Der lange Weg zur neuen Wohnung

Es ist schwierig, in Bern eine Wohnung zu finden. Der Grund: Die Konkurrenz ist zu stark und das Angebot zu klein. Ein Erfahrungsbericht.

Gemeinsam mit Mitstreitern durch fremde Haushalte streifen: Der Andrang bei Wohnungsbesichtigungen - hier in einer Zürcher Liegenschaft – ist gross.

Gemeinsam mit Mitstreitern durch fremde Haushalte streifen: Der Andrang bei Wohnungsbesichtigungen - hier in einer Zürcher Liegenschaft – ist gross. Bild: Keystone

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Jetzt ist es schon wieder passiert. Im Briefkasten liegt ein Couvert einer Berner Liegenschaftsverwaltung. Es lässt nichts Gutes vermuten: Format C4, gerade gross genug für ein Dossier, wie man es vor wenigen Tagen noch eigenhändig zusammengestellt und abgeschickt hat. Und tatsächlich. Der Begleitbrief ist freundlich, aber unmissverständlich. «Leider können wir Ihrem Wunsch nicht entsprechen. Die Wohnung haben wir anderweitig vergeben.» Es ist die vierte Absage in zwei Wochen.

Immerhin hat es das Dossier diesmal bis in den Bewerbungsprozess geschafft. Anders als zuletzt, als kurz vor dem Besichtigungstermin einer schönen Wohnung im Westen Berns die Dame von der Immobilienfirma anrief: Der vereinbarte Besichtigungstermin könne nun doch nicht stattfinden, die Wohnung sei inzwischen vermittelt. Die Konkurrenz ist wahrlich auf Zack, die schnappt einem die Wohnungen schon ausserterminlich weg.

Als Interessentin von 3- bis 3,5-Zimmer-Wohnungen würden die Zahlen eigentlich für einen sprechen: Im Vergleich zu anderen Wohnungsklassen sind auf dem Berner Wohnungsmarkt die 3- bis 3.5-Zimmer-Wohnung noch überdurchschnittlich gut vertreten. 154 leerstehende 3-Zimmer-Wohnungen gibt es. Das entspricht einer Leerwohnungsziffer von 0,53 Prozent, wie die Statistikdienste vergangenen August ausrechneten. Eine Quote, die immerhin leicht über dem städtischen Durchschnitt von 0,44 Prozent Leerwohnungsanteil liegt.

Traummieter gibt es viele

Doch all die Zahlenklaubereien nützen nichts, wenn am Ende doch nur Absagen im Briefkasten landen. Der Berner Wohnungsmarkt ist ein hartes Pflaster. Ein Problem ist die starke Konkurrenz – das Feld der Nachfrager ist zu homogen: Viele Wohnungssuchende müssen sich derzeit schmerzlich vom Irrglauben verabschieden, die einzig wahren Traum-Mieter zu sein. Zu viele sind kaufkräftig, umgänglich, sorgsam.

Und alle sind sie topmotiviert: Sie sind bereit, Besichtigungstermine aneinander vorbeizuzirkeln und sie nach Feierabend noch wahrzunehmen. Sie sind bereit, die Schuhe im Gang abzulegen, falls die derzeitigen Mieter noch in der Wohnung hausen. Um dann in Socken und als einer von zig Interessenten durch die Privaträume von Fremden zu streifen und Details zu Waschplänen und Nachbarschaftsgeist in Erfahrung zu bringen.

Unverbindliche Blumensträusse

Längst haben sich unter den Wohnungssuchenden die gängigen Kniffe herumgesprochen: Man hat sein Umzugsvorhaben im erweiterten Freundeskreis gestreut, um auch an die Wohnungen zu gelangen, die gar nicht erst auf den Inseratplattformen landen werden. Man hat ein Dossier zusammengestellt mit Begleitbrief und Foto und Lebenslauf. Ist die Verwaltung beim Besichtigungstermin vor Ort, bekundet man Interesse, indem man Fragen stellt, und preist sich und seine Solvenz beiläufig an.

Da kommt es bei Wohnungsbesichtigungen bisweilen zu lustigen Situationen: Um den anwesenden Vermieter bildet sich ein kleiner Schwarm. Jeder ist bestrebt, einen möglichst günstigen Eindruck zu hinterlassen. Da werden praktisch geschnittene Küchengrundrisse gelobt, Fachfragen zur Parkettbehandlung gestellt und gemeinsame Bekannte erwähnt.

Auch eine gewisse Bestechungsbereitschaft ist vorhanden. Manche schwören darauf, der Liegenschaftsverwalterin nach dem Besichtigungstermin einen unverbindlichen Blumenstrauss zukommen zu lassen.

«Glück» und «Bauchgefühl»

Doch alles Jammern nützt nichts. Wohnungssuchende suchen kein Mitleid, sie suchen eine Wegleitung: Wie schafft man es, die Ausmarchung bei den Vermietern oder der Verwaltung für sich zu entscheiden?

Die Antwort, die nach einer Umfrage bei drei Berner Liegenschaftsverwaltern zutage kommt, ist für Wohnungssuchende kaum erfreulich: Wer gewisse Mindesterforderungen ohnehin erfüllt, wird die Entscheidung kaum beeinflussen können. Sein «Bauchgefühl» sage ihm, wer die Wohnung erhalte, sagt einer der befragten Vermieter. Und auch die städtische Liegenschaftsverwaltung kann es nicht verhehlen: Am Ende sei immer auch «mehr oder weniger Glück» dabei. Das war zu befürchten.

Aufschlussreich ist es dennoch, wenn sich Vermieter in die Karten blicken lassen: Was erwarten sie von einer Mietpartei? Und kann Bestechung hilfreich sein? Lesen Sie morgen auf DerBund.ch/Newsnet die Antworten auf diese Fragen. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.03.2013, 11:12 Uhr)

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