Berns Juden: Geduldet – verfolgt – anerkannt

Ein Buch beleuchtet die Situation der Juden im Kanton Bern über 800 Jahre. In dieser Zeit gab es Verfolgung, Duldung, Kooperation und Emanzipation. Bis zur vollen Anerkennung von Jüdinnen und Juden war es aber ein sehr langer Weg.

Eine Fotografie von 1898 zeigt die damalige Synagoge an der Genfergasse(Gebäude am rechten Bildrand).

Eine Fotografie von 1898 zeigt die damalige Synagoge an der Genfergasse(Gebäude am rechten Bildrand). Bild: zvg

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Manche Dinge dauern etwas länger. So die Verwirklichung des Projekts, das jüdische Leben in Bern über die Jahrhunderte darzustellen. Das ist verständlich, denn die Aufgabe ist gross, erstreckt sich doch der Zeitraum über acht Jahrhunderte. Zudem würde eine rein bernische Geschichte dem Thema kaum gerecht werden, wenn sie nicht den europäischen Kontext einbezieht, bis hin zu den Pogromen und zur absoluten Katastrophe der Schoah während der nationalsozialistischen Zeit im 20. Jahrhundert.

Vorarbeiten gab es, etwa ein Buch von Emil Dreifuss über die «Juden in Bern» von 1983 und eine «Festschrift der Israelitischen Kultusgemeinde» von 1948. Bereits diese unternahm den Versuch, die jüdische Geschichte bis in die Anfänge Berns zu erhellen. Anderseits kann eine Schrift, die den Fokus auf das jüdisch-religiöse Gemeindeleben legt, nur bedingt die ganze Breite jüdischen Lebens abbilden, weshalb das Buch «Wie über Wolken: Jüdische Lebens- und Denkwelten in Stadt und Region Bern, 1200–2000» den Fächer weiter aufspannt.

Zahlreiche Autorinnen und Autoren tragen zum Panoptikum bei. Einige Beiträge blenden ins Mittelalter zurück, andere beleuchten das Wirken von jüdischen Universitätsprofessoren, zeichnen den langen Weg der Emanzipation samt ihren Rückschlägen nach und beschreiben jüdische Unternehmer und Viehhändler. Der wohl bekannteste jüdische Berner, wenn man ihn so apostrophieren darf, ist Albert Einstein. Aus Ulm stammend, arbeitete er nach dem Studium in Zürich als Beamter des Eidgenössischen Patentamtes in Bern. Im Annus mirabilis 1905 entwickelte er hier die Relativitätstheorie, die ihn weltberühmt machte.

Forscher und Studierende

Einstein ist nur ein Beispiel für Gelehrte, Forscher und Dozenten jüdischer Herkunft. Als 1834 die Universität Bern in liberalem Geist den Betrieb aufnahm, bildete eine jüdische Abstammung keinen Hinderungsgrund für eine Lehrtätigkeit – der sonst übliche Taufzwang bestand nicht. Berns Alma Mater war darum ein Anziehungspunkt für Universitätslehrer. Schon 1863/64 verzeichnen die Annalen der Universität einen jüdischen Rektor.

Bemerkenswert sind die zahlreichen russisch-jüdischen Studenten und Studentinnen (!). Zum einen entflohen sie den in Russland grassierenden Pogromen, zum anderen konfrontierten sie das behäbige Gastland mit der Tatsache, dass Frauen imstande sind, ein Unistudium zu absolvieren. Mehr eine Reminiszenz, aber reizvoll ist der Hinweis auf den grossen Sozialphilosophen Max Horkheimer, der die Frankfurter Schule mitbegründete, aber nicht in Frankfurt begraben ist, sondern auf dem Jüdischen Friedhof in Bern.

Erste Erwähnung 1259

Die älteste Quelle, die jüdisches Leben in Bern bezeugt, geht auf das Jahr 1259 zurück. In der erst 68 Jahre jungen Stadt ist von einem Mann die Rede, der Güter verkaufen musste, um einem Juden einen Schuldkredit zurückzahlen zu können. Wie in vielen Städten Europas waren Juden als Geldverleiher tätig. Zum einen brauchten die aufstrebenden Städte ein Kreditwesen, zum anderen standen Zünfte den Juden nicht offen. Somit spezialisierten sich manche Juden auf das Geldgeschäft, zumal für Christen bis zum Jahr 1425 das Zinsverbot formell in Kraft blieb. Am 10. Mai 1427 verfügten Schultheiss und Rat einen Ausweisungsbeschluss: Die Juden mussten Bern verlassen, und jüdisches Leben kam für vier Jahrhunderte zum Erliegen. Konrad Justinger, Chronist und Finanzfachmann, schrieb im 15. Jahrhundert, man wisse, «dass die Juden in dieser welt anders nüt tund denne wie si der Kristenheit geschedigen mit allen sachen, offenlich mit dem wucher».

Über die «brünsten», also die Stadtbrände, schrieb Justinger, es sei in Bern vielen klar, «daz man daz von dien juden hab». Diskriminierung und Verfolgung war kein mittelalterliches Phänomen. Im Buch wird der Weg der Juden zur Gleichstellung nachgezeichnet. Selbst im liberalen Bundesstaat mit der modernen Verfassung von 1848 bestanden für Juden Beschränkungen fort, die erst nach und nach aufgehoben wurden, zum Teil nur auf Druck von aussen. Ein Meilenstein in der Emanzipation der jüdischen Berner war zweifellos die öffentlich-rechtliche Anerkennung der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) von 1997.

In Biel hatten es Juden besser

Der Buchtitel «Wie über Wolken» ist ein Zitat der Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die damit in den 1930er-Jahren im Exil das ruhige, beschauliche und sichere Leben in Bern umschrieb, während sich in Europa ein antijüdischer Sturm erhob. Der Band ist eine Fundgrube für alle, die sich in kompakter Form über verschiedenste Aspekte jüdischen Lebens im Raum Bern informieren wollen. Er ist in derselben Reihe erschienen wie das Buch «Heimat Biel – Geschichte der Juden in einer Schweizer Stadt vom Spätmittelalter bis 1945» von Annette Brunschwig von 2011. Bemerkenswert ist, dass sich Biel den Juden gegenüber offener und toleranter zeigte als die Stadt Bern: Von Pogromen und antisemitischen Ausfällen ist dort nichts bekannt.

René Bloch, Jacques Picard (Hg.); Wie über Wolken: Jüdische Lebens- und Denkwelten in Stadt und Region Bern, 1200–2000; Chronos Zürich, 2014, ISBN 978-3-0340-1219-5; 527 S., ca. 58 Franken

Buchvernissage: heute um 18.15 Uhr in der Aula der Universität Bern, Hauptgebäude, Hochschulstrasse 4. (Der Bund)

Erstellt: 13.05.2014, 15:08 Uhr

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