Der ewige Kampf
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 02.12.2011 1 Kommentar
Artikel zum Thema
Der Herr, der da auf die Bühne steigt und sich eine Gitarre umschnallt, ist kein unbeschriebenes Blatt in der Musikmanege. In den Neunzigern gehörte Hans Platzgumer mit seiner Band H. P. Zinker zur verlängerten Speerspitze der New Yorker Avantgarde, später war er Mitglied der Goldenen Zitronen aus Hamburg. Heute Abend tritt er im Café Kairo auf, und niemand schaut hin. Etwa ein Duzend Neugierige haben es sich im Konzertkeller gemütlich gemacht, das Ganze gemahnt an ein Wohnzimmerkonzert mit sehr prominenter Besetzung, ein bisschen zu intim, um Freude daran zu haben, und bestimmt viel zu intim, um damit Geld zu verdienen.
Doch es ist kein Einzelfall. Auch wenn niemand gerne darüber spricht, ist in der Berner Konzertclub-Szene eine gewisse Unruhe auszumachen – immer öfter bleibt das Publikum aus. Warum dem so ist, weiss niemand genau. Eines ist jedoch klar: Der Kampf um den Konzertzuschauer ist härter geworden. Bei einigen Clubs hat sich die Situation in diesem Jahr verschärft, andere machen seit etwa zwei Jahren eine Zuspitzung der Situation aus. Speziell betroffen sind die Indie-Szene und jene Abende, an denen nicht die ganz grossen Namen affichiert sind. Das «Saint Ghetto»-Festival in der Dampfzentrale – immerhin mit dem Hit-Lieferanten Marc Almond als Aushängeschild – hat vor zwei Wochen unter allen Erwartungen abgeschnitten; am bestfrequentierten Abend sind nur gerade knapp 200 Besucher gezählt worden. Im Fri-Son in Freiburg – traditionell eine Art Aussenstelle des Berner Nachtlebens – spielte letzten Monat die Gruppe Blackmail vor rund 15 Leuten, Señor Coconut im Reitschule-Dachstock brachte es auf 10 Leute (auf der Bühne) und etwa 60 im Publikum.
Und auch im Café Kairo sind U-20-Abende (also jene Konzerte mit weniger als 20 Zahlenden) häufiger als in vergangenen Jahren, ohne dass sich an der Programmation viel geändert hätte. «Wir werden umdenken müssen», sagt der Programmverantwortliche Manuel Gnos, «wir werden künftig weniger Konzerte veranstalten, dafür auf grössere Namen setzen. Die Neugier und die Risikobereitschaft der Leute scheinen abgenommen zu haben. Ob daran die Finanzkrise schuld ist? Man weiss es nicht.»
Genau die gegenteilige Strategie verfolgt das ISC: Keine Risiken mit Hochpreis-Bands geht man hier ein, lieber grast man im unteren Mittelfeld und hofft auf ein nischenspezifisches Stammpublikum. Das geht derzeit einigermassen auf, das Konzert des weitgehend unbekannten norwegischen Singer-Songwriters Moddi vom letzten Donnerstag ist mit circa 100 Zuschauern anständig besucht, und auch sonst ist man im Studentenclub nicht unglücklich mit der Entwicklung. «Im Vergleich zu den letzten beiden Jahren geht es mit dem ISC derzeit eher bergauf», sagt Franziska Scherer vom ISC-Vorstand. «Allerdings ist es noch nicht so, dass wir ob der Besucherzahlen in Begeisterungsstürme ausbrechen. Es muss noch besser werden.»
