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Bern

Beleidigt, belästigt, bedroht

Von Anita Bachmann, Marc Lettau. Aktualisiert am 07.12.2011 3 Kommentare

Die elektronischen Medien machen Auseinandersetzungen unter Schülern brutaler. Täter sind im Internet enthemmter, und die Opferkinder sind auch zu Hause vor Cybermobbing nicht sicher.

1/21 Fast ein Dreivierteljahr lang haben sich die Polygrafinnen und Polygrafen im 4. Lehrjahr an der Schule für Gestaltung in Bern mit dem Thema Cybermobbing auseinandergesetzt.

   

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Cybermobbing

Unter Cybermobbing wird das absichtliche Beleidigen, Belästigen, Ausgrenzen und Bedrohen mithilfe moderner Kommunikationsmittel verstanden. Im Unterschied zum Mobbing erfolgt Cybermobbing indirekt und auf Distanz. Bei Mobbing herrscht ein grosses Machtgefälle zwischen Täter und Opfer, das regelmässig über lange Zeit geplagt wird.

• Cybermobbing existiert in unterschiedlichsten Ausdrucksformen: In Chats wird gepöbelt, und es werden Gerüchte in Umlauf gebracht; peinliche Situationen – zum Teil bewusst provoziert – werden gefilmt und im Internet verbreitet; in Netzwerken werden «Hassgruppen» gegründet, in denen Opfer blossgestellt werden; Mobbende gaukeln dem Opfer eine falsche Identität vor, bauen eine vertrauensvolle Beziehung auf, um diese dann gezielt zu missbrauchen (Grooming); es werden bewusst Schlägereien angezettelt, um sie zu filmen, ins Internet zu stellen und das Opfer zu demütigen (Happy Slapping); Opfern wird direkt oder indirekt damit gedroht, dass jemand verletzt oder gar getötet werden soll.

• Der virtuelle Raum ist aber nicht nur die Bühne für neue Formen von Übergriffen. Das Internet ist gleichzeitig die wertvolle Quelle für Hilfestellungen, die Jugendlichen und Erwachsenen aufzeigen, welche sozialen Regeln auch in Social Medias gelten müssen und wie dem Cybermobbing begegnet werden kann.
Eine Auswahl:
• www.cybersmart.ch
• www.elternnet.ch
• www.klicksafe.de
• www.fit4chat.ch

Artikel zum Thema

Handys gehören im Leben einer Schülerin, eines Schülers heute in den meisten Fällen dazu. Und die multifunktionellen Geräte sind auch Spielzeuge, etwa zum Filmchen drehen. Was im Lustigen beginnt, kann bitterer Ernst werden, wenn das Filmchen mit den doofen Grimassen im Internet auf Youtube aufgeschaltet wird, als Handlung in einer Auseinandersetzung unter Schülern.

«Auch Schlägereien auf dem Schulweg oder in den Garderoben werden gefilmt», sagt Simone Gaberell, Schulsozialarbeiterin an der Schule Mösli in Ostermundigen. Auch diese gelangen dann ins Internet, wo jeder, insbesondere die ganze Klasse, sehen kann, wer das Sagen hat. Wenn Kinder von anderen geplagt würden, würden inzwischen meistens auch elektronische Medien eingesetzt.

Ebenso üblich wie das Benutzen von Handys ist das Mitmachen in sozialen Foren wie Facebook, Netlog oder MSN. «Man will zugänglich sein», sagt Gaberell. Was genau in solchen Foren und Chats abgeht, ist für die Schulsozialarbeiterin nur in Einzelfällen einsehbar. Der Druck auf die Opferkinder müsse enorm gross sein, bis die Inhalte Erwachsenen zugänglich gemacht würden. In einem Fall habe sie aber einen kompletten Verlauf eines Chats. Eine Gruppe habe einen Klassenkameraden als Weichei, Muttersöhnchen und hässlich beschimpft. «Sehr viel zielt auf das Aussehen ab, wobei überhaupt keine Rolle spielt, wie der Betroffene tatsächlich aussieht», sagt sie. Auch perverse Äusserungen und Drohungen seien dabei gewesen. Im Internet würden die Schüler einander Dinge schreiben, die sie mündlich nicht auszusprechen wagten.

Mit schlimmen Fällen zur Polizei

«Die Betroffenen sind verletzt und wissen nicht mehr wie weiter», sagt Gaberell. In einer ersten Phase rede sie mit ihnen, auch über die nächsten möglichen Schritte. Die Eltern des betroffenen Kindes könnten sich etwa mit den Eltern des Täters in Verbindung setzen, oder manchmal helfe auch die Aufklärung über Verhaltensregeln im Internet der involvierten Schüler. In schlimmen Fällen empfiehlt Gaberell auch eine Anzeige bei der Polizei.

Weil Handys immer multifunktionaler geworden sind und man an der Schule Mösli in Ostermundigen nicht dulden will, dass in der Schule Filmchen gedreht werden und verbotene Inhalte im Internet heruntergeladen werden, sind elektronische Geräte auf dem Schulareal verboten. Diese Verschärfung habe man mit dem Elternrat vorgängig besprochen, sagt Schulleiter Martin Frei. Vor allem die Eltern jüngerer Kinder hätten diese Massnahme unterstützt. Zudem werden die Eltern auf der Homepage der Schule und mit einem Infoblatt auf die Problematik Cybermobbing aufmerksam gemacht. «Die Eltern müssen hinschauen», sagt Frei.

