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«Die Ausstiegs-Debatte läuft wie ein Schönheitswettbewerb»

Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 21.05.2011 6 Kommentare

Nächste Woche entscheidet der Bundesrat über den Atomausstieg. Eduard Kiener, früherer Direktor des Bundesamts für Energie, fordert eine neue Energiepolitik – und will die Option Atom trotzdem offenhalten.

«Die Bürger sind noch nicht zu einem grundlegenden Umbau des gesamten Energiesystems bereit»: Eduard Kiener, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Energie.

«Die Bürger sind noch nicht zu einem grundlegenden Umbau des gesamten Energiesystems bereit»: Eduard Kiener, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Energie.

Eduard Kiener

Eduard Kiener, Jahrgang 1938, ist in Bern geboren und aufgewachsen. An der ETH studierte er Maschineningenieur, danach Nationalökonomie und Betriebswirtschaft in Bern, wo er mit dem Doktorat abschloss. Er arbeitete kurze Zeit bei der Wifag und als Assistent an der Uni. 1973 trat er in die Bundesverwaltung ein, zunächst als Mitarbeiter der Zentralstelle für Organisationsfragen. Ab 1975 arbeitete er im Bundesamt für Energie, von 1977 bis 2001 als dessen Direktor. Eduard Kiener ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Er wohnt in Kirchlindach

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Zehntausend Menschen werden am nationalen Anti-AKW-Marsch vom Sonntag erwartet. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Das erinnert mich an die Grossdemonstrationen in den 1970er-Jahren. Die Anti-Atom-Bewegung ist in der Schweiz in den letzten Jahren wieder erwacht, als die Projekte für neue KKW angekündigt wurden. Aber erst Fukushima hat ihr zu einem kräftigen Schub verholfen.

Sie haben im Februar für ein neues AKW in Mühleberg geworben. Denken Sie immer noch gleich?
Fukushima hat mich erschüttert. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein solcher Unfall in einem hoch technologisierten Industrieland passieren kann. Nach Tschernobyl konnte man zu Recht feststellen: Schuld ist ein schlechtes Betriebssystem und ein politisches System, das die Verantwortung mangelhaft regelt. Nach Fukushima können wir nicht mehr sagen, so etwas sei im Westen nicht möglich.

Deshalb haben viele Schweizerinnen und Schweizer das Vertrauen in die Atomkraft endgültig verloren.
Ein neues KKW hat in einer Volksabstimmung in absehbarer Zeit keine Chance. Ob sich daran jemals wieder etwas ändert, ist offen. Die aktuellen Gesuche für neue KKW sind auf jeden Fall hinfällig. Gleichzeitig gibt es aber Fakten, an denen sich nichts geändert hat: Erstens nimmt der Stromverbrauch weiterhin zu. Zweitens haben alle Energieträger ihre Vor- und Nachteile, die Kernenergie ebenso wie erneuerbare und fossile Energien.

Steht die Schweiz vor der «Energiewende»?
Wende würde bedeuten, dass alles anders wird: Der Stromverbrauch sinkt, Elektroheizungen werden durch Wärmepumpen ersetzt, Haushalte und Industrie benutzen nur noch stromeffiziente Geräte und Motoren, es gibt keinen Widerstand mehr gegen höhere Staumauern, kleine Flusskraftwerke und neue Stromleitungen.

Sie glauben nicht daran?
Unsere Energiewelt wird jetzt nicht plötzlich besser. Sicher, die Politik wird Massnahmen ergreifen. Aber die Bürger sind noch nicht zu einem grundlegenden Umbau des gesamten Energiesystems bereit.

Wie sähe dieser Umbau aus?
Wir müssen unsere stark fossil ausgerichtete Energieversorgung so umbauen, dass sie weitgehend auf erneuerbaren Energien beruht und die Energie wesentlich sparsamer eingesetzt wird. Denkbar ist auch eine Kombination aus Erneuerbaren und Kernkraft. Diese Variante würde ich vorziehen.

Kernkraft? Sie sagen selber, ein neues AKW habe keine Chance. Genau deshalb wird der Bundesrat nächste Woche den Atomausstieg oder zumindest ein unbefristetes Moratorium verkünden.
Der Bundesrat sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es wäre falsch, die Option Kernenergie fallen zu lassen. Es wird eines Tages Reaktoren geben, die noch sicherer sind als die heutigen.

