Der Schlüssel zur guten Stimmung im Konzertsaal

Wenn die weltbesten Solopianisten in Bern auftreten, ist der Klavierstimmer Michael Fuhrer für die richtigen Töne verantwortlich.

Michael Fuhrer sorgt für Stimmung in den Konzertsälen.

Michael Fuhrer sorgt für Stimmung in den Konzertsälen. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Und trotzdem kommen keine Zuschauer, wenn Michael Fuhrer die grossen Bühnen der Schweiz betritt. Der Chefstimmer beim Berner Musikhaus Krompholz stimmt die Konzertflügel für die Superstars unter den Pianisten: für Michael Buchbinder oder Chatia Buniatischwili etwa. Im Kultur-Casino Bern oder im neuen Freiburger Konzerthaus Equilibre.

Fuhrer sorgt aber nicht nur für Stimmung im Konzertsaal. «Oft werde ich zum Psychologen.» Denn je näher ein Konzert rückt, desto nervöser werden die Solisten. Dann wird der Berner Klavierstimmer zur wichtigen menschlichen Stütze für die einsamen Spitzenkünstler, die keine Zeit für Beziehungen haben. «Die Solisten jetten in der ganzen Welt herum, geben Konzerte und üben wie besessen.» Selbst wenn Fuhrer auf der Bühne den Flügel stimmt, übten sie in der Garderobe am Klavier weiter, sagt er. «Das ist schon verreckt.»

Mit Filzband und Stimmschlüssel

Wenn Fuhrer den Flügel für das Konzert stimmt, herrschen totale Stille und absolute Konzentration. Er ist sich bewusst, dass bald 500 Ohrenpaare ganz genau hinhören werden. Für seine Arbeit braucht er lediglich ein Filzband und den Stimmschlüssel. Wenn der Grundton – das «a» – auf 442 Hertz gestimmt ist, arbeitet er nur noch nach Gehör, achtet auf «Schwingungen und Schwebungen». 19 Jahre Erfahrung haben ihn zu einem der besten Stimmer gemacht. In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll Konzertstimmer. Nach der Grundschule hat Fuhrer Klavierbauer gelernt. Danach folgten Weiterbildungen.

So hat er die Steinway-Akademie in Hamburg absolviert. In den fast zwei Jahrzehnten hat Fuhrer sein handwerkliches Geschick bis zur Perfektion verfeinert. Dafür brauche es auch ein bisschen Talent, sagt der gebürtige Emmentaler. Auf dem Kragen seines weissen Hemdes ist der Schriftzug seines Arbeitgebers aufgestickt, die schwarzen Hosen sind frisch gebügelt. Fuhrer bezeichnet sich als Handwerker. Er ist wohl der einzige in eleganter Bürokleidung.

Jetzt setzt er seinen Vierkantschlüssel auf den nächsten Stimmwirbel. Bis zu drei Wirbel spannen im Innern des 120 000 Franken teuren Steinway- Flügels einen der 88 Töne auf. Die Schrauben sind in massives Holz verankert, damit sie die 20 Tonnen Zugkraft der Saiten aushalten. Fuhrer verrät, dass sein Handwerk eigentlich ein physikalischer Betrug ist. «Nur die Oktaven sind wirklich rein gestimmt.» Bei den zwölf dazwischenliegenden Intervallen muss Fuhrer mogeln. Die physikalischen Gesetze laufen dem okzidentalen Harmonieverständnis zuwider.

Der Chefstimmer als Sicherheit

Die «wohltemperierte Stimmung» sei deshalb keine exakte Wissenschaft. Fuhrer zieht ganz leicht an dem Stimmschlüssel. Die Misstöne gehen langsam in einen Wohlklang über. «Man muss immer ein bisschen überdrehen, damit der ganze Wirbel mit dem Gewinde mitdreht.» Danach wieder ganz leicht zurückschrauben. Torsion nennt man dieses Phänomen. Auch nach 19 Jahren beim gleichen Arbeitgeber denkt Fuhrer nicht an eine neue Herausforderung. Er ist ein beständiger Charakter, fest verwurzelt in Bern. «Ich hätte nie in Zürich arbeiten wollen.» Auch Reisen sei nicht so seine Sache. Lieber übt er nach dem Feierabend mit seiner Band. In saloppem Berndeutsch besingt das Trio Schüpp das Leben, die Liebe und die Wahrheit. Fuhrer spielt bei den Auftritten im Hintergrund Saxafon, Harmonium, Melodika oder singt die zweite Stimme. Wenn der Solist im Konzertsaal die ersten Töne anschlägt, dann sitzt Fuhrer jeweils in den Zuschauerreihen. «Die Solisten fühlen sich sicherer, wenn ich während des Konzerts dabeibleibe, um im Notfall einzugreifen.» Wenn die Konzerte vorbei sind, widmet sich Fuhrer auch den gewöhnlichen Klavieren von normalen Leuten. Das mache seinen Job abwechslungsreich. Jede Wohnung, jedes Haus sei anders. In manchen Villen stehen teure Flügel das ganze Jahr unbenutzt herum.

Dann wieder trifft er auf begabte Musikstudenten mit einem schäbigen Klavier. Fuhrer wollte ursprünglich auch Musik studieren, entschied sich dann aber doch für die Lehre als Klavierbauer. «Die Verbindung von Handwerk und Musik hat mich mehr gereizt als tagelanges Üben.» (Der Bund)

Erstellt: 01.12.2014, 14:03 Uhr

Steinway

Der Rolls-Royce unter den Flügeln

Das erste Steinway-Klavier wurde vor rund 200 Jahren heimlich in einer Küche gebaut. Heute zählt die Firma Steinway zu den renommiertesten Klavier- und Flügelbauern der Welt. Der sogenannte Küchenflügel hat dem deutschen Heinrich Steinweg zu Weltruhm verholfen. Während der europäischen Auswanderungsjahre Mitte des 19. Jahrhunderts entschied Steinweg, die Überfahrt nach New York zu wagen. Und so wurde aus Heinrich Steinweg die Firma Henry Steinway. In kurzer Zeit eroberte das Familien­unternehmen den weltweiten Klavier- und Flügelmarkt. Mit 127 angemeldeten Patenten in der Klaviertechnik gilt das Unternehmen heute als treibende Kraft des modernen Klavierbaus. Seine Instrumente gälten heute als die weltbesten, sagt Michael Fuhrer. Auf 90 Prozent aller Konzertbühnen der Welt stehe ein Steinway.

Das Berner Musikhaus Krompholz hat eine ähnlich lange Tradition. Das Unter­nehmen an der Effingerstrasse ist eine der zwei offiziellen Vertretungen für Steinway-Klaviere in der Schweiz. Wie Michael Fuhrer sagt, gibt es beim Stimmen bedeutende Unterschiede zwischen den Klaviermarken. (msc)

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Keinzigartiges Lexikon: Folge 13

Zum Runden Leder Foul oder nicht Foul (V)

Paid Post

Mit einem Klick aktuelle Trends handeln

Eröffnen Sie Ihr Trading-Konto bei Swissquote und suchen Sie sich Ihr Themen-Portfolio aus.

Die Welt in Bildern

In einem Land vor unserer Zeit: In einer abgelegenen Küstenregion Westaustraliens finden Forscher Spuren von verschiedenen Dinosauriern. (27. März 2017)
(Bild: University of Queensland / Damian KELLY) Mehr...