«Berlusconi ist in jeder Hinsicht ein Gentleman»
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 01.10.2011 1 Kommentar
150 Jahre Italien: Das Fest Politiker, DJs und Gastronomen
Das grosse Fest zum 150-Jahr-Jubiläum der italienischen Einheit findet heute Samstag von 10 bis 22 Uhr auf dem Berner Waisenhausplatz statt. Von 10.10 bis 11 Uhr sind verschiedene Politiker anwesend, unter anderen die Berner Stadtratspräsidentin Vania Kohli (BDP) und Nationalrat Corrado Pardini (SP). Auf der Bühne gibts den ganzen Tag über Musik - vom Chor der Missione Cattolica bis zu DJ Scaloni. An verschiedenen Ständen können italienische Spezialitäten genossen werden.
Zu den Personen
Patrizia Mordini, 37, ist SP-Stadträtin, Mitgründerin Second@s Plus Bern und Gleichstellungsbeauftragte der SBB.
Nathalie D’Addezio, 33, ist Präsidentin der SVP Sektion Altstadt-Schosshalde-Kirchenfeld und Mitarbeiterin der Parlamentsdienste.
Am Samstag wird in Bern 150 Jahre Italien gefeiert. Das Land liegt wirtschaftlich am Boden. Gibt es trotzdem Grund zum Feiern?
D’Addezio: Ja. Italien steckt immer wieder in Krisen. Und es hat es auch immer wieder geschafft, daraus herauszukommen. Die Schattenwirtschaft spielt eine grosse Rolle. Viele haben zwei Jobs, einen offiziellen und einen inoffiziellen.
Mordini: Ja. Es ist auch das erste grosse solche Fest für Italiener in Bern.
Berlusconi hat die Leute ja ermuntert, ein bisschen locker mit den Steuergesetzen umzugehen.
Mordini: Das ist mit ein Grund für seine Popularität. Der sogenannte Cavaliere verübt aber alles andere als Kavaliersdelikte. Zudem besitzt er Verlagshäuser, ein TV-Imperium, einen Fussballklub, Kino-Ketten: Er kann die Massen nach Belieben vereinnahmen und ablenken.
D’Addezio: Die aktuelle Wirtschaftskrise ist ein weltweites Phänomen. Viele Leute wollen bei Berlusconi nur das Negative sehen. Er ist nicht perfekt, aber er ist ein äusserst arbeitstüchtiger Mensch, der sich vom Staubsaugervertreter hochgearbeitet hat. Es gibt viele Neider in der Opposition, die ihm das nicht gönnen. Er wäre nicht derart oft wiedergewählt worden, wenn die Leute ihm nicht etwas zugetraut hätten.
Mordini: Berlusconis Ära ist definitiv am Ende. Gemäss aktuellen Umfragen zieht er gerade noch 25 Prozent der Stimmen auf sich. Er macht Politik auf hinterlistige Art. So schlug er zum Beispiel vor, die Steuern für Immobilien zu senken. Viele können solchen Vorschlägen etwas abgewinnen, weil sie denken, dass sie vielleicht einmal auch davon profitieren könnten. Am Schluss leiden die Gemeinden, weil ihnen die entsprechenden Einnahmen fehlen. Und Berlusconi selber profitiert am meisten. Das ist Machtmissbrauch.
D’Addezio: Die Italiener haben Berlusconi aber mehrfach wiedergewählt. Das italienische Volk ist nicht dumm. Berlusconi bietet in seinen Firmen seit mehr als 30 Jahren Arbeit für über 51'000 Personen. Er hat ein Vermögen in den Wohnungsbau investiert. Das ist den Medien keine Zeile wert.
Aber die Medien gehören ja ihm. D’Addezio: Dafür will er die Medien eben nicht benutzen. Er muss ja niemandem etwas beweisen.
Mordini: Das ist Schönfärberei. 2009 ist die Wirtschaft um fünf Prozent geschrumpft, im letzten Jahr ist sie kaum gewachsen. Auch die Infrastruktur liegt am Boden. Italien fehlt es an Konstanz. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es zig Regierungen. Die Gewaltentrennung ist gefährdet.
Die Gerichte reden aber ja doch mit.
Mordini: Ja, aber in Italien sind die Verflechtungen gar nicht mehr überschaubar. Die Verfassung wurde durch zig Abänderungen und Ergänzungen verunstaltet.
D’Addezio: Italien wäre nicht mehr Italien, wenn das politische System derart stabil wäre wie in der Schweiz. Es gehört zur Mentalität, wichtige Arbeiten und Entscheidungen hinauszuzögern. Vielen geht es auch darum, den anderen über den Tisch zu ziehen, bevor man selber über den Tisch gezogen wird.
Jetzt ist Berlusconi angeklagt wegen Prostitution mit Minderjährigen.
D’Addezio: Bisher wird alles abgestritten und nichts ist bewiesen. Er gibt ja zu, dass er eine Schwäche für schöne Frauen hat. Wo liegt da das Problem?
Mordini: Es geht nicht um die Flausen eines älteren Herrn. Er hat ein wichtiges Amt, in das er gewählt worden ist. Das übt er auf respektlose Art aus.
D’Addezio: Ich glaube nicht, dass er sich auf Prostitution eingelassen hat. Niemand hat die Frauen gezwungen. Berlusconi ist in jeder Hinsicht ein Gentleman. Er hat das gewisse Savoir-faire und die Opposition ist neidisch darauf. Italien hat grössere Probleme als den Umgang des Premiers mit Frauen.
