Bern

Der loyale Lautsprecher

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 19.10.2012

Vor 16 Jahren forderte Reto Nause die Legalisierung von Cannabis, heute ist er die harte Hand der Berner Regierung – und will sie noch vier Jahre bleiben. Wird er nicht wiedergewählt, hat er «ein Problem».

1/12 Reto Nause, Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie, möchte Bern in den nächsten vier Jahren als Pionierstadt in Sachen Energie in die Schlagzeilen bringen (2012).
Bild: Adrian Moser

   

Reto Nause trank einen Schluck aus seiner Bierflasche, zündete eine Parisienne Super an und hörte zu, was ihm der Papierlose zu sagen hatte. Über zwei Jahre ist das her, im Juli 2010 war es, zu später Stunde auf der Kleinen Schanze, und zwei Tage später war der Erfolg von Nauses Verhandlungen gewiss – die Sans Papiers lösten ihr Camp auf.

«Er ist einer, mit dem man ein Bier trinken kann» – das hört man von allen, die man fragt, wie er sei, dieser 41-Jährige, der seit vier Jahren als Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie für die CVP im Berner Gemeinderat sitzt. Er sei «jovial», «umgänglich». Aber man vernimmt auch, er sei jemand, der «schwer einschätzbar» sei, der sich im Gespräch zuweilen diskussionsbereit zeige und kurz darauf in den Medien zum Zweihänder greife, einer, der «sein Game spielt», «der erste Medienminister Berns».

Feindbild der Fussballfans

Seinen Höhepunkt erreichte das Medieninteresse für Reto Nause Anfang 2011. Nause nannte den Sicherheitszaun zwischen Zugstation und Stadion im Wankdorf einen «Raubtierkäfig» – und zog den geballten Unmut der Fussballfans auf sich. Im April und gleich nochmals im Juli zwangen die Fans des FC Basel die SBB, sie am Hauptbahnhof aussteigen und zum Stadion marschieren zu lassen. Und «Banause», wie er geschimpft wurde, war zum Feindbild der organisierten Fussballfans geworden. Die Heftigkeit der Reaktionen damals habe ihn erstaunt, sagt Reto Nause in seinem Büro an der Nägeligasse. «‹Raubtierkäfig› würde ich heute nicht mehr sagen.»

Straffrei kiffen, mit Doris duschen

Reto Nauses Ruf als Medienpolitiker ist deutlich älter als sein Amt in Bern. Der Hang zur Provokation zieht sich als roter Faden durch seinen Werdegang. Bei den Nationalratswahlen 1995 legte er sich als Präsident der Jungen CVP mit dem Slogan «Politik von heute braucht Biss – keine dritten Zähne» mit den Parteiälteren an. Er weibelte für den EU-Beitritt, indem er Präservative – Marke: «Euroglider» – verteilte. 1996 forderte er im «Blick»: «Legalisiert weiche Drogen.»

Drei Jahre später liess er für den Ständeratswahlkampf seiner Kollegin Doris Leuthard Tausende Duschmittelbeutel mit deren Antlitz bedrucken – der Slogan «Duschen mit Doris» wird seither ihm zugeschrieben, obwohl ihn ein Journalist der «Aargauer Zeitung» schuf. 2001 liess die CVP verlauten, sie gehe ein Risiko ein, als sie den damals 30-Jährigen Provokateur zum Generalsekretär machte. Die Partei scheint den Schritt nicht bereut zu haben. Nause sei ein «ausgezeichneter Mitarbeiter gewesen», sagt der Thurgauer Alt-Ständerat Philipp Stähelin, der damals CVP-Präsident war, «sehr loyal», «mit viel Drive», «locker im Auftritt, konsequent in der Sache».

