Die Feministin und der Milliardär

Hedi Wyss beschreibt in ihrem Buch, wie sie als gesellschaftskritische Autorin Zugang zu ihrem Bruder Hansjörg gefunden hat, der mit Knochenimplantaten zu einem reichen Mann geworden ist.

Die Geschwister Hansjörg und Hedi Wyss vor der Buchvernissage auf der Treppe des Progr in Bern.

Die Geschwister Hansjörg und Hedi Wyss vor der Buchvernissage auf der Treppe des Progr in Bern. Bild: Adrian Moser

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«Meine Schwester will ein Buch über mich schreiben, aber ich bin von der Idee nicht sehr begeistert», sagte Hansjörg Wyss vor zwei Jahren am Swiss Economic Forum in Interlaken gegenüber dem «Bund». Nun ist das Buch doch erschienen, und am Mittwoch hat Hedi Wyss es im Progr in Bern in Anwesenheit ihres Bruders vorgestellt.

Der Kerninhalt besteht aus Interviews mit Hansjörg Wyss sowie seinen Freunden, Geschäftspartnern und Lebenspartnerinnen. Es sei somit keine Biografie, sondern eine Collage aus Erinnerungen und Anekdoten, sagte Peter Halter, Cousin von Hedi und Hansjörg Wyss, an der Vernissage. Als Professor für amerikanische Literatur wird er das Buch ins Englische übersetzen.

Im Progymnasium, dem heutigen Progr, ist Hansjörg Wyss zur Schule gegangen. Von dort brachte er regelmässig schlechte Noten nach Hause, und er musste eine Klasse wiederholen. Das hinderte ihn aber nicht daran, vor fünf Jahren die Umgestaltung des Progr zum Kulturzentrum mit 2 Millionen Franken zu unterstützen. Noch heute sitzt er im Stiftungsrat und spendet Geld.

Fast wie im Märchen

Eigentlich müsste man das Leben von Hansjörg Wyss wie ein Märchen erzählen, schreibt seine Schwester: «Es war einmal ein Mann, der wurde arm geboren, so arm, dass er als Kind ein Zimmer mit seinen beiden jüngeren Schwestern teilen und als Junge Kohlen aus dem Keller holen musste. Doch dieser Mann wurde später sehr reich.»

Zu den Allerärmsten gehörte die Familie Wyss nicht: Immerhin war ihr Vater einer der Ersten im Quartier, die ein Auto besassen. Und Hansjörg sowie seine beiden Schwestern konnten das Gymnasium besuchen. Als Jugendlicher interessierte er sich mehr für Fussball und Skifahren als für die Schule. Der Stadtberner gehörte regional zu den besten Skirennfahrern. Er brauchte etwas länger als andere, aber schliesslich schaffte er die Maturitätsprüfung, und danach erwarb er das Diplom als Bauingenieur an der ETH. Wegen seiner schwachen mathematischen Fähigkeiten wäre er ein schlechter Bauingenieur geworden, wird er im Buch zitiert.

Seine Stärke sei das Organisieren, und seine Führungsfähigkeiten habe er schon als Venner bei den Pfadfindern erkannt, sagte er seiner Schwester. Statt bei einer Baufirma begann er seine berufliche Karriere beim Autokonzern Chrysler. Dieser schickte ihn nach Pakistan, auf die Philippinen und in die Türkei. Danach erwarb er in Harvard den Master of Business Administration (MBA). Nach dem Studienabschluss arbeitete Wyss mehrere Jahre in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Belgien und beim Saatguthersteller Monsanto.

Retter von Synthes

Das gemeinsame Hobby, die Fliegerei, brachte ihn mit Martin Allgöwer in Kontakt. Der Basler Uniprofessor war Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO). Allgöwer sowie weitere Orthopäden wie Bernhard Weber in St. Gallen und Maurice E. Müller in Bern waren damals führend in der Behandlung von Knochenbrüchen mit Platten und Schrauben. Sie hatten ihr Wissen in der AO-Stiftung zusammengetragen. Synthes, ihre amerikanische Tochterfirma, steckte in finanziellen Schwierigkeiten. Wyss wurde als Berater beigezogen, und 1977 beteiligte er sich finanziell an Synthes.

Während sich die neue Operationsmethode in Europa mehr und mehr durchsetzte, waren die Amerikaner noch zurückhaltend, ja sie bekämpften sie sogar. Allgöwer habe ihn überzeugt, dass sich die neue Technik auch in den USA durchsetzen werde, dort entstehe ein grosser Markt. Bis dahin war Synthes eine reine Verkaufsgesellschaft, unter der Leitung von Wyss wurde mit dem Bau von Produktionsstätten begonnen.Als der Weltkonzern Johnson & Johnson das Unternehmen 2012 übernahm, war Synthes zu einem Unternehmen mit 12 000 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von 4 Milliarden US-Dollar herangewachsen. Hansjörg Wyss erhielt für seinen Anteil von 48 Prozent an Synthes rund 9 Milliarden Franken. Damit gehört er heute zu den reichsten Schweizern, er lebt aber mehrheitlich in den USA – allerdings ohne einen US-Pass zu haben.

Glück und Können

Hedi Wyss hat in langen Gesprächen mit ihrem Bruder versucht, die Gründe für seinen Erfolg herauszufinden. Er selber sagt, es sei in erster Linie Glück gewesen. Das Buch zeigt aber, dass er offenbar rasch erkannte, wenn in seiner Firma etwas schieflief. Und dann handelte er sofort: Synthes-Manager, die er als unfähig erachtete, entliess er auf der Stelle. Die Anstellung der richtigen Leute sei eine Hauptaufgabe des Konzernchefs – trotz sorgfältiger Auswahl habe er sich bei der Hälfte der Entscheide getäuscht, sagt er. Noch wichtiger ist in seinen Augen die Innovation. Die Entwicklung neuer Synthes-Produkte unterstand ihm direkt. Dabei kümmerte er sich ums kleinste Detail. Er verlangte nicht detaillierte Businesspläne, sondern einfache Konzepte, die aufzeigten, welchen Nutzen die Neuentwicklung den Patienten bringt.

Hansjörg Wyss ist für seine Schwester nicht restlos fassbar. «Er ist der Star, weil er eine ungewöhnliche Persönlichkeit ist. Bescheiden einerseits, trotz des Geldes, immer auf Draht, auch jetzt in einem Alter, da andere sich längst zur Ruhe gesetzt haben, herrisch, liebenswürdig, grosszügig, lustig», schreibt sie. Und weiter: «Die Adjektive fliegen mir nur so zu. Immer, wenn mir eines in den Sinn kommt, dann finde ich, das Gegenteil stimme irgendwie auch. Denn manchmal schmilzt mein Herz fast vor Liebe zu meinem Bruder, der so originell und lustig sein kann.»

Lange hatte sie wenig Kontakt mit ihm gehabt, und dann hatte sie Mühe, den richtigen Zugang zu finden. Denn ihre Lebenswege waren völlig unterschiedlich. Hedi Wyss wurde als gesellschaftskritische, ökologiebewusste und feministische Autorin bekannt. «Die Jahre der Studentenrevolution in den Sechzigern, die feministische Bewegung, all das war wichtig für mich», schreibt sie. Sie lief an Demonstrationen gegen Atomkraftwerke und für die Frauenrechte mit. Eines Tages entdeckt sie, dass ihr Bruder auf der andern Seite steht, auf jener der Kapitalisten. Und dieser Bruder schenkt ihr zudem noch ein grösseres Vermögen, sodass auch sie plötzlich zu den Reichen gehört, die sie viele Jahre bekämpft hat. Sie ist unsicher, ob sie weiterhin Kleider aus dem Secondhandladen kaufen darf oder ob sie jetzt in den teuren Boutiquen an der Zürcher Bahnhofstrasse einkaufen muss – denn leisten kann sie es sich ja.

Der Umweltschützer

Da entdeckt sie eine weitere Seite ihres Bruders: Er ist einer der grössten Spender weltweit. Dank der Wyss Foundation sind in den USA Naturschutzgebiete ausgeschieden worden, welche grösser sind als die Schweiz. In den Rocky Mountains hat er einer Öl- und Gasförderfirma die Schürfrechte abgekauft, um die dortige Wildnis zu schützen. Wyss erhielt dafür die höchsten amerikanischen Auszeichnungen und den persönlichen Dank des damaligen Präsidenten Bill Clinton.

Der Harvard University spendete er einen dreistelligen Millionenbetrag. Dem Basler Kunstsammler Ernst Beyeler half er bei der Finanzierung seines Museums. Im vergangenen Jahr kündigte er an, er stelle zusammen mit Ernesto Bertarelli mehrere Hundert Millionen Franken für ein Forschungszentrum in Genf zur Verfügung. Daneben hat er viele weitere Projekte unterstützt – vielen Empfängern hat er verboten, darüber zu sprechen. An Sitzungen ging er häufig zu Fuss oder mit dem Velo, um einige Dollars zu sparen. An der Sitzung selber stiftete er dann aber mehrere Millionen.

