinsam mit Flugpassagieren, die in Zürich mit der führerlosen Sky-Metro zum Deck E fahren. Mit Hongkongs Bewohnern, die in einer Bahn mit U-Boot-Design zum Ocean-Park fahren. Mit Benützern der zweistöckigen Luftseilbahn in Samnaun oder der von Mario Botta designten gläsernen Kabine der Seilbahn von Locarno auf die Cardada. Mit Lunapark-Besuchern in Australien oder Japan, die sich auf Riesenrädern amüsieren. Alle Kabinen sind an der Freiburgstrasse in Bern entstanden: bei Gangloff. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Die führende Rolle in der Bahnsparte wurde Gangloff nicht in die Wiege gelegt. Als der Firmengründer 1928 in Ausserholligen eine Halle baute, war der Schwerpunkt ein anderer. Wenn gut betuchte Herrschaften ein Auto kauften, einen Bugatti, Panhard, Hispano Suiza, Rolls-Royce oder Maybach Zeppelin, kauften sie ein Chassis mit einem Motor. Bei einem Carossier liessen sie sich ein massgeschneidertes «Häuschen» draufmontieren, etwa bei Gangloff. Als das Auto nach dem Krieg als Massenprodukt «ab Stange» verkauft wurde, verschwand diese Branche.
Bahnwagen – am Anfang aus Zufall
Dennoch baute Gangloff das erste Bähnli schon früh. 1929, ein Jahr nach der Gründung, fragte die nahe Von Roll im Länggassquartier, ob Gangloff eine Holzkabine für die steile Standseilbahn Piora-Ritomsee bauen könne. Gangloff konnte. Vier Jahre später ersetzte die Firma die Holzkabine durch einen Wagen aus Aluminium – damals ein hypermoderner Werkstoff. In sehr vielen Bahnen hängen die Herstellerschilder Von Roll und Gangloff nebeneinander. «Viele meinten darum, wir gehörten zusammen», sagt Marc Pfister, Gangloff-Direktor und -Besitzer, «doch das stimmt nicht.» War der Bahnkabinenbau anfänglich die Ausnahme, ist er heute das wichtigste Standbein der Firma. Der Bereich Gangloff Cabins wurde gar als Schwesterfirma rechtlich von der Hauptfirma abgetrennt.
Luxus-Car mit WC und Bar
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich die Anfänge der Freizeitgesellschaft. Carreisen wurden Mode. Gangloff bezog Chassis von inzwischen verschwundenen Schweizer Herstellern wie Saurer, Berna und FBW und baute darauf Karosserien. Die Fahrzeuge bräuchten sich vor heutigen Luxus-Cars nicht zu verstecken: Ein Komfort-Car aus den 1950er-Jahren verfügte über eine Bar, einen Fernseher und eine Bordtoilette.
Die Zeiten, da die Schweizer Reisepost, die Armee oder die Städtischen Verkehrsbetriebe Bern (SVB) ihren Fuhrpark in der Schweiz orderten, ging in den 1970er-Jahren zu Ende. Das Geschäft mit den Karosserie-Aufbauten kam ins Stottern. Luxus-Cars aus dem europäischen Ausland, in grosser Stückzahl preisgünstig hergestellt, drückten die Kleinserien schweizerischer Provenienz zunehmend aus dem Markt.
Freizeitvergnügen Bergwelt
Ein Glück, dass eine andere Sparte seit den späten 1960er-Jahren wuchs: Bergbahnen. Gangloff besann sich wieder auf diesen Bereich, in dem das Unternehmen in all den Jahren durchaus präsent gewesen war, wenn auch in kleinerem Ausmass. Stellte Gangloff für die Weltausstellung von Brüssel 1958 oder die Gartenbau-Ausstellung in Zürich 1959 Kabinen zur Beförderung der Besucher her, waren Kabinen nun in den Bergen gefragt: für Skifahrer und Wanderer. Die Luftseilbahn erlebte einen Boom: Immer grössere Kabinen wurden gebaut – mit Fassungsvermögen von weit über hundert Personen und mit immer grösseren Fensterflächen, was hohe Anforderungen an das Metallgerippe stellte.
Lebensmittel sind krisenfest
Eine wichtige Sparte für Gangloff sind Kühlwagen. «Lebensmitteltransporte braucht es immer», sagt Pfister, der die Firma seit 1982 in zweiter Generation leitet. Vor der Halle steht ein Kühlanhänger, dessen Aussenwände mit Fotofolien mit der Thunersee-Landschaft überklebt sind: der Lastwagen als Werbekulisse. Auch in diesem Segment verfährt Gangloff wie einst bei den Bussen: Die Firma importiert renommierte Marken und «schneidert» dann das Gefährt gemäss den Wünschen des Kunden zurecht.
Eine Sparte steht etwas im Schatten von Bergbahnen und Lastwagen: die Autogarage. Hier werden zerbeulte Personenwagen nach Unfällen geflickt, Kratzer auf dem Lack entfernt. 1970 galt die Karosseriehalle als modernste weit und breit. Dennoch: Der Gangloff-Direktor stellt bei den Kunden mit Privatautos eine gewisse Schwellenangst fest. «Sie sehen vor unseren Hallen Kühlanhänger und Seilbahnkabinen und denken, mit ihrem kleinen Auto hätten sie hier nichts verloren.» Das sei falsch, bedauert Pfister, zumal der Reparaturbetrieb durch den öffentlichen Verkehr perfekt erschlossen sei: «Wer sein Auto abgibt, hat Bahn und Tram vor der Tür.»
Bis 1995 trug die Haltestelle für die Busse nach Bern-West den Namen Gangloff. Dann wurde der nunmehrige Verkehrsknoten der S-Bahn in Ausserholligen umbenannt. Dafür trug eine CD der Berner Rockband Span von 1998 den Titel Gangloff. Doch woher kommt der Name, der irgendwie russisch klingt? Auch Pfister hat dazu nur Hypothesen, keine Gewissheiten. Ein Genfer Unternehmer, der einst in Bern eine Filiale eröffnete, hiess so. Die Berner Filiale gibt es noch, das Stammhaus ist längst verschwunden. Wie auch immer: Gangloff arbeitet an der nächsten Herausforderung: Liftkabinen für den Eiffelturm. Diese werden zerlegt angeliefert, damit sie durch die zusammengenieteten Träger des Wahrzeichens hindurchpassen. (Der Bund)
Erstellt: 13.10.2011, 08:23 Uhr
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1 Kommentar
Es hat in Bern also doch noch innovative Unternehmer die ihre Produkte in die ganze Welt liefern. Andere weltbekannte Unternehmen wie die HASLER AG, WIFAG, Gfeller Bümpliz, Tobler etc. wurden durch die Spekulanten versaut und verkauft. Irgendwohin. Armes Bern. Wer geht dieser Frage gelegentlich nach ?? Antworten
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