Sie profitierten beide von der erleichterten Einbürgerung für junge Ausländer. Wer sich einbürgern lassen will, muss jahrelang hier leben. Ist diese Hürde zu hoch?
D’Addezio: Nein. Der Schweizer Pass ist etwas Wertvolles, wofür man kämpfen soll. Zwölf Jahre sind keine lange Zeit.
Mordini: Wenn ich hier geboren bin und bis zur Volljährigkeit warten muss, um den Pass zu beantragen, ist das zu lang. Ich fühlte mich in dieser Zeit als Schweizerin und hatte doch nicht dieselben Rechte. Das hat mich geprägt. Zudem fand ich es bemühend, nachdem ich Kindheit und Jugend in der Schweiz verbracht hatte, mich in einem Einbürgerungsverfahren als Schweizerin beweisen zu müssen.
D’Addezio: Meine Erfahrung ist anders. Ich stellte mit 16 den Antrag und erhielt den Pass mit 18. Wer als Erwachsener hierherkommt, soll sich zuerst integrieren. Wenn man mir zum Beispiel «Tschingg» sagte, empfand ich das nicht als Beleidigung. Der Ursprung des Wortes geht auf ein Kartenspiel zurück, bei dem der Ausruf «Cinque alla Morra» verwendet wurde. Die Schweizer machten daraus «Tschingg».
Mordini: Für mich ist das aber klar ein Schimpfwort, das auch gegen mein persönliches Umfeld verwendet wurde.
Warum ist der Begriff «Tschingg» heute verschwunden?
D’Addezio: Die Aufhebung des Saisonnier-Statutes und die Personenfreizügigkeit dürften dazu beigetragen haben.
Mordini: Wir Italiener galten ja einmal als schwer integrierbar. Heute werden andere Bevölkerungsgruppen in diese Rolle gedrängt.
D’Addezio: Meine Grosseltern haben 22 Jahre in der Schweiz gearbeitet und nur Gutes erlebt. Sie sprachen Deutsch und haben viel gearbeitet. Mit dem Geld konnten sie in Italien ein Haus bauen.
Max Frisch sagte einmal: «Wir haben Arbeitskräfte gesucht und es kamen Menschen.»
Mordini: Man suchte billige Arbeitskräfte, die weniger Arbeitnehmerschutz hatten. Den Angehörigen der Opfer der Tragödie beim Bau des Mattmark-Staudamms wurde bis heute keine Entschädigung bezahlt. Heute gibt es dank den Gewerkschaften den Schutz gegen Lohndumping.
D’Addezio: Ich habe kaum je von Italienern gehört, sie hätten sich hierzulande diskriminiert gefühlt.
Wären Sie heute in der Schweiz, wenn vor 40 Jahren die Schwarzenbach-Initiative zur Limitierung der Anzahl Ausländer angenommen worden wäre?
Mordini: Meine Eltern waren vorher in der Schweiz, hätten aber wohl gehen müssen.
D’Addezio: Meine Eltern waren nicht eingebürgert. Sie hätten unter Umständen auch gehen müssen. Die Initiative kam von der äussersten Rechten. Ich halte nicht viel davon.
Und von der aktuellen Initiative gegen die Masseneinwanderung?
D’Addezio: Da gibt es einen Unterschied. Wir reden von kriminellen Ausländern und nicht allgemein von Ausländern.
Mordini: Sie setzen zweierlei Massstäbe für Schweizer und Ausländer. Diese Initiative ist ebenso menschenunwürdig wie die Schwarzenbach-Initiative.
D’Addezio: Wer Mörder und Kinderschänder in Schutz nimmt, verdient kein Verständnis. Die SVP hat nie behauptet, dass sie keine Ausländer will. Es braucht eine kontrollierte Einwanderung.
Frau D’Addezio, war es für die SVP nie ein Thema, dass Sie Ausländerin sind?
D’Addezio: Nein. Ich könnte nie Mitglied einer ausländerfeindlichen Partei sein. Das wäre ja ein Widerspruch.
Mordini: Aber das ist ja ein Widerspruch. Die SVP will eine Zweiklassengesellschaft von Schweizern und Ausländern.
D’Addezio: Wenn ich irgendwo zu Gast bin, muss ich mich anpassen. Wenn nicht, ist es besser, wenn ich dieses Land wieder verlasse.
Kann sich Italien wieder aus dem Dreck ziehen? D’Addezio: Wenn nicht wertvolle Zeit mit unnötigen Gerichtsverfahren verplempert wird, könnte es wieder aufwärtsgehen. Leider tritt Berlusconi wohl nicht mehr zur Wahl an. Dank dem soeben präsentierten Sparpaket wird es aber wieder aufwärtsgehen.
Mordini: Ja, wenn die Demokratie ungehindert spielen kann und die Opposition an die Macht kommt. (Der Bund)
Erstellt: 01.10.2011, 12:33 Uhr
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1 Kommentar
@ D`Adezzio: "Wenn ich irgendwo zu Gast bin, muss ich mich anpassen." - Italiener waren niemals Gäste in der Schweiz... Oder lassen sie ihre Gäste Kochen, den Abwasch machen und geben ihnen am Schluss nur Brot und Milch und essen den Braten selber??? Antworten
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