Bern
Der Student als «Mädchen für alles»
Von Lisa Stalder. Aktualisiert am 09.07.2011
Während des Davis-Cup-Spiels zwischen Roger Federer und dem Portugiesen Rui Machado in der Postfinance-Arena in Bern sitzt ein junger Mann in der Box des portugiesischen Teams: Aufmerksam verfolgt er das Spiel, bei schönen Punkten Machados klatscht er, bei unerzwungenen Fehlern hält er kurz die Luft an. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Bei den Davis-Cup-Spielen ist es die Regel, dass die Teamkollegen, der Trainer und der Physiotherapeut den Spieler anfeuern. Doch Rafael Pinheiro ist weder noch; der 25-jährige Berner studiert an der Uni Basel Sport und Geografie. Doch seit Sonntag ist er der offizielle Betreuer der portugiesischen Davis-Cup-Equipe.
Jobbeschrieb: Spieler entlasten
Sein Vater, ein Brasilianer, sei angefragt worden, ob sein Sohn Lust hätte, sich während des Davis-Cups um die auswärtigen Spieler zu kümmern. Für den Sportstudenten keine Frage: Ohne «einen einzigen Moment zu zögern», habe er zugesagt, erzählt er. Eine solche Aufgabe biete ihm die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen zu sammeln. Und: Er könne seine Portugiesischkenntnisse wieder einmal vertieft anwenden, sagt der schweizerisch-brasilianische Doppelbürger. Obwohl er mit seinem Vater stets Portugiesisch spreche und vor einigen Jahren im Brasilien bei einem Hilfsprojekt gearbeitet habe, habe er zu Beginn der Woche etwas Mühe gehabt, die Tennisspieler zu verstehen. Dies, weil die Portugiesen anders als die Brasilianer die Wortendungen regelrecht «verschlucken». Mittlerweile habe er sich aber an die Aussprache gewöhnt, sagt Rafael Pinheiro und lächelt verschmitzt.
Gefragt nach seinen Aufgaben, antwortet Pinheiro: «Ich mache eigentlich alles.» Er suche die Restaurants aus, führe die Team-Mitglieder vom Hotel zu den Pressekonferenzen oder ins Stadion, organisiere Taxis oder besorge etwas zu trinken. Kurz und gut: «Ich versuche die Spieler so gut wie möglich zu entlasten, damit sie sich aufs Tennisspielen konzentrieren können.» Dabei könne es durchaus vorkommen, dass er ein wenig improvisieren müsse, sagt Pinheiro. So zum Beispiel, als die Portugiesen am Sonntag in Bern eintrafen. Frederico Gil, die Nummer eins Portugals, sei mit vier nigelnagelneuen Schlägern angereist, «dummerweise waren sie alle unbespannt». Da das Training aber schon zwei Stunden später beginnen sollte, hatte Pinheiro nur wenig Zeit, jemanden zu finden, der Abhilfe schaffen konnte. Für Pinheiro, der sich in der Berner Tennisszene bestens auskennt, allerdings kein Problem. «Ich rief im Tenniscenter Sagi-Bolligen an, wo die vier Schläger in Windeseile bespannt wurden.»
Pinheiro ist sich auch nicht zu schade, wenn nötig selber Hand anzulegen. Als Frederico Gil nach drei Tagen in Bern keine saubere Tenniskleidung mehr hatte, fackelte der Student nicht lange: Er nahm den «Riesenberg» an Dreckwäsche in die Wohnung seiner Mutter und füllte damit gleich zwei Maschinen. «Ich fand diese Aktion ganz witzig.» Zumal die portugiesischen Tennisspieler sehr bescheiden und unkompliziert seien. Obwohl er die Spieler und ihren Captain erst seit ein paar Tagen kenne, habe er das Gefühl, bereits ein Teil des Teams zu sein. Und ja, er drücke den Portugiesen die Daumen und hoffe, dass sie ihre Haut gegen Roger Federer und Stanislas Wawrinka möglichst teuer verkauften – nach dem 0:2-Rückstand umso mehr.
Grosses Interesse an Ökologie
Eines blieb Pinheiro, der letzte Woche Berner Tennismeister in der Kategorie R4/R6 wurde, bisher verwehrt: «Nein, ich habe noch nie mit ihnen Tennis spielen können.» Es würde ihn natürlich reizen, ein paar Bälle mit den Profis zu schlagen. Dies auch, weil er gerne einmal auf der schnellen Unterlage spielen würde, die in der Postfinance-Arena eingebaut wurde. «Vielleicht bietet sich ja noch eine Gelegenheit.»
Er geniesse die Zeit als Betreuer des portugiesischen Temas sehr, seine berufliche Zukunft sieht indes etwas anders aus. Er will das Höhere Lehramt absolvieren und dereinst als Gymerlehrer arbeiten. Zurzeit hat der engagierte Student allerdings noch ein anderes Projekt vor sich: Er ist OK-Präsident von «Global View – the future in our hands», ein mehrtätiger Anlass zum Thema Nachhaltigkeit, der im November an der Uni Basel durchgeführt wird. Denn: «Soziale Anliegen und ökologische Themen beschäftigen mich noch mehr als Tennis.» (Der Bund)
Erstellt: 09.07.2011, 11:42 Uhr
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