Mässiger Vermarkter seiner selbst

Wenn es darum geht, seine eigenen Erfolge zu vermarkten, scheint sich Nause eher schwerzutun. Kaum jemand in Bern denkt zuerst an Energiepolitik und Atomausstieg, wenn er an Nause denkt. Dabei stand er hinter dem Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Bern erneuerbar», mit dem der Atomausstieg der Stadt besiegelt wurde. Unter seiner Ägide erhielt Bern das Label Energiestadt Gold.

Doch er selbst hat sich nicht als visionären Energieminister zu labeln vermocht. «Bern wird in Sachen Energie unter Wert verkauft», sagt er. Und was tut er dagegen? «Jetzt warten Sie mal ab. Vielleicht wird die nächste Legislatur jene der Energie- und Umweltpolitik.»

Als Aussenseiter diszipliniert

Angesichts der Grösse und Frequenz der Schlagzeilen, die Nause generiert, läuft man Gefahr, eines zu übersehen: Als Aussenseiter im rot-grünen Gemeinderat zeigt er sich äusserst diszipliniert. Wenig drang in den letzten vier Jahren nach draussen aus den Sitzungen des Gremiums – was angesichts der Konstellation in erster Linie für die Disziplin von Nause spricht, der so oft wie kein anderes Mitglied überstimmt wird. Als Reto Nause im Frühsommer 2011 die Anti-AKW-Campierer auch nach dem neunten Gespräch nicht dazu gebracht hatte, ihr Lager vor dem BKW-Hauptsitz zu räumen, gab er das Geschäft an Stadtpräsident Tschäppät ab.

Er komme mit den Verhandlungen nicht weiter, sagte er damals öffentlich, und erntete Kritik von bürgerlicher Seite, weil es ihm an Rückgrat mangle. Dass er das Camp längst geräumt hätte, wenn er dafür im Gemeinderat eine Mehrheit gefunden hätte, das sagte er nicht. Geräumt wurde das Camp dann trotzdem. Auch als das Plenum im April 2012 eine von Nauses Herzensangelegenheiten, die Videoüberwachung beim YB-Stadion, in der Schublade verschwinden liess, hielt er sich öffentlich zurück. «Unser System ist ein gutes System», sagt Reto Nause, «und ohne Kollegialität funktioniert es nicht.»

«Sehr nah bei der Polizei»

Er habe ein paar Mal verloren in der letzten Legislatur, «aber ich habe auch ein paar Mal gewonnen». Ein regelrechter Coup gelang ihm im Januar 2012: Er überzeugte den rot-grünen Gemeinderat, die Anti-WEF-Demonstranten im Bollwerk einzukesseln und abzuführen.

Noch wichtiger als die Loyalität gegenüber den Gemeinderatskollegen scheint Nause jene gegenüber seinen Mitarbeitern zu sein. Wenn – wie in letzter Zeit ab und an – Polizeieinsätze kritisiert wurden, hielt er sich zurück. Das Bild eines Regierungsvertreters, der der Polizei genau auf die Finger schaut, vermittelte er nie. Er macht kein Geheimnis daraus, dass seine Verbindung zu Regionalpolizeichef Manuel Willi eng ist. «Ja», sagt er, «ich bin sehr nahe bei der Polizei.» Und «ja», er habe als Sicherheitsdirektor «vielleicht eine etwas eingefärbte Optik».

«Das ist das Problem»

Wenn er durch die Feuerwehrkaserne, durch einen Polizei- oder Sanitätsposten gehe, dann treffe er dort «tolle Leute», die «einen sensationellen Job» machten. Er bewundere, was diese leisteten, und es mache ihm Spass, ihnen vorzustehen. «Ich möchte das mindestens noch vier Jahre lang tun.»

Und was, wenn es nicht reicht in fünf Wochen? Wenn ihm eine zweite Amtszeit als Gemeinderat verwehrt bleibt? «Dann habe ich ein Problem», sagt er. Was würde er dann tun? «Eben, das ist das Problem. Ich weiss es nicht.» (Der Bund)

Erstellt: 19.10.2012, 11:27 Uhr

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