Nur mit dem Verzicht auf ein neues AKW steigt der politische Druck, Alternativen zu fördern.
Wir müssen die Energie rationeller nutzen und erneuerbare Energien stärker fördern, damit die Kernenergie obsolet wird. Ein formeller Atomausstieg wäre aber falsch, denn er liesse sich später nur schwer korrigieren, wenn sich herausstellen sollte, dass die Gesellschaft nicht bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.

Die Betroffenheit über Fukushima wird bald nachlassen. Das Zeitfenster für neue Fördermassnahmen steht nur kurz offen. Umso wichtiger wäre doch ein rasches Signal des Bundesrats?
Die Debatte über den Atomausstieg läuft wie ein Schönheitswettbewerb – jeder will es besser respektive schneller machen. Aber wir sollten den Ausstieg erst beschliessen, wenn Parlament und Volk tatsächlich die nötigen Massnahmen für eine neue Energiepolitik bewilligt haben. Was ist nach dem Unfall in Harrisburg passiert? Es gab einen Bericht der Geschäftsprüfungskommission. Und nach Tschernobyl? Wir haben Ausstiegsszenarien erarbeitet, für die sich schon bald niemand mehr interessierte. Unsere Energiepolitik der letzten 30 Jahre ist eine Geschichte der verpassten Chancen. Besonders folgenschwer war das Nein des Stimmvolks zu einer Förder- und Lenkungsabgabe im Jahr 2000.

Sie trauen dem Volk keinen Meinungsumschwung zu?
Ich bin vorsichtig. Schauen Sie nur den Widerstand gegen höhere Strompreise und eine Benzinabgabe an.

Sie sehen also keine Mehrheit für die Massnahmen, die nötig wären, um den Atomstrom zu ersetzen?
Man muss ehrlich sein: Der Atomausstieg ist schwierig. Ich habe das durchgerechnet.

Wie sieht die Rechnung aus?
Unsere fünf Reaktoren produzieren 26 Terawattstunden Strom. Mit 800 Windanlagen können wir 4 Terawattstunden ersetzen, mit Biomasse ebenfalls 4, mit zusätzlicher Wasserkraft 2 und mit Geothermie eine halbe. Für die restlichen 15,5 Terawattstunden braucht es etwa 150 Quadratkilometer Sonnenkollektoren.

Was wollen Sie damit sagen?
Der Ausstieg ist machbar, aber er ist eine gigantische Herausforderung. Denn drei Viertel des künftigen Stroms fallen unregelmässig an. Die Einspeisung schwankt zwischen null und der gesamten maximal möglichen Leistung. Wenn Sonne und Wind sehr viel mehr Strom liefern, als das Netz aufnehmen kann, ist das eine riesige Herausforderung. Um dem zu begegnen, müssen weit mehr Pumpspeicherwerke gebaut werden. Zudem ist ein massiver Ausbau des Leitungsnetzes und der Speicherkapazitäten nötig. Neue Pumpspeicherwerke, neue Strommasten, Windräder an exponierter Lage, grosse Flächen an Fotovoltaik-Anlagen, erhöhte Staumauern – all das wird auf Widerstand stossen.

Das ist ein Extremszenario. Realistischerweise wird man den Atomstrom nicht allein mit erneuerbarer Energie ersetzen. Es wird auch Gaskraftwerke geben.
Wer den Atomausstieg befürwortet, wünscht sich in der Regel Öko-Strom, also nicht fossilen Strom.

Selbst SP und Grüne sind inzwischen bereit, über Gaskraft zu reden.
Dann muss man aber ehrlich sein und nicht länger von Klimaschutz reden. Wir erreichen schon jetzt unsere CO2-Reduktionsziele nicht.

Wir können das durch Gaskraftwerke verursachte Treibhausgas mit Klimaschutzprojekten im Ausland kompensieren.
Das ist richtig. Trotzdem fände ich einen solchen Atomausstieg heuchlerisch.

Gaskraftwerke sind vielen lieber als Atomkraftwerke.
Mir ist klar, dass es auf Gaskraftwerke hinausläuft, obschon wir damit stark von Russland abhängig werden. Trotzdem müssen wir irgendwann aus der fossilen Energie aussteigen. Denn Öl und Gas werden versiegen, die Frage ist höchstens, wann.

Soll man zur Förderung der erneuerbaren Energien den Geldhahn voll öffnen und alle beim Bund gemeldeten Projekte subventionieren?

