Bern
«Der Bildungsturm beginnt zu wackeln»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 26.11.2011 1 Kommentar
190 Lektionen weniger
Um den geplanten Lektionenabbau einordnen zu können, helfen einige Zahlenspiele: Insgesamt müsste ein Kind während seiner Schulkarriere 190 Lektionen weniger lang die Schulbank drücken. Bezogen auf seine gesamte obligatorische Schulzeit (1. bis 9. Klasse) entspricht dies einem Abbau um lediglich 1,9 Prozent. Im Fach Natur-Mensch-Mitwelt würden gut 3 Prozent aller Lektionen abgebaut, im Fach Technisches und Textiles Gestalten (TTG) 13 Prozent. Nimmt man nur die Primarstufe (1. bis 6. Klasse) als Massstab, so fallen über 5 Prozent der NMM- und fast 18 Prozent aller TTG-Lektionen weg – das wäre immerhin fast jede fünfte Werkstunde.
Eigentlich ist es ja nur eine Schulstunde pro Woche, die den Sparplänen des Regierungsrats zum Opfer zu fallen droht. Bei 25 und mehr Lektionen wird das den Kindern kaum auffallen. Für Pia Rieben geht es aber um mehr als eine kleine Änderung des Stundenplans. «Wenn man am Fundament der Volksschule abgräbt, beginnt der Bildungsturm zu wackeln», sagt die Burgdorfer Schulleiterin. Rieben steht stellvertretend für viele Lehrerinnen und Lehrer hin und legt gegenüber dem «Bund» detailliert dar, welche Konsequenzen die angekündigten Sparmassnahmen für ihre Schule hätten.
Doch zunächst zu den grossen Zahlen: Die Kantonsregierung legt dem Grossen Rat kommende Woche ein Sparpaket im Umfang von 277 Millionen Franken vor. Die Erziehungsdirektion muss 65 Millionen beitragen. Eine der grössten Einzelmassnahmen ist der Abbau von Lektionen in der Primarschule. In der 2. bis 4. Klasse soll je eine Wochenlektion Werken, im 5. und 6. Schuljahr je eine Lektion Natur-Mensch-Mitwelt (NMM) gestrichen werden. Durch den Abbau im Umfang von mehr als 100 Vollzeitstellen sparen Kanton und Gemeinden über 14 Millionen Franken.
«Bei uns möchte niemand sein Pensum reduzieren»
In der Burgdorfer Schule Schlossmatt mit ihren zwei parallelen Klassenzügen gingen damit 16 Wochenlektionen verloren, was einem 60-Prozent-Lehrerpensum entspricht. Werken wird wie fast überall im Halbklassenunterricht erteilt, womit der Abbau einer Stunde pro Klasse gleich zwei Lehrkräfte beträfe. Insgesamt sind die zum Abbau vorgesehenen Stunden auf 12 Lehrpersonen oder die Hälfte des Teams verteilt.
In einem Bericht schreibt die Erziehungsdirektion: «Der Unterrichtsanspruch der Schülerinnen und Schüler wird reduziert, die Lehrkräfte werden jedoch durch diese Massnahme nicht zusätzlich belastet.» Formell stimmt das zwar, konkret müssten jedoch viele Lehrerinnen und Lehrer Lohneinbussen in Kauf nehmen, wenn sie den Abbau ihres Pensums nicht anderweitig kompensieren könnten. «Auf der Unterstufe unterrichten viele junge Berufseinsteigerinnen mit tiefen Löhnen», sagt Schulleiterin Rieben. Bereits heute kommen sie als Klassenlehrerinnen kaum auf ein 100-Prozent-Pensum. Mit dem Abbau würde sich dieses Problem weiter verschärfen. Ausserdem wären vom Lektionenabbau beim Technischen und Textilen Gestalten Fachlehrkräfte besonders stark betroffen.
Dass viele Lehrpersonen sowieso gerne Teilzeit arbeiten würden, lässt Rieben nicht gelten. «Bei uns möchte niemand sein Pensum reduzieren – im Gegenteil», sagt sie. Auch dass es immer wieder kleine Restpensen zu verteilen gebe, sei eine falsche Annahme. Selbst als Schulleiterin wäre Rieben von der Sparübung betroffen. Ihr Anstellungsgrad wird nach Lektionen berechnet.
Weniger Halbklassenunterricht
Doch das ist lediglich die gewerkschaftliche Seite. Betroffen wären auch die Schülerinnen und Schüler, selbst wenn sie sich wahrscheinlich nicht gegen weniger Schule wehren würden. «Immer mehr Kinder haben heute motorische Defizite, Probleme mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen oder bei exaktem, ausdauerndem Arbeiten», sagt Rieben, die seit über 20 Jahren unterrichtet. All diese Fähigkeiten würden im Technischen und Textilen Gestalten gefördert. Hier abzubauen, sei grundfalsch. Hinzu komme, dass während des Werkunterrichts in Halbklassen die persönliche Beziehung zwischen Schülern und Lehrern vertieft werden könne. Auch das Fach NMM sieht die Schulleiterin als wichtige Vorbereitung auf die Berufswelt und das Leben generell: «Hier kann das theoretische Lernen mit der Praxis verknüpft werden. Die Kinder können forschen, entdecken, ausprobieren und eine Beziehung zur Natur entwickeln.» Klar ist bereits, dass der Lehrplan in beiden Fächern angepasst werden muss. Welche Lerninhalte gestrichen werden, ist allerdings noch offen.
Der Abbau hätte übrigens in Burgdorf – und in vielen anderen Schulen auch – noch eine weitere konkrete Auswirkung: Bereits für Zweitklässler begänne neu an einem Morgen der Unterricht bereits um 7.30 Uhr statt um 8.20 Uhr. Dafür hätten sie einen Nachmittag mehr frei. Der Grund: Am Vormittag gelten Blockzeiten, und am Nachmittag darf nicht nur eine einzelne Lektion erteilt werden.
Rieben ist sich bewusst, dass, egal in welchem Fach abgebaut würde, der Widerstand gross wäre. Alternative Sparvorschläge hat sie nicht und kommt zum Schluss: «Bei der Bildung darf nicht gespart werden.» Besonders auf die Palme bringt sie jedoch die Tatsache, dass der ganze Abbau auf dem Buckel der Primarstufe ausgetragen wird. Dieser Stufe werde sowieso zu wenig Wertschätzung entgegengebracht. «Das ist ein Affront», so Rieben, «bei den Kleinen kann man offenbar einfacher sparen.» (Der Bund)
Erstellt: 26.11.2011, 10:06 Uhr
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