Neue und «brutale» Qualität

Einen Schulalltag ohne jegliche Aggression habe es wohl nie gegeben, sagt Etienne Bütikofer, der an der Pädagogischen Hochschule Bern unter anderem zum Thema Medienkompetenz unterrichtet. Neu seien aber für Schülerinnen und Schüler die zeitlich und örtlich völlig uneingeschränkten Übergriffe: «Viele Schüler haben Angst vor dem Schulweg, denn er ist auch ein Rahmen für aggressives Verhalten. Doch nun endet die Bedrohung nicht. Sie geht zu Hause weiter. Das ist in qualitativer Hinsicht der brutale Unterschied zu früher.» Die modernen Informationsmittel dehnten also die besonders konfliktträchtige Zeit von der halben Stunde für den Schulweg auf praktisch den ganzen Tag aus. Dazu komme, dass niemand die aggressiven Impulse zügle. Es fehle die soziale Kontrolle durch Gleichaltrige oder durch Erwachsene.

Cybermobbing sei perfiderweise kaum offensichtlich, anonym. Die Anonymität erlaube es den Tätern nicht nur, andere zu bedrohen. Sie könne bei den Opfern auch zum völligen Vertrauensverlust führen, denn die meisten Übergriffe im virtuellen Raum kämen ja von Personen, denen man auch im realen Alltag begegne: «Wer bedroht wird, weiss oft nicht von wem. Die scheinbar allerbeste Freundin könnte ja der Gruppe angehören, die einem gerade plagt.»

Täter sehen das Leiden gar nicht

Laut Simone Eisner, der Leiterin Prävention Basisdienste bei der Stiftung Berner Gesundheit, führt die Anonymität zu einem weiteren Phänomen: «Täter können ihre Opfer systematisch erniedrigen, ohne mit dem Leiden der Opfer direkt konfrontiert zu werden.» Die Stiftung Berner Gesundheit trägt die aktuelle Plakatkampagne zum Thema mit. Aus ihrer Sicht ist es entscheidend, «dass Eltern grundsätzlich informiert sind über Chancen und Risiken Neuer Medien und über Verhaltensweisen, die ihre Kinder schützen».

Diesen Ansatz erachtet auch Bütikofer als angezeigt, zumal bei vielen Schülerinnen und Schülern das Unrechtsbewusstsein fehle: «Viele haben noch nicht verstanden, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Sie sind sich oft schlicht nicht bewusst, dass sie unter Umständen eine Straftat begehen, die sie vor den Jugendrichter bringen könnte.» Erschwerend sei, dass auch viele Eltern mit den fürs Internet geltenden Verhaltensregeln nicht vertraut seien. Und erst recht erschwerend sei, dass in der medialen Welt praktisch nur Problemlöseverhalten durch Gewalt gezeigt werde: «Es gibt gar keine coolen Vorbilder mehr, die Konflikte konsensual lösen.»

Ein «vordringliches Problem»

Wie aber gewichten die Fachleute Cybermobbing als Ganzes? Laut Simone Eisner handle es sich um einen «wesentlichen Brennpunkt» im Komplex der Probleme, die mit den Neuen Medien zusammenhingen. Dazu gehörten aber nebst Cybermobbing auch Sucht, Pornografie, sexuelle Übergriffe, Fragen zur Selbstdarstellung und Probleme rund ums Gamen und Gamblen.

Dozent Bütikofer wiederum ist sich «traurigerweise fast sicher», dass es sich bei Cybermobbing um ein Phänomen «mit leider grossem Potenzial für die Zukunft» handle. Es sei somit eines der «vordringlichen Probleme», viel vordringlicher als beispielsweise die – etwas salopp gesagt – «Multikultiproblematik»: Mit der gingen die Jugendlichen nämlich sehr souverän um. (Der Bund)

Erstellt: 07.12.2011, 10:23 Uhr

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3 Kommentare

Bruno Oerig

07.12.2011, 10:51 Uhr
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Es geht um Menschenbilder die portiert werden, von den Eltern, der Schule, den Medien, der Gesellschaft als Ganzem (darunter die Politik). Der wirtschaftlche Verdrängungs- und Konkurrenzkampf, welcher über soziale Kompetenz gestellt wird, spiegelt sich im Cybbermobbing wieder - brutal, empathielos und als reiner Selbstzweck definiert. Antworten


Christian Duerig

07.12.2011, 22:33 Uhr
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DIE HEILE WELT BRODELT
Keiner braucht sich vor dem Internet zu fürchten. Der Januskopf verschwindet mehr und mehr aus der Welt. Er existiert nur noch bei den Betroffenen. Wir müssen alle lernen aus dem Gauklertum, der heilen Welt, der Verlogenheit zu entrinnen, indem wir wissen was wir sind und was wir tun. Die Polizei hilft uns dabei. Lehrer sollten auch in der Lage sein, helfen zu können, doch
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