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Bern

«Damit ist Mountainbiken in Bern tot»

Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 17.01.2012 36 Kommentare

Das neue Waldgesetz will Radfahren und Reiten abseits von befestigten Waldstrassen verbieten. Diese Pläne sorgen bei Mountainbikern für Empörung: Das Gesetz bedeute faktisch ein Verbot ihres Hobbys.

1/4 Bisher ist das Radfahren und das Reiten «abseits von Wegen» verboten - neu soll das Biken «abseits von Waldstrassen» verboten werden.
Bild: Iris Andermatt

   

Kommentar: Übers Ziel hinausgeschossen

Joggen, biken, walken, reiten, jagen oder mit dem Hund spazieren. Der Wald muss herhalten für eine Fülle an Hobbys. Es ist eine Notwendigkeit, das fragile Biosystem zu schützen. Es gibt aber auch andere legitime Interessen, etwa jene der Mountainbiker. Wer schon mal auf einem breit bereiften Stahlesel gesessen hat, weiss: Auf einer Waldstrasse macht dieser Sport keinen Spass. Es gehört zum Mountainbiken dazu, sich durch enge Trampelpfade zu schlängeln. Dies wäre mit dem neuen Waldgesetz künftig verboten.

Zwar ist schon heute das Biken nur auf «genügend festen Wegen» gestattet, diese Formulierung erlaubt immerhin eine Umsetzung mit Augenmass – wird aber schon heute nicht kontrolliert. Umso zweifelhafter, ob das geplante Verbot durchsetzbar wäre. Biken ist nicht mehr das Vergnügen einiger weniger Freaks: Rund 50'000 Mountainbiker gibt es im Kanton Bern (aktive Jäger gibt es 2'609). Ihnen fehlt aber eine starke Lobby; dagegen haben Waldbesitzer ihren Einfluss offenbar geltend gemacht. Die Volkswirtschaftsdirektion ist übers Ziel hinausgeschossen – und würde ein beliebtes Hobby faktisch untersagen. Ein Hobby, das im Tourismuskanton Bern ein nicht zu vernachlässigender Faktor darstellt und hinter dem ein Industrie- und Gewerbezweig steht. Statt Verbote zu erlassen, sollte der Kanton auf eine Koexistenz von Bikern und anderen Nutzern hinwirken. (Simon Jäggi)

Oli Busato von Trailnet, der Interessengruppe der Mountainbiker, hat keine ruhige Altjahreswoche hinter sich: Ende Jahr erfuhren Busato und seine Bike-Freunde nämlich, dass im neuen Waldgesetz eine kleine Wortlautänderung steckt, die aus Sicht der Mountainbiker massive Auswirkungen hätte. Im noch gültigen Gesetz steht nämlich in Artikel 22, dass Reiten und Radfahren «abseits von Wegen» verboten sei. Dieser Passus soll im neuen Gesetz, das der Kanton im Dezember in die Vernehmlassung geschickt hat, durch die Formulierung «abseits von Waldstrassen» ersetzt werden.

Seither ist die Bike-Szene in Aufruhr: «Wenn dieses Gesetz so umgesetzt wird, dann ist Mountainbiken im Kanton Bern tot», sagt Busato, dem die City Cycles AG gehört, die in Bern drei Fahrradläden betreibt. «Jeder Weg, der schmäler ist, als eine circa vier Meter breite Strasse, würde wegfallen – das sind unzählige Wege, die heute befahren werden.»

Schäden durch Hufe und Reifen

Ausgearbeitet hat das Gesetz das kantonale Amt für Wald (Kawa), das der Volkswirtschaftsdirektion unterstellt ist. Wer gegen das Gesetz verstösst, kann mit Bussen bis zu 20'000 Franken bestraft werden. Amtsvorsteher Rudolf von Fischer betont: «Es ist nicht unsere Absicht, dieses Hobby zu verbieten. Es besteht aber die Absicht, die aktuelle Regelung zu verbessern.» Schon heute sei es nicht erlaubt, abseits der Waldstrassen zu fahren, so von Fischer. In der Verordnung des Waldgesetzes werde der Passus nämlich präzisiert: Dort stehe, dass Reiten und Radfahren abseits «genügend fester Wege» verboten sei. Von Fischer weist zudem darauf hin, dass das Mountainbiken auf bezeichneten Pisten weiterhin erlaubt sei.