«Der Aufwand wird grösser»
In der Analyse der Situation kommen alle Beteiligten in etwa auf das gleiche Resultat: Die Konzertclubs leiden unter dem Ausbleiben eines Stammpublikums. Das ist kein neueres Phänomen, aber eines, das den Wettkampf unter den Clubs in letzter Zeit verschärft hat. Befand sich in den vergangenen Jahrzehnten eine halbe Studentenschaft (die alten Füchse unter den Veranstaltern schätzen das Potenzial auf 800 bis 1000 Leute) jedes Wochenende in Bern auf der Suche nach konzertanter Zerstreuung und nach neuen hippen Bands, hat sich diese Laufkundschaft in den letzten Jahren in Bern auf etwa 50 bis 100 Neugierige dezimiert. Wo sich der Rest vergnügt – vor der Playstation, im Heimkino oder in den Kaschemmen der Aarbergergasse: Niemand weiss es genau.
«Musikalische Entdeckungen werden heute nicht mehr in den Clubs, sondern im Computer gemacht», sagt Jane Wakefield von der Organisation Petzi, dem schweizerischen Dachverband der nicht gewinnorientierten Musikclubs. Eine Entwicklung, die auch Sabine Ruch vom Reitschule-Dachstock ausgemacht hat. Und so reiche es heute längst nicht mehr, ein Monatsprogramm zu verschicken und zu hoffen, dass die potenzielle Kundschaft kommen wird. Jedes einzelne Konzert muss mit Plakat-Aktionen und Facebook-Interventionen zielgruppengerecht beworben werden. Gewisse Veranstalter sind gar dazu übergegangen, die Botschaftsvertretungen der Heimatländer ihrer auftretenden Bands in die Promo mit einzubeziehen.
«Ein hochstehendes Programm anzubieten, ist das eine», sagt Christian Krebs vom Veranstalterkollektiv Bee-Flat. «Der Aufwand, dieses Programm zu verkaufen, ist in den letzten Jahren jedoch um ein Vielfaches grösser und teurer geworden.» Mit der Publikumsentwicklung seiner Konzerte in der Turnhalle des Progr ist er zufrieden, doch würde der Mehraufwand für die Bewerbung der Konzerte nicht betrieben, sähe die Situation wohl anders aus.
Wie steht es also wirklich um das Berner Konzertwesen? Mit der Meinung, dass ein Überangebot bestehe, will sich keiner der Veranstalter zitieren lassen, hinter vorgehaltener Hand hört man diese Einschätzung jedoch öfters. Doch auch die Gegenthese findet ihre Anhänger, nämlich dass eine Verkleinerung des Angebots die Attraktivität der Stadt Bern als Ausgeh-Magnet derart ramponieren könnte, dass das auswärtige Publikum gänzlich ausbleiben würde. «Das Angebot der Clubs ist gut abgestimmt», glaubt auch Christian Krebs von Bee-Flat, «es ist ein breites Angebot, aber stilistische Überlappungen sind eher selten.»
Bald portugiesische Verhältnisse
Die grössten Probleme scheinen dort zu entstehen, wo das Wagnis eingegangen wird, auch unbekanntere Gruppen auftreten zu lassen. Mit der Schliessung des Sous-Soul Ende Jahr wird sich die Chance für Newcomer-Bands, in Bern eine Bühne zu finden, drastisch verschlechtern. Eine Misere, die in anderen Ländern bereits dramatische Ausmasse angenommen hat. In einer Stadt wie Lissabon gibt es neben den grossen Theatern und den Fnac-Stores nur noch eine Handvoll Bühnen, die sich einen regelmässigen Konzertbetrieb gönnen, die anderen Clubs haben längst auf Disco-Betrieb umgestellt – das ist billiger, die Leute kommen trotzdem. In Deutschland ist der Markt von preisgünstigen und zeigewilligen Bands geradezu überschwemmt, die Clubs sind in der komfortablen Lage, Niedrigst-Gagen zu bezahlen und mit der Disco im Anschluss an die Konzerte ihr Geld zu verdienen. In Frankreich ist dieses Konzept längst etabliert, der Besucher wird nach dem Konzert mehr oder minder höflich aus dem Club begleitet, für die Disco hat er noch einmal Eintritt zu entrichten. In der Schweiz ist die Lage noch nicht ganz so ernst, entsprechende Tendenzen zeichnen sich jedoch ab.