Widersprüchlich ist auch sein Verhältnis zur Umwelt: Er prognostiziert der Menschheit wegen des Klimawandels eine düstere Zukunft, aber gleichzeitig ist er ein Flugzeugfan: Er hat in der Schweiz eine von der Armee ausgemusterte Mirage und einen Hunter gekauft und sie eigenhändig in die USA geflogen. Er besitzt einen Falcon, das Luxusprodukt unter den Geschäftsflugzeugen, den er zusammen mit dem Co-Piloten durch die USA und über den Atlantik steuert.Zu runden Geburtstagen lädt er Freunde und Bekannte zu Bootsfahrten samt Übernachtungen im Zelt in der Wildnis ein. Er besitzt ein Ferienhaus in Lauenen. Von dort aus geht er Ski fahren und langlaufen. Am Genfersee hat er eine Villa gekauft. Er besitzt ein Haus in Kalifornien und eines in Martha’s Vineyard, dort, wo Amerikas Reiche und Staatspräsidenten ihre Ferien verbringen.

Nicht nur eitel Sonnenschein

Eher unglücklich verliefen seine Beziehungen zu Frauen. Mit der ersten Frau hat er eine Tochter, sein einziges Kind. Die Ehe wurde geschieden. Die zweite Frau verliess ihn nach mehreren Jahren. Freunde meinen, weil er zu dominant war. Dann ging er eine Beziehung mit einer 35 Jahre jüngeren Schweizer Diplomatin und Pianospielerin ein. Er lernte sie kennen, nachdem sie per Inserat einen Mann mit Flugzeug gesucht hatte, weil sie ihr Pilotenbrevet erneuern wollte. Die Beziehung ging nach wenigen Jahren in die Brüche. Jetzt ist er mit einer Psychotherapeutin zusammen, die nur ein Jahr jünger ist als er.

Auch geschäftlich gabs Rückschläge, etwa als vier führende Synthes-Mitarbeitende zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Sie hatten den Knochenzement Norian für Operationen an der Wirbelsäule verwendet. Dafür war er nicht zugelassen. Als einige Patienten nach der Operation starben, kam es zum Prozess. Laut Wyss ist nicht bewiesen, dass die Patienten an Norian starben. In einem Artikel im Magazin «Fortune» wurde 2012 behauptet, Wyss habe von den Anwendungen wissen müssen. Er bestreitet das: Er habe es nicht gewusst, und es habe nie eine Untersuchung gegen ihn gegeben.Während andere Universitäten Wyss den Ehrendoktortitel verliehen, hat die Universität Bern mit ihm einen Rechtsstreit ausgefochten. Konkret ging es um ein Patent der AO-Stiftung für die Wirbelsäulenchirurgie, das in Bern mitentwickelt worden war. Im Juli 2012 verlor die Hochschule den Prozess vor dem Bundespatentgericht in St. Gallen.

Ergebnislos verliefen die Gespräche über den Ausbau des Kunstmuseums Bern. Wyss stellte als Mäzen bis zu 10 Millionen Franken für Bau und Betrieb in Aussicht. Doch sämtliche Projekte scheiterten. Vielleicht wäre die Erbschaft von Cornelius Gurlitt ein Anlass, die Kontakte wieder zu vertiefen. (Der Bund)

(Erstellt: 15.05.2014, 09:00 Uhr)

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Familiengeschichten

Das Buch Hansjörg Wyss – Mein Bruder ist im Efef-Verlag in Wettingen erschienen. Verkaufspreis ca. 25 Franken. Hedi Wyss wurde 1940 in Bern geboren. Während ihres Studiums arbeitete sie als Volontärin beim «Bund». Sie war Redaktorin bei der Zeitschrift «Die Frau». Seit 1969 ist sie freie Journalistin und Schriftstellerin. Ihre bekanntesten Bücher sind: «Das rosarote Mädchenbuch»; «Der violette Puma»; «Bubikopf und Putzturban – ein Porträt der Mutter von Hedi und Hansjörg Wyss». Hansjörg Wyss wurde 1935 in Bern geboren. Er schloss die Ausbildung an der ETH Zürich als Bauingenieur ab, und anschliessend erwarb er an der Harvard Business School den Master of Business Administration (MBA). Er arbeitete für Firmen wie Chrysler und Monsanto. 1977 wurde er Präsident und Aktionär des Medizintechnikunternehmens Synthes. 2012 verkaufte er seine Beteiligung an Synthes an den US-Konzern Johnson & Johnson. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 11 bis 12 Milliarden Franken.

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