«Dann bin ich nicht richtig hier»

Von Schmerzmitteln, Leerläufen und Abschiedsgedanken: Stephan Märki, Direktor von Konzert Theater Bern, über die Stadttheater-Sanierung und die Diskussion am Donnerstag im Stadtrat.

Damit hat Stephan Märki nicht gerechnet: dass Politiker die Frage stellen, ob es das Theater überhaupt braucht.

Damit hat Stephan Märki nicht gerechnet: dass Politiker die Frage stellen, ob es das Theater überhaupt braucht. Bild: Adrian Moser

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Mit Theaterfest, Führungen, der Saisonplanung und der Stadttheater-Debatte dürften Sie ziemlich ausgelastet sein. Finden Sie noch Schlaf?
Im Moment zu wenig. Ich bin mir ja einen 16-Stunden-Tag gewohnt. Doch die Belastung durch die Diskussionen ist gross. Die Stimmung ist getrübt.

Inwiefern getrübt?
Nach 30 Jahren in dieser Branche ist es für mich nichts Neues mehr, für ein Mehrspartentheater zu kämpfen. Ich ging ja direkt nach der Wende in die frühere DDR. Dort, in Potsdam und Weimar, habe ich mich aufgerieben für die Existenz des Theaters und die Erneuerung der Strukturen. Das Theater ist immer Spiegelbild der sozialen, strukturellen und kulturellen Identitäten einer Stadt. Durch den Systemwechsel waren die Ostdeutschen gezwungen, eine neue Identität zu suchen. Die Theater hatten es dabei aber besonders schwer, denn zusätzlich sind die Finanzen weggebrochen. Damals habe ich erlebt, wie die Schliessung eines Theaters mit der Verödung einer Stadt einhergegangen ist. Es war ein Dominoeffekt, der dazu führte, dass die Leute, vor allem die jungen Frauen, abwanderten.

Die Verbindung zu Bern?
Als ich mich für die Schweiz, für das Theater der Bundesstadt, für den Aufbruch einer neuen Institution – aus drei Bühnensparten und Orchester – entschieden habe, rechnete ich damit, dass ich mich nun endlich auf das Wesentliche, auf die künstlerische Arbeit, konzentrieren kann. Falls man hier, in der Schweiz, nun am gleichen Punkt in der Diskussion ums Theater angekommen sein sollte, ärgert mich das schon.

Dann hat Sie die Sanierungsdiskussion also überrascht?
Ich wusste um die Renovation. Aber dass die Diskussion so weit führt, dass manche Politiker die Frage stellen, ob es dieses Theater überhaupt noch braucht, damit habe ich nicht gerechnet.

Ist sie nicht legitim?
Nun, Bern schielt ja immer gerne nach Basel und nach Zürich. In Basel wird fast gleichzeitig das Theater für 62 Millionen Franken renoviert. Haben Sie irgendwas von einer öffentlichen Diskussion darüber gehört? Das ist ein Verwaltungsakt, eine Selbstverständlichkeit, dass man das Haus, das man besitzt, renovieren muss. Wenn dann die Hausbesitzerin, die Stadt Bern, angewiesen auf Finanzierungspartner, ihren eigenen Beitrag plötzlich infrage stellt, ist das sehr irritierend. Was eine Verschiebung des Geschäfts bedeutet, ist klar: Die Volksabstimmung kommt nicht zustande, der Kanton steigt aus und die Gemeinden langen sich an den Kopf.

Eine Rückweisung des Projekts würde also die ganze Renovation infrage stellen?
Ich zitiere da nur, was Brecht in der «Dreigroschenoper» über die Unzulänglichkeit des Menschen schreibt: «Ja, mach nur einen Plan / sei nur ein grosses Licht / und mach dann noch nen zweiten Plan / gehn tun sie beide nicht.» Es ist sehr menschlich, aber auch sehr schweizerisch, dass man einen Plan A, einen Plan B und noch einen Plan C macht. Aber irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem man sagen muss, wir ziehen das durch, auch wenn wir nicht alle Eventualitäten absichern können. Sie können sich nicht vorstellen, was wir in den letzten 18 Monaten an Papier produziert haben für diese Sanierung. Am Schluss läuft es darauf hinaus: Wenn man ein Projekt will, muss man die dabei entstehenden Probleme bewältigen.

Ist das Stadttheater eine Bruchbude?
Solche Gebäude müssen alle 20 Jahre renoviert werden, das ist normal. Selbst wenn die Stadt zum Schluss kommt, dass es das Stadttheater nicht mehr braucht, steht das Gebäude trotzdem noch da. Auch wenn man ein Museum draus machen will oder ein Teppichlager – auch dann muss es saniert werden.

Wo sind die gravierendsten Mängel?
Nicht mehr zumutbar ist etwa die Bestuhlung. Manche scherzen schon, man müsste mit dem Ticket ein Ponstan abgeben, damit man es aushält. Die Pause verbringt man mit Anstehen für die Toilette. Aber ausschlaggebend für die Sanierung ist die Technik. 1984, als letztmals saniert wurde, war sie auf dem neusten Stand. Heute dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht mehr alles benutzen.