Sina: Nicht ausverkauft
Doch zurück zu den Konzertanbietern. Ein (unvollständiger) Rundgang durch die Konzertclubs am letzten Wochenende ergibt in der Bilanz ein eher optimistisches als ein explizit betrübliches Bild. Die Berner Gruppe Destilacija hat im Reitschule-Dachstock eine Fünfhunderterschaft Neugieriger mobilisiert, in der Mühle Hunziken horchen gegen 150 Besucher der Crooner-Dame Othella Dallas. Der Freiburger Bänkelsänger Gustav kann im Bierhübeli auf ein 700-köpfiges Auditorium blicken, etwas schlechter hat es an gleicher Stätte letzten Donnerstag ausgesehen, als Kutti MC mit Stephan Eicher seine Plattentaufe feierte: Es kamen nur gerade 400 Leute ins 1000 Zuschauer fassende Bierhübeli. Von einer bernweiten Krise will Bierhübeli-Oberhaupt Philippe Cornu nicht sprechen. «Es wird derzeit eine Menge guter Musik veröffentlicht, aber es ist schwieriger geworden, herauszufinden, ob die Leute dies auch mitbekommen. Die grosse tägliche Herausforderung besteht darin, einzuschätzen, ob eine Newcomer-Band für unseren Club schon genug bekannt ist», sagt er. Kleinere Bands würden daher im Bierhübeli ebenfalls eher an den Wochenenden programmiert, und ans Konzert werde eine Party angehängt. So könne ein allfälliges Defizit abgefedert werden.
Im Kulturhof Köniz steht am Testabend der Walliser Pop-Evergreen Sina auf der Bühne. Ein sicherer Wert, könnte man denken, doch das Konzert ist nicht ausverkauft. Mit etwas über 200 Personen ist der schmucke Dachstock immerhin ordentlich gefüllt. Mit der Entwicklung des Lokals gibt man sich in Köniz aber durchaus zufrieden: «Unser Angebot ist breit, wir können hier keine Nische bedienen, und das Publikum scheint den Mix zunehmend zu goutieren», sagt der Programmverantwortliche Robi Maurer. Ähnlich tönt es aus dem Musig-Bistrot im Monbijou, wo circa 40 Zuschauer dem Konzert der Berner Gruppe Daliah beiwohnen. Das kleine Lokal hat sich in letzter Zeit mit einem grossen Entdeckergeist hervorgetan. Im Bistrot spielen immer wieder Bands, die kurz vor dem Durchbruch stehen, die Veranstalterin Andrea Azzi hat sich das Vertrauen ihrer Kundschaft mit ihrem guten Sinn fürs Kommende erarbeitet. Das klappt freilich nicht immer, und der Ertrag steht in keinem Verhältnis zum Aufwand: Die Einnahmen der Türe gehen vollumfänglich an die Bands.
Was lässt sich lesen aus diesem wetterwendischen Business? Ein Patentrezept zum Erfolg hat keiner. Zum grossen Jammern anzusetzen, traut sich niemand. Ein unbeschwertes Veranstalter-Dasein wird so bald niemand fristen. «Es ist ein launisches Geschäft geworden», sagt Christian Pauli von der Dampfzentrale mit einem Anflug von Wehmut. «Auch wer meint, er habe es in all den Jahren durchschaut, ist vor Überraschungen nicht gefeit.» (Der Bund)
Erstellt: 02.12.2011, 09:46 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Der Trend zu mehr Disco und weniger Live-Bands ist unverkennbar. Liegt vielleicht auch daran, dass Bands welche die Musik nicht (nur) als Hobby betreiben heute höhere Gagen verlangen müssen, da die Einnahmen aus Veröffentlichungen kaum noch etwas hergeben. Stossend in diesem Zusammenhang finde ich vor allem, dass gewisse Lokale in Bern massivst (über)subventioniert werden und andere leer ausgehen. Antworten
Bern
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten



