Bern

Bis zur Frauenquote dürfte es «länger dauern»

Von Renate Bühler. Aktualisiert am 22.09.2012 1 Kommentar

Die Stadt Bern gibt sich eine Frauenquote für das Kader der Verwaltung. Was soll diese Massnahme? Barbara Krattiger, Berns Gleichstellungsbeauftragte, über mögliche Schwierigkeiten und Chancen bei der Einführung der 35-Prozent-Klausel.

«Die Stadt Bern braucht den Vergleich mit andern Städten nicht zu scheuen», sagt Berns Gleichstellungsbeauftragte Barbara Krattiger.

«Die Stadt Bern braucht den Vergleich mit andern Städten nicht zu scheuen», sagt Berns Gleichstellungsbeauftragte Barbara Krattiger.
Bild: Manu Friederich

Frau Krattiger, wie beurteilen Sie den Entscheid des Stadtrats, in der Verwaltung und den angegliederten Betrieben eine Frauenquote einzuführen?
Ich habe Verständnis für die Ungeduld der Stadträtinnen, denen es zu langsam geht. Aber die Motion stellt die Stadtverwaltung vor eine grosse Herausforderung. Die Umsetzung wird nicht ganz einfach sein.

Ist eine Frauenquote noch zeitgemäss? Sind wir nicht weiter?
Die Erfahrungen zeigen, dass Quoten für Verwaltungsräte und Aufsichtsgremien von Unternehmen ein geeignetes Mittel sind, um den Frauenanteil nachhaltig zu erhöhen, und dass deren Akzeptanz auch steigt. Hierzulande scheiden sich an der Quote nach wie vor die Geister. Was für die Aufsichtsgremien gilt, gilt bisher nicht für Gemeinwesen: Keine Gemeinde und kein Kanton hat so eine verbindliche Quote, wie der Stadtrat sie beschlossen hat. Gleichzeitig wird auf nationaler Ebene stark über Quoten diskutiert.

Und trotzdem erinnert der Ruf nach einer Frauenquote stark an die 1990er-Jahre – passt das noch 2012?
Damals ging es um Quoten in Parlament und Regierung. Die Volksinitiative auf nationaler Ebene wurde im Jahr 2000 vehement verworfen. Jetzt haben verschiedene europäische Länder eine Frauenquote für Verwaltungsräte eingeführt. Oft steigt der Frauenanteil schon mit der Ankündigung der Massnahme.

Das Parlament ortet bei der Gleichstellung ein grösseres Problem und hat darum die Quote beschlossen. Warum hat Ihre Fachstelle in den 16 Jahren ihres Bestehens punkto Frauenförderung in der Verwaltung nicht mehr geschafft?
Die Stadtverwaltung überprüft regelmässig die Einhaltung der Lohngleichheit. Sie bietet flexible Arbeitsmodelle, Teilzeitanstellungen und achtet auf diskriminierungsfreie Personalbeurteilungen. Sie braucht den Vergleich mit anderen Städten nicht zu scheuen. Aufgabe der Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann ist aber die Beratung. Sie hat weder eine Kontroll- noch eine Durchsetzungskompetenz.

Inwiefern ist die Fachstelle an der Erarbeitung der Ausführungsbestimmungen beteiligt?
Der Gemeinderat wird bestimmen, wer an der Umsetzung beteiligt ist. Die Fachstelle wird aber sicher dabei sein.

Bis wann könnte nach Ihrer Einschätzung die Quotenregelung eingeführt und wann könnte sie dann auch umgesetzt sein?
Man hat für die Beantwortung einer Motion zwei Jahre Zeit. Wann die Einführung kommt, hängt primär davon ab, ob Anpassungen auf Gesetzesebene nötig sind. Bis die Quote erreicht ist, dürfte es noch länger dauern.

Fünf Jahre?
Der Frauenanteil im Kader betrug 2008 22,2 Prozent, heute sind wir bei 26,2 Prozent. Das ist die Steigerung, die wir ohne verbindliche Massnahmen erreicht haben. Wie es weitergeht, ist schwierig zu sagen.

Wo orten Sie die gewichtigsten Probleme für die Umsetzung?
Klar darin, dass heute der Kaderfrauenanteil in den verschiedenen Teilen der Verwaltung sehr unterschiedlich ist: In der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün liegt er bei 8,7 Prozent, in der Bildungsdirektion bei 48,3 Prozent. Jetzt stellt sich die Frage, ob die Quote für jede Direktion einzeln gelten soll oder für die Stadtverwaltung als Ganzes.

Es geht die Angst um, künftig werde die Stadt zugunsten von weniger fähigen Frauen – eben «Quotenfrauen» – auf fähigere Männer verzichten, damit die Quote stimmt.
Unabhängig davon, wie die Motion umgesetzt wird, wird es keine Entlassungen von Männern geben. Die Qualifikation bleibt auch künftig das erste Auswahlkriterium – wir brauchen eine leistungsstarke Verwaltung, welche die Potenziale von Frauen und Männern nutzt. Auch von «Quotenfrauen».

Frauen haben bei ihrer Karriereplanung auch Ansprüche, wie etwa die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit.
Wir haben jetzt schon einen recht hohen Anteil an Teilzeit im Kader. Klar ist aber, dass es keine 20- und 30-Prozent-Stellen im Kader gibt und wohl auch nicht geben wird. Aber wir werden im Rahmen der Umsetzung der Frauenquote noch verstärkt auf Familienfreundlichkeit achten – auch für die Männer.

Tatsache ist, dass etwa das Tiefbauamt gerne Frauen im Kader hätte, aber keine findet. Eine interne Kompensation würde letztlich zu einer Aufteilung der Direktionen in eigentliche Frauen- und Männerdomänen führen. Ist das wünschbar?
Nein, es ist nicht wünschbar, dass etwa die Bildungsdirektion weit über 50 Prozent gehen muss, weil andere Stellen deutlich unter der Quote bleiben; Ziel ist nach wie vor ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf allen Ebenen und in allen Funktionen.

Woher nimmt die Stadt dann aber die Kaderfrauen für die traditionellen Männerdomänen?
Man muss bei der Rekrutierung ansetzen, gezielt auf Frauen zugehen und auch bei Frauenberufsverbänden anklopfen. Und es braucht ein «Talent Management», man muss Frauen aufbauen, schon auf den unteren Stufen. (Der Bund)

Erstellt: 22.09.2012, 09:00 Uhr

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1 Kommentar

Peter Wyss

22.09.2012, 12:22 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Es ist ein Unterschied, ob man in einem Gremium einen Ausgleich zwischen den Geschlechter will, oder ob man Chancengleichheit unter den Geschlechter will. Ersteres geht mit Quoten,geht jedoch auch zu Lasten Letzteres. Die Gleichstellungsbeauftragte müsste hier aufhorchen und der Quotenregelung Einhalt gebieten. Ansonsten müssen wir noch einmal darüber diskutieren, was Gleichbehandlung bedeutet. Antworten



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