Das Flimmern über der Futterkrippe

Carlo Bischoff schaut sich fast alle Filme an, die in Bern laufen. Am liebsten investiert er seine Zeit aber ins Kino in der Reitschule, wo er eine Filmreihe zum Geniessen initiiert hat.

«Viele meinen, die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum. Für uns als Kulturbetreiber trifft das nicht zu», sagt Carlo Bischoff vom Reitschulkino.

«Viele meinen, die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum. Für uns als Kulturbetreiber trifft das nicht zu», sagt Carlo Bischoff vom Reitschulkino. Bild: Adrian Moser

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Als Carlo Bischoff zum ersten Mal in der Reitschule war, knallte es. Er war noch ein halbes Kind damals. Bischoffs Schwester hatte ihren kleinen Bruder an eine Demo mitgenommen, und als es Krawall gab, flüchteten die beiden hierher. «Wir warteten, bis es vorbei war. Ich fand das natürlich enorm spannend.»

Nun sitzt Carlo Bischoff an einem der Bistrotischchen im Kino der Reitschule, öffnet ein Maisbier und dreht sich eine Zigarette. Der bald 21-Jährige studiert an der Uni Bern Sozialwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet er als Operateur in einem städtischen Kino. Doch Bischoff wollte sich noch stärker für den Film engagieren. Als sein Bruder ihn vor einem Jahr dazu animierte, im Kino-Kollektiv mitzumachen, hatte Bischoff den Ort gefunden, wo er seine Ideen verwirklichen konnte. «Wir sind etwa ein Dutzend Leute und treffen uns alle zwei Wochen. Im Kollektiv sind alle gleichberechtigt, das heisst, alle machen alles.» Theoretisch jedenfalls. Denn es gebe einige, die aufgrund ihrer Erfahrung die Federführung innehätten, sagt Bischoff. Doch wer eine Idee habe, der könne sie verwirklichen.

Filme für die Seele

So wie er und sein Bruder. «Mellow Mélange» heisst die Programmschiene, die sich die beiden ausgedacht haben. Darin laufen Filme, die nicht nur politisch sind, sondern etwas für die Seele, wie es Bischoff formuliert. Und etwas für jene, die den Weg ins Reitschulkino bisher nicht gefunden haben, weil sie sich beispielsweise nicht für Themen wie Migration oder Menschenrechte interessieren.

Denn der politische Film ist nach wie vor das Hauptanliegen des Kollektivs, wie es in einer Grundsatzerklärung auf der Homepage heisst. Dort steht auch, man wolle «unser auf Offenheit, Nähe und Solidarität gründendes Kulturverständnis mittels Filmen einem kulturverarmten Publikum» weitergeben. Bischoff schmunzelt. Der Satz habe aber durchaus seine Gültigkeit. «Ich arbeite ja auch im kommerziellen Kino. Die Industrie ist in einem extremen Wandel, und unser Angebot soll Gegensteuer geben. Zum Beispiel, indem Filme fast immer in Originalsprache gezeigt werden. Oder auf 35 Millimeter. Letzteres hat aber mehr mit Nostalgie zu tun.»

Das Kino in der Reitschule sucht die Nische, auch die ungewohnteren Formen. Dennoch brauche es die Balance zwischen Experiment und Entertainment, Politik und Populärerem, so Bischoff. Es hat auch schon Vorstellungen gegeben, zu denen gerade mal eine Person gekommen ist. «Ich finde es schade, wenn manche Leute aus Schwellenangst den Weg zu uns nicht finden. Auch wenn ich es ein Stück weit nachvollziehen kann.»

Hollywood-Blockbuster nicht nötig

Über der Bar thront die Projektionskabine, mit Blick über die Stuhl- und Sofareihen. An einer Wand hängen noch die Futterkrippen des ehemaligen Stalls. Eine Kasse aber, die gibt es nicht im Reitschulkino. Nach wie vor besteht das Eintrittsgeld aus einer Kollekte. Die meisten zahlen den Richtpreis von 12 Franken, manche auch mehr. Für Bischoff ist es allerdings auch in Ordnung, wenn jemand, dem der Film nicht gefallen hat oder der kein Geld hat, weniger gibt. Denn über die Kinopreise in der Stadt staunt Bischoff. Da er als Operateur freien Eintritt hat, sieht er sich fast alles an. «Wenn ich nicht auch das Schlechte kenne, weiss ich ja gar nicht, was schlecht ist.»

Hollywood-Blockbuster würden denn wohl auch nie im Kino in der Reitschule laufen – schlicht nicht nötig, findet Bischoff. Sonst gibt es kaum Barrieren beim Programmieren. Ausser, dass nur Filme gezeigt werden, von denen man auch die Vorführrechte habe. «Viele meinen ja, die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum. Für uns als Kulturbetreiber trifft das nicht zu.»

«Das schönste Kino Berns»

Eine Kollegin kommt herein, bringt Flyer vorbei. Sie raunt Bischoff etwas zu. «Ach ja, schreib, dass das Reitschulkino das schönste Kino Berns ist», sagt er. Und meint damit wohl nicht nur den charmanten Raum mit seiner Patina. Sondern auch das produktive Miteinander von Reitschule-Veteranen und -Novizen. «Das Kinokollektiv ist wohl die heterogenste aller Veranstaltungsgruppen der Reitschule», sagt Bischoff. «Hier arbeiten Leute – alle ehrenamtlich –, die seit 25 Jahren dabei sind. Aber auch Junge wie ich.»

Eine gute Mischung, so Bischoff. «Die einen bringen die Erfahrung, die anderen die Energie.» (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2012, 13:40 Uhr

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