Wir müssen die erneuerbaren Energien stärker fördern. Ein kontinuierlicher Aufbau ist aber sinnvoller als eine hektische Subventionierung. Es wäre zum Beispiel falsch, jetzt unbeschränkt Geld in die noch sehr teure Fotovoltaik hineinzupumpen. Die Kosten dieser Technologie sinken. Wenn wir etwas zuwarten, erzeugen wir mit dem gleichen Subventionsfranken deutlich mehr Strom. Wir müssen unbedingt die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Zudem sollten wir nicht nur über den Strom reden – im Moment besteht das Risiko, dass die übergeordnete Sicht verloren geht.

Warum?
Es ist falsch, alles nur der Frage unterzuordnen, wie sich Atomstrom ersetzen lässt. Wir müssen wie gesagt die ganze Energieversorgung umbauen und die fossilen Energien ersetzen. Wir sind in einer permanenten Elektrifizierungsphase, es kommen immer neue Anwendungen hinzu. Wir brauchen Wärmepumpen und Solarwärme ebenso wie Fotovoltaik. Die Nutzung erneuerbarer Energie und der rationelle Energieeinsatz bedeuten in vielen Fällen höheren Stromverbrauch, zum Beispiel für die Wärmerückgewinnung.

Was ist die sinnvollste Art, die Stromeffizienz zu verbessern und Erneuerbare zu fördern?
Es gibt viele, noch ungenutzte Möglichkeiten. Wir brauchen eine verstärkte Förderung und zu ihrer Finanzierung eine Abgabe auf allen Energien. Wir müssen Gebäude sanieren und mit Vorschriften dafür sorgen, dass Elektroheizungen verschwinden und Haushaltgeräte sowie Pumpen und Motoren in der Industrie sparsamer werden. Bei den erneuerbaren Energien müssen wir prioritär jene mit gutem Kosten-Nutzen-Verhältnis fördern.

Sie schildern den Atomausstieg als schwierig – der Einstieg war es
auch: Die Kernkraft wurde erst eine Option, nachdem der Bund 20 Jahre in diese Technologie investiert hatte.

Das stimmt nicht. 1963 sagte der Bundesrat, die Stromwirtschaft solle keine Ölkraftwerke bauen und direkt in die Kernenergie einsteigen. 1969 ging unsere erste Anlage ans Netz, ein im Ausland industriell hergestellter Reaktor. Es stimmt auch nicht, dass die Schweiz mehr Geld für Nuklearforschung ausgibt als für Forschung im Bereich der erneuerbaren Energien. Zwar hat die Nuklearforschung etwa 20 Jahre früher begonnen. Seit vielen Jahren unterstützt der Bund aber die erneuerbaren Energien und die rationelle Energienutzung stärker.

Was ist realistisch: Wie viel Atomstrom lässt sich bis wann ersetzen?
Ich gehe davon aus, dass der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie bis zur Mitte des Jahrhunderts mit erneuerbaren Energien möglich wäre – wenn der Wille dazu da ist. Sinnvollerweise würden die bestehenden KKW weitergenutzt, bis sie komplementär zum Zubau der erneuerbaren Energien abgeschaltet werden könnten.

Gibt es eine Situation, in der die Kernkraft wieder ins Spiel kommen könnte?
In einem dicht besiedelten Land wie der Schweiz hat die Kernenergie nach Fukushima erst wieder eine Chance, wenn ein Reaktortyp der 4. Generation auf den Markt kommt. Er soll garantieren, dass die Auswirkungen eines Unfalls auf das Standortgelände beschränkt sind. Ein solcher Reaktor steht wahrscheinlich erst in 20 oder 30 Jahren zur Verfügung. (Der Bund)

Erstellt: 21.05.2011, 11:01 Uhr

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6 Kommentare

Willy Meyer

21.05.2011, 11:16 Uhr
Melden

Die SP versucht krampfhaft sich als die Ur-Anti-Atom-Partei zu verkaufen... IST SIE EBEN NICHT! Musste schon etwas schmunzeln als ich das las! Antworten


Marie Meyer

21.05.2011, 11:22 Uhr
Melden

Der Bund hat uns doch schon im Januar mit einem Samstagsinterview mit Herrn Kiener und seiner Hymne Pro-AKW beglückt... Was ich mich frage ist, ist die SP glaubwürdig als Anti-Atom-Partei mit solchen Exponenten? Antworten



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