«Heute haben wir aber einen ungeheuren Wildwuchs, da hält man sich an gar keine Regel», sagt von Fischer. «Insbesondere, wenn es nass ist, entstehen auf ungefestigten Wegen Fahrspuren und Hufabdrucke, dadurch werden Fusswege regelmässig unpassierbar für Fussgänger und Jogger.» Reiter und Radfahrer verursachten den Waldeigentümern zudem zusätzliche Unterhaltskosten, steht im Gesetzesvortrag, der die geplante Neuerung begründet. Dort wird als weiterer Grund auch angegeben, dass die Konflikte zwischen Reitern, Radfahrern und anderen Waldbesuchern «laufend» zunähmen. Der Kawa-Vorsteher stellt fest: «Es gibt immer mehr Leute, die sich bei uns melden.»

«Konflikte eher abgenommen»

Die Begründung für die angestrebte Gesetzesänderung verstehen Mountainbike- und Velokreise aber nicht. «Es ist zumindest fraglich, wer dem Wald mehr schadet», sagt Busato, die Spuren der Reifen seien relativ bescheiden. «Auch braucht es wohl eine Million Velofahrer, um eine Spur in den Wald zu ziehen, wie sie eine Forstmaschine verursacht.» Die Mountainbiker wollen auch nichts von einer Zunahme der Konflikte mit anderen Waldnutzern gemerkt haben. «Im Gegenteil, ich habe eher den Eindruck, dass sie abnehmen», sagt Busato, der die Entwicklung der Mountainbike-Szene als Ladenbesitzer seit über 25 Jahren verfolgt. Natürlich gebe es immer Ausnahmen, aber das Nebeneinander funktioniere in den letzten Jahren immer besser – und gerade Trailnet versuche, die Biker zu sensibilisieren. Auch gebe es keine statistischen Belege für einen Konflikt: Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung gibt es in keiner Statistik Anhaltspunkte für Unfälle zwischen Fussgängern und Radfahrern.

Der Ansatz des friedlichen Nebeneinanders habe sich in der Vergangenheit bewährt – und werde auch auf nationaler Ebene propagiert. «Der Kanton Graubünden macht genau das Gegenteil: Die versuchen, die Koexistenz auf kleinen Wegen zu fördern.» Busato findet daher: «Warum der Kanton Bern entgegen diesem Trend handelt, ist unverständlich.» Das Netz an beschilderten Pisten sei zudem so klein, dass es den Bedürfnissen der vielen Mountainbiker nicht gerecht werde – eine dieser beschilderten Pisten wird von Trailnet auf dem Gurten betreut. Bricht man die nationalen Erhebungen des Bundesamts für Statistik herunter, dürfte es im Kanton Bern rund 50'000 Mountainbiker geben.

Auch Pro Velo hält den neuen Gesetzesentwurf für unverhältnismässig: Eine gesunde und umweltschonende Sportart werde unnötig in die Illegalität gedrängt. Lokal bestehe zwar Konfliktpotenzial zwischen Bikern und anderen Waldbenutzern. Davon seien aber nur wenige Wälder in der näheren Umgebung der Agglomerationen betroffen – deshalb sollten lokale Lösungen getroffen werden, schreibt Pro Velo in einer Stellungnahme.

Die Vernehmlassung endet im März. Danach geht die – eventuell veränderte – Vorlage in den Grossen Rat. (Der Bund)

Erstellt: 17.01.2012, 08:25 Uhr

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36 Kommentare

Thomas Schneeberger

17.01.2012, 14:13 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Ich plädiere für ein totales Waldnutzungsverbot. Dann sind wir alle Hundeschisse, freilaufende Hunde, Bikerowdies, falsch parkende Tussen, Pferdeäpfel, nebeneinander gehenden Tratschen, Hufabdrücke, Zigarettenkippen, OL-Posten, Bierflaschen bei der Feuerstelle, Schrothülsen, umgekickte Pilze und Graschnittdeponierer los. Antworten


Manuel C. Widmer

17.01.2012, 10:09 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Verboten wird in Zukunft: Alles was Spass macht!
Der Kanton bern wird langsam aber sicher zum Totengräber der Freizeitgestaltung Jugendlicher: Mountainbiken verbieten, Klubs schliessen, ...
Und dann wundert man sich wieder über "die Jugend, die nichts mit sich anzufangen weiss"?!?
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