Konkret?
Man will etwa den Chor auf der Hebebühne einen Meter hochfahren. Da muss erst der Vorhang geschlossen werden, dann muss der Chor von der Hebebühne runter, um dann wieder raufzusteigen, wenn sie hochgefahren worden ist. Das zieht sich durchs ganze Haus. Aber klar, man kann auch ohne Technik Theater machen, zum Beispiel hier in meinem Büro. Die Frage ist einfach, was für ein Theater man will.

Was für ein Theater braucht die Region?
Bern braucht ein lebendiges diskursives und innovatives Theater – ob Bern das auch wirklich will, das weiss ich noch nicht. Sollte ich zum Schluss kommen, dass das nicht gewünscht wird, dann bin ich nicht richtig hier.

Sind Sie nicht ein wenig sauer auf Ihren Vorvorgänger Eike Gramss, der während seiner 16-jährigen Amtszeit kaum was für die Sanierung unternommen hat?
Gramss kann man diesbezüglich keinen Vorwurf machen. Er stammte aus einer Zeit, als ein Theaterdirektor sich nicht um solche Dinge kümmern musste.

Im Rahmen der aktuellen Debatte kommt auch ein Neubau auf der grünen Wiese wieder aufs Tapet. Was spricht dagegen?
Ein Theaterneubau kostet in der Schweiz weit über 100 Millionen Franken. Natürlich wäre es möglich, das Haus abzureissen und was Neues zu bauen. Aber für diese Diskussion ist es zu spät. Die ist schon geführt worden, futuristische Entwürfe lagen vor, doch die Idee konnte sich nicht durchsetzen.

Welche Herausforderung stellt der Umbau an Sie und Ihre Mitarbeiter?
Wir müssen den Spielplan anpassen. Wir planen trotz kürzerer Spielzeiten möglichst viele Vorstellungen, die viel Publikum generieren. Das ist auch spannend, ein Programm für die Ersatzspielorte – vom Schlachthaus über einen Bunker in Bolligen bis zur Reitschule und dem Zentrum Paul Klee – zusammenzustellen.

Der Zeitplan für den Umbau steht?
Ja, und bereits eine Verschiebung der Renovation von vier Wochen würde ihn empfindlich durcheinanderbringen. Wir haben die nächsten drei Jahre penibel durchdisponiert. Für dieses Programm, das unter erschwerten Bedingungen zustande kommt, bekommen wir aber nicht mehr Geld, höchstens eine Mietzinsreduktion. Also müssen wir unter schlechteren Bedingungen mindestens gleich viel Geld erwirtschaften wie jetzt. Dafür setzen wir uns alle gerne ein. Doch die Vorstellung, dass nun alles über den Haufen geworfen werden könnte, macht uns schon zu schaffen. Bei mir steht ja auch noch eine Verlängerung meines Vertrags im Raum, und da glaube ich nicht, dass ich die Diskussion, die jetzt schon ein Jahr dauert, noch weitere Jahre führen will.

Es heisst, Sie und Ihre neue Crew hätten neuen Schwung ausgelöst . . .
. . . ja hoffentlich.

Daran zweifeln wir nicht. Wie wirkt sich die Theaterdebatte auf die interne Stimmung aus?
Die Leute hier am Haus haben schon viel mitgemacht. Für viele ist es ein Déjà-vu, für mich ja auch, es erschwert unsere eigentliche Arbeit und es lenkt von unserem Auftrag ab, den wir optimal erfüllen möchten.

Wie geht man damit um, wenn im Zuge der Diskussion um den Sanierungskredit plötzlich das ganze Theater infrage gestellt wird?
Dass in der Hauptstadt eines der zivilisiertesten Länder der Welt diese Diskussion geführt wird – auch das spiegelt ästhetisch und strukturell den Zustand dieser Stadt. Hier in Bern verlaufen so viele Prozesse im Sand. Dass etwa der Vorschlag der grünen Wiese wieder in die Runde geworfen wird, ist der hoffnungslose Versuch, wieder zum Anfang zurückzukehren. Auch ich fände einen Neubau für unsere Arbeit besser. Aber das Flair, das Sie in diesem alten Haus haben, kriegen Sie in einem Neubau nie hin.

Haben Sie Angst um Ihr Theater?
Ich glaube nicht, dass die Berner das Stadttheater prinzipiell infrage stellen. Vor zwei Jahren hat das Volk klar Ja zu seinen grossen Kulturinstitutionen gesagt. Wenn aber heute Abend im Stadtrat nicht eine klare Mehrheit für den Sanierungskredit stimmt, dann ist das ein Angriff auf das Theater.

Wenn der Kredit durchkommt, steht noch die Volksabstimmung an. Was haben Sie da geplant?
Wir müssen aufpassen. Sobald wir Subventionsgelder für Propaganda einsetzen, sind wir angreifbar. Wir setzen auf Information, werden unter anderem noch einen Tag der offenen Tür und weitere Führungen veranstalten, aber wir werden nicht demonstrierend durch die Stadt ziehen. Denn es geht hier nicht um uns, wir könnten auch die Bühne schliessen und im Zuschauerraum spielen. Es geht vielmehr um die Stadt, um das Instandstellen eines ihrer wichtigen Gebäude.

Wo verbringen Sie den heutigen Abend?
An der Sanierungsdebatte im Stadtrat.

Womit werden Sie nach der Debatte anstossen?
Schnaps oder Cüpli, ich hoffe doch sehr mit einem Cüpli. (Der Bund)

Erstellt: 29.08.2013, 11:17 Uhr

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