Bordellleiterin wünscht sich Arbeitsverträge für Prostituierte
Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 20.01.2012 1 Kommentar
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Draussen ist es kalt, und auf dem Parkplatz an der Strasse ausserhalb von Aarberg ist es finster. Vielleicht dient dies der Diskretion der Kundschaft. Drinnen aber ist es warm, und es riecht nach Dampfbad. Mit der Bauunternehmung, die ebenfalls im unscheinbaren Industriebau untergebracht ist, pflege man eine tolle Nachbarschaft, wird Gabriele Burri später auf dem Rundgang durch den Saunaclub Kleopatra sagen. Sie ist seit zwei Jahren Geschäftsführerin des Bordells. An der Réception sind zwei ältere Männer im Begriff, den Saunaclub wieder zu verlassen. Ja, sie seien mit allem zufrieden, nur alles Geld seien sie nun los, sagt einer lachend auf Nachfrage der Frau an der Réception.
Was sie verdienen, gehört ihnen
Am Ende des grossen Raums ist eine Bar, es gibt ein Fumoir, in einem Whirlpool sprudelt Wasser, die Tanzstange ist gerade unbenutzt. Ein paar Frauen rekeln sich in Unterwäsche auf dem Sofa. Ein Mann sitzt mit einer Frau in einer Ecke, ein anderer raucht in Begleitung im Fumoir.
Mit 900 Quadratmeter sei dies eher ein kleiner Club, sagt Burri. Und, sagt sie, leider gebe es für die Frauen nur eine kleine Garderobe. 15 bis 25 Frauen arbeiten im Bordell. An Montagen oder nach Feiertagen seien es selten auch mal nur 10. «Sie kommen und gehen», sagt Burri. Die Frauen stammten aus allen EU-Ländern oder aus der Schweiz. Letztere hätten meistens einen Migrationshintergrund, denn Schweizerinnen würden lieber privat arbeiten. Die Frauen arbeiteten alle selbstständig. Wie die männlichen Kunden bezahlen sie Eintritt in den Saunaclub. Frauen bezahlen 100, Männer 90 Franken, im Preis inbegriffen sind Essen, alkoholfreie Getränke und die Benützung der ganzen Infrastruktur. Was die Sexarbeiterinnen im Club als Prostituierte in den elf Arbeitszimmern verdienen, gehört ihnen.
Unten im Keller wird das Wasser des Saunaclubs in Tanks aufbereitet. Burri überwacht den Prozess mit Kontrollgängen. «Ich mache alles», sagt sie zu ihren Aufgaben. Das sind Arbeitspläne für die Angestellten, die sich 900 Stellenprozente teilen, Burri erledigt auch die Korrespondenz und die Administration, organisiert, delegiert und springt ein. Auch bei der Gästebetreuung mache sie aktiv mit, als Unterstützung, aber auch als Vorbild. Die Gäste würden es schätzen, wenn man sie kenne, sie grüsse und sich mit ihnen unterhalte, sagt Burri.
«Es wären keine Mehrauflagen»
Im dazugehörigen Motel leben die Frauen in Zweierzimmern. Die Frauen könnten sich hier fürs Privatleben zurückziehen. Neben den Doppelzimmern gibt es zwei Suiten, die Gäste zur Übernachtung mieten können, wenn sie zu viel Alkohol konsumiert haben oder eine Nacht mit einer Frau verbringen wollen. In der Gemeinschaftsküche des Motels riecht es nach kaltem Rauch. «Die Küche müssen die Frauen sauber halten, ansonsten haben sie mit Waschen und Putzen nichts zu tun», sagt Burri.
Um diese Zeit am Abend ist niemand in der Küche. Nein, ein Prostitutionsgesetz brauche es nicht, sagt Burri. Und wenn doch, dann wenn schon ein gesamtschweizerisches. Nächste Woche wird im Grossen Rat über das kantonale Prostitutionsgesetz debattiert. Das Gesetz wurde entworfen, nachdem im Grossen Rat ein Vorstoss überwiesen worden war, der Schranken, Regeln und Schutz im Sexgewerbe verlangte. Kern des Gesetzes ist nun eine Bewilligungspflicht für Bordellbetreiber. «Für mich wäre das kein Problem, weil es keine Mehrauflagen wären», sagt Burri. Sie höre immer wieder, dass das Kleopatra der sauberste Club der Schweiz sei. Hier gehe man respektvoll miteinander um und spreche mit den Frauen auf gleicher Augenhöhe. Und: Sie verdienten gut. Das lasse das Niveau der Gäste zu. Die zahlungskräftige Kundschaft – es komme vor, dass an einem Abend Champagner für ein paar Tausend Franken ausgeschenkt werde – erlaube auch, dass ein solcher Betrieb rentiere. Darüber staunten auch Leute, die viel vom Sexgewerbe verstünden, sagt Burri. Wird denn Frauen für die Rentabilität des Betriebs das Geld abgenommen? «Um Gottes willen», sagt Burri nur dazu.
