«Das Tragen einer Schutzweste ist heute sehr weit verbreitet»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 25.05.2011 2 Kommentare
Er leitet den Fachbereich Eigenschutz an der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch LU: Marco Hofmann.
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Wie häufig wird die Polizei bei Zwangsräumungen beigezogen?
Früher wurden Exmissionen meist von den lokalen Behörden alleine vollzogen. Heute gehört es jedoch zum Alltag, dass die Polizei beigezogen werden muss. Wir haben mehr und mehr Leute, die sich teilweise unter Gewaltandrohung weigern, die Wohnung zu verlassen. In der Regel läuft eine Zwangsräumung dann aber doch glimpflich ab.
Wie informieren sich die Polizisten über die Situation vor Ort?
Teils wird man von den Behörden detailliert über die Vorgeschichte informiert. Teils liegen aber vor dem Einsatz praktisch keine Informationen vor. Meist erledigen lokal stationierte Polizisten mit guten Kenntnissen der örtlichen Gegebenheiten solche Aufgaben.
Klärt man ab, ob Waffen im Haus sind?
Spezielle Massnahmen ergreift man eigentlich nur, wenn frühere Vorfälle mit Waffen bekannt sind. Es ist halt so, dass sehr viele Leute eine Waffe zu Hause haben, ohne auffällig zu werden, und plötzlich passiert so etwas wie gestern. Das ist absolut unvorhersehbar.
Eine Zwangsräumung ist ein massiver Eingriff in die Privatsphäre eines Menschen. Wie werden Polizisten darauf vorbereitet?
Sie lernen, sich vorzustellen, was ein solcher Eingriff für die Betroffenen bedeutet. Daneben erlernen die Polizeischüler auch taktische Grundprinzipien, welche ihnen helfen, mit derartigen Situationen umzugehen und solche und ähnliche Einsätze sicher zu bewältigen.
Wie muss man sich eine Zwangsräumung vorstellen?
Auf jeden Fall nicht als Überfallkommando. Die Betroffenen wurden zuvor mehrmals aufgefordert, die Wohnung zu räumen. Der Zwangsvollzug ist dann nur noch der letzte Schritt und passiert in der Regel mit Voranmeldung. Ein Standardvorgehen gibt es jedoch nicht.
Wenn die Türe verschlossen bleibt: In welchem Fall verschaffen sich die Behörden trotzdem Zutritt?
Dafür braucht es eine amtliche Bewilligung. Die Polizei kann nicht einfach hingehen und die Türe eintreten. In der Regel verfügen die Behörden aber über eine solche Berechtigung und lassen die Türe vom Vermieter oder vom Schlüsseldienst öffnen.
Wann schützen sich die Polizisten selber bei solchen Einsätzen und tragen etwa eine Schutzweste?
Praktisch jeder Polizist in der Schweiz hat eine persönliche Unterziehweste, die etwa vor Pistolenschüssen schützt. Das Tragen ist aber je nach Korps unterschiedlich geregelt und kann von einer Empfehlung bis hin zu einer verbindlichen Weisung gehen. In der Ausbildung sagen wir den Leuten, sie sollen mit dieser zwei bis drei Kilogramm schweren Weste trainieren und sich daran gewöhnen. Tendenziell ist das Tragen der Weste heute auch bei Polizisten ohne verbindliche Weisung sehr weit verbreitet. Es kann aber natürlich sein, dass man die Weste tausendmal trägt, und nichts passiert und genau dann, wenn man ohne Weste unterwegs ist, kommt es zu einem solchen Schusswechsel. Die schwere Weste trägt ein Team nur, wenn Hinweise auf ein Risiko vorliegen. Dass man eine Exmission mit schwerer Weste durchführt, ist absolut unüblich.
Polizisten wissen, dass Kollegen verletzt oder sogar getötet werden können. Wenn es dann wirklich geschieht, was bewirkt das?
Das löst eine enorme Betroffenheit aus – vielleicht auch darum, weil wir in der Schweiz trotz der Zunahme von Gewalt noch immer in einer privilegierten Situation sind. Anders als etwa in Südamerika passiert es bei uns nach wie vor sehr, sehr selten, dass auf einen Polizisten geschossen wird.
Wie können die Kollegen des erschossenen Polizisten wieder normal ihren Dienst leisten?
Für die unmittelbar Betroffenen steht heute überall die nötige Hilfe zur Verfügung. Für die anderen Polizisten sind Gespräche unter Kollegen sehr wichtig und hilfreich bei der Verarbeitung. (Der Bund)
Erstellt: 25.05.2011, 08:19 Uhr
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