Der Bieler Brandstifter könnte sich steigern
Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 15.01.2012 1 Kommentar
Zur Person
Dorothee Klecha begutachtet und therapiert unter anderem Brandstifter. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist leitende Oberärztin und stellvertretende Chefärztin beim Forensisch-Psychiatrischen Dienst des rechtsmedizinischen Instituts der Universität Bern. (mra)
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Dorothee Klecha, Sie beschäftigen sich beruflich mit Brandstiftern mit psychischen Störungen. Wie häufig sind solche Erkrankungen?
Im Rahmen der Begutachtung sehen wir insbesondere jene Fälle, bei denen eine psychische Störung naheliegt. Das ist nur ein kleiner Teil der Personen, die Brandstiftungen begehen. Im Fall von Biel könnten auch ganz andere Motive ausschlaggebend sein.
In Biel brennen seit mehr als einem Jahr regelmässig Autos. Ist ihnen eine so lange Brandserie schon untergekommen?
Ja, solchen Fällen sind wir sowohl in der Begutachtung als auch in der Therapie begegnet.
Was treibt diese Täter an?
Auf diagnostischer Ebene handelt es sich bei den Tätern oft um Personen mit einer Intelligenzminderung, Persönlichkeitsstörung oder einer schizophrenen Störung. Oft spielt auch Alkohol eine Rolle. Hinter den Taten stehen häufig Konflikte, für deren Lösung Strategien fehlen. Oft sind es auch aggressive Motive, die in einer allgemeinen Lebensunzufriedenheit wurzeln. Dann wollen die Täter in einer Form Rache üben oder ihre Aggressionen ausdrücken. Auch ein Gefühl von Überlegenheit und Dominanz sowie Geltungssucht kann eine Rolle spielen. Letzteres wird beispielsweise diskutiert, wo Angehörige der Feuerwehr selber Brände legen.
Was ein Brandstifter anzündet, ist dabei sekundär?
Ja, das Brandstiften kann ein Ventil sein für andere Dinge, oft für negative Emotionen. Seltener geht es auch darum, dass die Personen auf eine eigene, innerseelische Notsituation aufmerksam machen wollen.
Gibt es das klassische Täterbild des Pyromanen?
Pyromanie liegt nur in den seltensten Fällen vor. Diese Kategorie wird noch immer in diagnostischen Handbüchern beschrieben als Störung, bei der Spannung oder Erregung impulshaft abgebaut wird. In der Forschung ist dieses Bild mehr und mehr in Zweifel gezogen worden. Hinter Brandstiftungen können ganz verschiedene Störungen stehen oder ganz verschiedene Auslöser und Motive eine Rolle spielen. Alle diese Fälle muss man ganz individuell anschauen.
Der Polizei ist es bislang nicht gelungen, die Täterschaft für die Brandserie in Biel ausfindig zu machen. Wie hat man es in jenen Fällen geschafft, von denen sie sprechen?
In einem Fall hat es die Person selbst eingestanden, als sie wegen anderer Delikte inhaftiert war. Minderintelligente Personen sind oft in Einrichtungen untergebracht. Da kann sich ein Verdacht erhärten, wenn jemand beispielsweise mehrmals in der Nähe des Brandes anzutreffen war. In einem Fall hat sich eine Täterin der Therapeutin anvertraut. Diese Fälle sind allerdings nicht repräsentativ.
Im Falle von Biel spekuliert man, auch eine jugendliche Bande könnte hinter den Bränden stecken.
Das ist durchaus eine Möglichkeit.
Kann auch ein Jugendlicher ein psychisch kranker Brandstifter sein?
Selbstverständlich.
Die Kantonspolizei zieht nun offenbar auch in Erwägung, ob ein Zusammenhang mit Bränden an Häusern besteht. Wo liegt aus Sicht des Täters der Unterschied darin, ob man Autos oder Häuser anzündet?
Werden Häuser angezündet und damit auch andere Menschen in Gefahr gebracht, könnte das entweder bedeuten, dass der Täter eine Person ist, welche die Folgen ihres Tuns nicht überblicken kann. Oder aber diese Gefährdung wird bewusst in Kauf genommen oder ist gar beabsichtigt. Das könnte eine Progression der Aggression bedeuten.
Dass jemand immer grössere und gefährlichere Brände legen will?
Ja, das ist möglich.
Wird ein Brandstifter immer unberechenbarer, je länger er walten kann?
Das kann man so generell nicht sagen. Es gibt beides: Personen, die immer wieder die gleiche Art von Bränden legen, und Personen, bei denen die Taten Teil eines komplexeren Phänomens sind. Brandstifter etwa, die auch andere Straftaten begehen oder bei denen Brandstiftungen Teil einer kriminellen Progression sind.
Worauf stützen Sie sich, um bei einem Gutachten herausfinden, was einen Brandstifter antreibt?
Erstens: Liegt bei der Person eine psychische Störung vor? Wenn ja, steht die Tat in Zusammenhang damit? Schliesslich fragen wir: Wozu dient diese Brandstiftung? Was will der Täter damit erreichen? In welchem lebensgeschichtlichen Kontext steht die Tat?
Können Brandstifter unzurechnungsfähig sein?
Bei Menschen mit schweren psychischen Störungen kann die Schuldfähigkeit vermindert oder in seltenen Fällen auch aufgehoben sein. Im Fall der angesprochenen Minderintelligenz beispielsweise kann der Täter unter Umständen nicht erkennen, welche Konsequenzen sein Tun hat.
Gibt es Brandstiftung im Affekt?
Ja, hinter einer Serie von Brandstiftung kann möglicherweise stehen, dass der Täter Schwierigkeiten hat, seine Gefühle zu regulieren. Bei Situationen von starker Frustration und negativen Gefühlen kann das Brändelegen zu einer eingeübten Verhaltensweise werden, um Spannung abzulassen oder sich wieder machtvoll zu fühlen. Dies schliesst einen gewissen Planungsgrad allerdings nicht aus.
Was steht hinter Brandstiftung, wo es keine psychischen Störungen gibt?
Hinter Brandstiftungen können instrumentelle Motive stehen: Versicherungsbetrug, Brandlegung zur Verdeckung einer anderen Straftat, politische Motive. Ein Teil begehen Kinder, die abenteuerlustig und risikobereit sind. Ein grosser Teil der Brandstiftungen bleibt ungeklärt. (Der Bund)
Erstellt: 15.01.2012, 00:19 Uhr
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1 Kommentar
Schwierig ist aber auch die Berichterstattung dazu, die Täterschaft liest doch ev. überall mit. Möchte jedenfalls nicht Journalistin sein in der Sache, man weiss ja nicht, warum die Täterschaft so "Zeichen" an die Gesellschaft senden will, die so gefährlich sind und ausschliesslich Leid und Angst verursachen. Antworten
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