Die Bon-Jovi-Nostalgiefabrik

Bon Jovi, die Meister der angerockten Kuschel-Balladen und der riesigen Stadion-Hymnen, bespielten das Berner Stade de Suisse – und liessen 29'000 Zuschauer in der eigenen Vergangenheit schwelgen.

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Erinnerungen lassen sich nicht umarmen, sang einst der Proto-Punk Johnny Thunders. Nun ist nicht anzunehmen, dass viele der 29'000 Zuschauer im bei weitem nicht ausverkauften Berner Stade de Suisse dieses pophistorische Bonmot präsent hatten. Und falls doch, dann wollten die Konzertbesucher dieses am Sonntagabend unterwandern – mit dem Zelebrieren der eigenen, in den Achtzigern- oder frühen Neunzigerjahren durchlebten Jugend, ermöglicht durch den Soundtrack von Bon Jovi, den Meistern der angerockten Kuschel-Ballade und der riesigen Stadion-Hymne. Nostalgie heisst denn auch das Programm bei der Berner Rückkehr von Jon Bon Jovi und seinen Komplizen, wo sie vor sieben Jahren das damals neue Fussballstadion konzertant einweihte. Der Gegenwart kann die Band aus New Jersey ohnehin nicht sehr viel abgewinnen: Die Hitmaschine Bon Jovi, die in den dreissig Karrierejahren über 135 Millionen Tonträger verkauft hat, ist spätestens seit ihrem aktuellen, zwölften Album «What About Now» im stimmungshochhaltenden Selbstzitat erschöpft. Und auch die Zukunft scheint nicht der beste Freund der Band zu sein, steht diese wegen fehdeartigen Streitereien zwischen Jon Bon Jovi und dem Gitarristen und Co-Songwriter Richie Sambora in der Schwebe. So sehr, dass Gitarrero Sambora auf der trotzig betitelten «Because We Can»-Europatournee fehlt und durch den gesichtslosen Studio-Musiker Phil X ersetzt wurde.

Der letzte Schwof

So muss selbst das Bühnenbild in eine mythisch überhöhte Vergangenheit flüchten: Unter einer überdimensionierten American-Dream-Karosse spielt sich der 51-jährige Jon Bon Jovi mit seinen übriggebliebenen Original-Gefährten David Bryan an der Keyboard-Konsole und Tico Torres am sportlichen Schlagzeug durch ein karriereumspannendes Set.

Auch wenn Jon «a lot of surprises» ankündigt und einige Die-Hard-Fans im sogenannten «Diamond Circle» mit selten gespielten Liedern beglückt, liegt der Schwerpunkt, natürlich, auf den ewigen Ohrwürmern. Fast alle sind sie da, die Superhits: «You Give Love a Bad Name» wird als erstes verbraten und mit einem Sing-a-Long beendet, bei «I’d Die for You» erklingen erstmals die Synthesizer-Fanfaren, die einst den Haar-Hardrock Marke Bon Jovi und Konsorten prägten, die Menge skandiert «It’s My Life», während die allgemeine Stimmung meist dann ins Maue und Laue abdriftet, sobald neuere Melodien die Nostalgiefabrik ins Stottern bringen. Und wenn der eigene Katalog nicht mehr ausreicht, wie gleich ganz zu Beginn des über zweieinhalbstündigen Konzerts, dann stimmt Jon Bon Jovi im roten Gilet ranschmeisserisch den Bar’n’Pub-Allerweltsschlager «Rockin’ All Over the World» an.

Ohne seinen Widerpart Richie Sambora gehört die Show ganz dem einstigen Schuhverkäufer John Francis Bongiovi. Im ausufernden «Keep the Faith» lässt der ewige Bravo-Starschnitt seine zwei Schattengitarristen von der Leine, doch das letzte Solo, es gehört ihm – gleich wie die akustischen Einlagen, die Gänge über den Laufsteg und die ganz ganz grossen Emotionen. Diese branden bei der glückseligen Urmelodie «Livin’ on a Prayer» auf. Und im Stade de Suisse fühlt es sich ein wenig so an, als könnte man die süssen Erinnerungen an den letzten Schwof in der Dorfschulaula doch umarmen.

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.06.2013, 22:13 Uhr)

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