Bern hat im Rennen gegen Zug den Kürzeren gezogen
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 29.06.2011 3 Kommentare
Standort-Chefin Monika Jänicke. (zvg/Christian Flierl)
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Daniel Vasella selbst ist eigentlich ein gutes Beispiel dafür, dass die Universität Bern durchaus ein Talentreservoir ist: Der heutige Verwaltungsratspräsident von Novartis (NOVN 49.92 0.89%) hat hier Medizin studiert. Doch just Vasellas Konzern hat dem Wirtschaftsstandort Bern am Dienstag einen herben Rückschlag versetzt: Novartis verlegt den Standort mit seinen 180 Angestellten an die neue Zentrale von Novartis Schweiz, die in Rotkreuz im Kanton Zug entsteht. Der Umzug soll bis Anfang 2013 abgeschlossen sein.
In Bern befindet sich der Sitz dreier von fünf Divisionen von Novartis Schweiz: jener für rezeptpflichtige Medikamente, jener für nicht rezeptpflichtige Medikamente und jener für Impfstoffe und Diagnostika. Die drei Berner Divisionen erzielen einen Jahresumsatz von fast einer halben Milliarde Franken. Novartis Schweiz ist die Verkaufs- und Vertriebsorganisation des gleichnamigen Basler Pharmakonzerns. Vom Backsteingebäude an der Berner Monbijoustrasse aus werden heute unter anderem die Zulassungen von Medikamenten in der Schweiz besorgt und es werden die Schweizer Ärzte und Spitäler bearbeitet, Novartis- statt Konkurrenzprodukte zu verschreiben. Novartis-Labors und Lagerhallen gibt es in Bern keine.
Nach der Übernahme des Augenheilmittelkonzerns Alcon ist die Zahl der Standorte von Novartis Schweiz auf 13 angewachsen – jetzt sollen es dank einem zentralen Sitz wieder weniger werden, wie Novartis gestern mitteilte. So werden auch die – weitaus kleineren – Niederlassungen von Novartis Schweiz in Cham ZG und Hüneberg ZG nach Rotkreuz umziehen. Zudem schliesst Novartis das Werk der Tochter Ciba-Vision im zürcherischen Embrach mit 88 Angestellten. Diese sollen neue Stellen im Konzern erhalten. Im Embrach wurden bisher unter anderem Kontaktlinsen hergestellt, nun wird die Produktion mit der neuen Tochter Alcon zusammengelegt.
Längere Personalsuche in Bern
Nur zum Teil beantwortete Novartis am Dienstag die Frage, warum die neue Schweiz-Zentrale nicht in Bern entsteht. Dass die tiefen Zuger Steuersätze eine Rolle spielen, verneint Novartis-Schweiz-Sprecherin Adrienne Develey auf Anfrage. In der Medienmitteilung betont Novartis den «besseren Zugang zum Talentpool der Wirtschaftsregionen von Zürich und Zug». Dies verschaffe Novartis hinsichtlich der Rekrutierung von hoch qualifizierten Spezialisten «erhebliche Vorteile». Dabei geht es nicht um Forscher, sondern um Marketingfachleute und Mediziner. Sprecherin Develey will den Entscheid nicht als Urteil gegen die Universität Bern deuten, doch habe man in Bern das Problem, dass «eine Stellenbesetzung in der Region Bern bis zu viereinhalb Monate länger dauert».
«Es ist mir wichtig zu betonen, dass der Entscheid nicht gegen die Wirtschaftsregion Bern gerichtet ist», lässt die Chefin von Novartis Pharma Schweiz in Bern, Monika Jänicke, ausrichten. Sie wollte sich gestern nur schriftlich äussern. Es seien verschiedene Standorte evaluiert worden. Neben dem «Talentpool Zürich» habe auch das Bauvorhaben «Suurstoffi» in Rotkreuz für den Zuger Standort gesprochen. Dieses neue Wohn- und Geschäftsquartier bilde «eine starke Grundlage für die Entwicklung von Synergien und die divisionsübergreifende Zusammenarbeit».
«Individuelle Lösungen» suchen
Der Personalverband Angestellte Schweiz forderte gestern per Communiqué Begleitmassnahmen für die vom Umzug betroffenen Angestellten – etwa Wegpauschalen, Anrechnung des Arbeitsweges an die Arbeitszeit oder Umzugsentschädigungen. Zudem erwarte man, dass sich Novartis an das Versprechen halte, alle Angestellten weiterzubeschäftigen. Da sich Novartis mit dem Umzug Zeit lässt, beginnt der Konsultationsprozess erst im Frühherbst, wobei Novartis «individuelle Lösungen» suchen will. Das Gebäude von Novartis Schweiz an der Berner Monbijoustrasse gehört der Novartis-Pensionskasse. Es ist davon auszugehen, dass diese das Objekt nach dem Auszug von Novartis nicht verkauft, sondern weitervermietet.
Den Kanton Bern orientierte Novartis gestern nur eine knappe Stunde vor der Öffentlichkeit über den Schliessungsentscheid. «Die Sache ist klar», sagt Adrian Studer, der Leiter des kantonalen Wirtschaftsamts Beco. Es sei aber nicht so, dass Unternehmen Stellen grundsätzlich von Bern weg verschieben würden. Im Fall der Swisscom oder des Berner Pharmaunternehmens Galenica habe es auch Gegenbewegungen gegeben. (Der Bund)
Erstellt: 29.06.2011, 06:52 Uhr
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3 Kommentare
Sehr interessant! Ich mache die Erfahrung, dass die innovativen, kreativen und flexiblen Marketingfachleute, die sich gerne jeder Herausforderung stellen, sich in der täglichen Arbeit schlimmer als die ärgsten Beamten aufführen. Und davon soll es in Zürich mehr geben? Ich dachte immer, Bern sei die Beamtenstadt! Antworten
Zug als Standort bietet halt doch vile Steuervorteile, auch wenn das abgestritten wird. Das Bauvorhaben "Suurstoffi" war mitentschieden. Die meisten gut verdienenden Angestellten können auch dort wohnen, und bezahlen wesentlich weniger Steuern, als im Bauernkanton Bern. Antworten
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