«Die Event-Kultur zerstört den öffentlichen Raum»

Was zeichnet einen guten Platz aus? Stadtforscher und ETH-Professor Christian Schmid über Kommerz im öffentlichen Raum, Piazzas und übermütige Architekten.

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Misswahlen auf dem Bundesplatz, «Superstar»-Casting auf dem Waisenhausplatz. Wie viel Kommerz erträgt eine Stadt?
Diese Event-Kultur zerstört den öffentlichen Raum, die Festivalisierung und Kommerzialisierung der Innenstädte muss gebremst werden. Mit solchen Anlässen wollen sich private Unternehmen in den Vordergrund drängen und kapern so den öffentlichen Raum, das gemeinschaftliche Gut einer Stadt. Und das erst noch gratis.

Was halten Sie als Stadtforscher vom Vorschlag, auf dem Waisenhausplatz eine Event-Halle zu errichten?
Die Altstadt von Bern ist ja bereits unglaublich dicht bebaut. Der leere Raum zwischen Bundes- und Waisenhausplatz gibt der Stadt Luft, Weite, Grosszügigkeit. Diese Fläche darf man nicht zubauen.

Noch in den 1960er-Jahren wollten die Stadtplaner eine halbe Autobahn über den Bärenplatz führen. Wie hat sich die Funktion der Plätze seither verändert?
Damals herrschte Funktionalismus und waren die Planer sehr uninspiriert. Den Plätzen als urstädtisches Element hat man kaum Beachtung geschenkt. Heutzutage sind lebendige Plätze elementar für die Lebensqualität der Leute und auch das Image der Stadt. Die Leute treffen sich im öffentlichen Raum. Sie lieben es, zu flanieren oder auch einfach die Atmosphäre zu geniessen. Früher fuhren sie nach der Arbeit möglichst schnell nach Hause. Bis in die 1970er-Jahre war es in vielen Städten den Cafés verboten, draussen Tische aufzustellen. Dieses Denken hat sich radikal verändert.

Heute wünschen sich viele Menschen «Piazza-Feeling» im öffentlichen Raum. Was macht einen guten Platz überhaupt aus?
Das ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Einen gelungenen Platz erkennt man etwa daran, wenn Leute darauf verweilen und sich ungezwungen hinsetzen. Dazu braucht es nicht zwingend Bänke. Eine gepflegte Oberfläche reicht oftmals als Sitzgelegenheit aus. Beim neuen Sechseläutenplatz am Zürcher Bellevue hockten die Leute vom ersten Tag an auf den blanken Valser Gneis, der sich durch die Sonne erwärmt.

Architekten versuchen mit Plätzen oftmals einen grossen Wurf zu landen. Wo liegen die Grenzen der Kreativität?
Es gibt Flächen, wo die Leute auf den Bänken aufgereiht sind wie in einem Hühnerstall. Problematisch ist, wenn Designelemente und nicht die Brauchbarkeit des Platzes im Vordergrund stehen.

Wie beurteilen Sie die Plätze der Berner Innenstadt insgesamt?
Der Bundesplatz mit dem Wasserspiel ist über die Landesgrenzen hinaus ein architektonisches Vorbild. Der Waisenhausplatz ist in der Tat kein Meisterwerk. Ein neuer Belag würde den Ort ohne Zweifel einladender machen. Zusätzliche Bäume sind ebenfalls denkbar. Wichtig ist, dass der Bundes-, der Bären- und der Waisenhausplatz von den Behörden als Einheit wahrgenommen werden. Es lohnt sich, bei der Planung eine Gesamtschau vorzunehmen und eine breite öffentliche Diskussion zu führen.

Die Stadt Bern verfügt im Gegensatz zu Zürich mit dem Platzspitz über keinen eigentlichen Stadtpark. Wo sehen Sie hierbei Entwicklungspotenzial?
Parks sind für Städte ein sehr wichtiges Element. Es sind Orte, die Bewohner und Besucher einladen, hier eine schöne Zeit zu verbringen. Für mich als Aussenstehender ist klar: Bern ist eigentlich eine Stadt in einer weiten Parklandschaft. Wenn ich auf der Grossen Schanze stehe, sehe ich überall ins Grüne, Wälder breiten sich an den Stadtgrenzen aus, die Aare zieht sich wie ein grünes Band durch Bern. So macht es meiner Ansicht nach auch keinen Sinn, etwa auf der Schützenmatte einen Stadtpark anzudenken.

Wo besteht Nachholbedarf?
Die Aare sollte von der Innenstadt her besser erschlossen werden. Sei dies mit einem Lift, einer Rolltreppe oder einer Seilbahn. Damit auch Leute an den Fluss gehen können, die nicht gut zu Fuss sind – und davon gibt es ja viele.

Welches ist eigentlich ihr persönlicher Lieblingsplatz?
Der Markusplatz in Venedig hat für mich eine ganz spezielle Ausstrahlung. Es liegt aber weniger an der Gestaltung des Ortes als an der einmaligen Lage. (Der Bund)

(Erstellt: 09.10.2014, 10:05 Uhr)

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Zur Person

Christian Schmid ist Professor für Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich. Zwischen 1997 und 2001 arbeitete er am Geographischen Institut der Uni Bern.

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