«Froh, legal zu arbeiten»
Geschäftsführerin Burri ermuntert die Frauen, sich nicht zu billig zu verkaufen. «Es gibt Grenzen nach unten», sagt sie. Untereinander würden die Sexarbeiterinnen Preisabsprachen treffen, schliesslich stehe aber jeder frei, was für Preise sie mache. Um Dumpingpreise zu verhindern, können zudem nicht unbeschränkt viele Frauen im Kleopatra arbeiten. Theoretisch könnte sie mit 50 Frauen arbeiten, das Interesse, hier zu arbeiten oder wiederzukommen, sei gross, sagt Burri. Es werde ihr deshalb manchmal vorgeworfen, dass sie bestimme, wer hier arbeiten dürfe.
«Der Club und die Frauen sind froh, legal zu arbeiten», sagt Burri. Doch gerade der Kanton Bern scheint den Sexarbeiterinnen dafür besonders viele Steine in den Weg zu legen. «Der riesige Verwaltungsapparat ist viel zu kompliziert», sagt die Geschäftsführerin.
Die Sexarbeiterinnen haben nach der 90-Tage-Regelung die Möglichkeit, 90 Tage als Selbstständigerwerbende in der Schweiz zu arbeiten. Alternativ können sie eine L-Bewilligung, eine Kurzaufenthaltsbewilligung, beantragen. Seit Oktober 2009 müssen die Frauen im Kanton Bern einen Businessplan einreichen. Der Migrationsdienst habe verlangt, dass den Frauen bei der Ausarbeitung des Businessplans nicht geholfen werden dürfe. Burri hielt sich daran, bis sie erfuhr, dass in anderen Etablissements einfach vorgedruckte Businesspläne mitgegeben worden seien. Jetzt hilft sie den Frauen auch.
Die Gespräche beim Migrationsdienst, bei denen die Frauen ihre Selbstständigkeit unter Beweis stellen müssten, dauerten bis zu zweieinhalb Stunden, so Burri. Dort würden ihnen Fragen gestellt wie, ob ihre Familien wüssten, was sie hier machten, und ob sie Geschlechtsverkehr auch ohne Kondome anbieten würden. «Das ist Diskriminierung», sagt Burri.
Kein Dolmetscher für Italienisch
Für eine L-Bewilligung müssen sich die Prostituierten zuerst bei der AHV anmelden. Es komme vor, dass die Frauen deshalb Rechnungen von der AHV zugeschickt bekommen würden, obwohl sie nie eine Arbeitsbewilligung erhalten hätten. Probleme bereite den Frauen auch die Dauer, bis sie die eine oder andere Bewilligung in der Tasche hätten. Bis der Entscheid gefällt sei, hätten sie schon viele Auslagen getätigt, sagt Burri. So habe man etwa einer Frau gesagt, die sich für ein italienisches Gespräch anmelden wollte, dass es dem Migrationsdienst nicht möglich sei, in den nächsten drei Wochen einen Dolmetscher aufzutreiben.
Nächste Woche soll im Grossen Rat nun nicht nur über das Prostitutionsgesetz diskutiert werden, sondern auch über einen überparteilichen Antrag, den Arbeitsvertrag für Prostituierte im Kanton Bern einzuführen.
Andere Kantone preschen vor
Obwohl Prostitution immer noch als sittenwidrig gilt und deshalb Verträge mit Sexarbeiterinnen nicht möglich sind, existieren in mehreren Kantonen bereits Musterarbeitsverträge. Die Prostituierten müssten demnach im Kanton Bern ihre Selbstständigkeit nicht mehr nachweisen, würden dafür über die Bordellbetreiber aber Quellensteuer zahlen. «Das würde sehr viel bringen», sagt Burri. Sie wäre auch bereit, sagt sie, Frauen einen solchen Arbeitsvertrag anzubieten. «Ideal wäre, wenn die Sexarbeiterin selber wählen könnte», sagt sie. Solange der Nachweis der Selbstständigkeit erforderlich sei, könne sie sich vorstellen, dass die Möglichkeit eines Arbeitsvertrags genutzt würde.
Zentral ist für Burri aber der Nebeneffekt eines solchen Arbeitsvertrags. «Die gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung würde steigen», sagt sie. Sittenwidrigkeit sei veraltet. Prostitution sei eine Dienstleistung, die es brauche, und zudem eine vom Europäischen Gerichtshof anerkannte Erwerbstätigkeit. «Diese Anerkennung müssen wir haben», sagt sie.
Dann kehrt die Geschäftsführerin zurück in den Club. Obwohl der Abend schon fortgeschritten ist, steht sie erst am Anfang ihrer langen Arbeitsnacht. (Der Bund)
Erstellt: 20.01.2012, 09:09 Uhr
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1 Kommentar
Es soll das älteste Gewerbe der Welt sein. Und immer noch ist es diskriminiert. Lieber sauber geführte Bordelle, als Zuhälter die, die Frauen nur ausnutzen. Es schein ein Bedürniss zu sein wie vor tausend Jahren. Und bitte jetzt nicht mit der Bibel argumentieren. Antworten
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