Aus dem Abfallcontainer zurück auf den Teller

Mit Stirnlampe und Gummihandschuhen rückt ein Berner aus, um Brot und Gemüse aus den Entsorgungscontainern des Detailhandels zu fischen. Unterwegs mit einem «Containerer».

Der «Containerer» mit der Ausbeute eines Abends.

Der «Containerer» mit der Ausbeute eines Abends. Bild: Matthias Ryffel

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Wenn Max K.* sich durch einen Haufen aussortierter Lebensmittel wühlt, treibt ihn nicht der Hunger an. Es sei sein Gewissen, sagt er. Es ist eine Dezembernacht, wir befinden uns im Lastwagenanhänger eines Schweizer Detailhändlers in der Agglomeration Bern. Im Lichtkegel der Taschenlampe türmen sich Holzpaletten, Kisten und leere Pappschachteln. In einem Behälter direkt daneben: Brot, Patisserie, knapp 30 Grittibänze mit dunklen Knopfaugen. Gemüse, Salate und Früchte verteilen sich auf neun weitere Kisten. Max streift sich blaue Gummihandschuhe über.

Ein Drittel der für den Schweizer Konsum produzierten Lebensmittel landet im Abfall. Dies besagen Studien der Nichtregierungsorganisation Foodwaste.ch, auf die sich nebst dem WWF auch das Bundesamt für Landwirtschaft beruft. Das sind jährlich rund zwei Millionen Tonnen. Fünf Prozent dieser Verluste verortet die Studie im Detailhandel. Mit 45 respektive 30 Prozent fällt der Löwenanteil demnach in den Haushalten und in der Verarbeitung an.

«Diebstahl, Hausfriedensbruch»

Lange bevor diese Zahlen bekannt geworden sind, hat Max beschlossen, «das Spiel nicht mehr mitzumachen», wie er sich ausdrückt. Seit 2007 schleicht er sich regelmässig auf das Gelände von Detailhändlern. Dort verschafft er sich Zutritt zu Anhängern und Containern, in denen aussortierte Lebensmittel lagern, die das Verkaufs- oder Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. «Ich handle aus politischem Protest gegen die Konsum- und Wegwerfgesellschaft», sagt Max. Man kauft es dem 28-Jährigen ab: Jacke, Jeans und Schuhe sind ausgetragen und wenig modisch, wenn auch sauber. Max schätzt, dass in Bern rund 50 Personen wie er handeln: Sie «containern», wie man es im Jargon nennt.

«Diebstahl, Hausfriedensbruch und mögliche Sachbeschädigung», so nennt es Thomas Bornhauser. Die Stimme des Migros-Sprechers tönt scharf am Telefon, als er sagt: «Die Migros toleriert das nicht.» Zudem sei die Verletzungsgefahr zu bedenken, gerade in der Dunkelheit.

Schweinemast und Biogas

Beim Konkurrenten Coop heisst es, «containern» sei für das Unternehmen «kein Thema». Der Umgang mit nicht verkaufter Ware sei klar geregelt, Abfälle würden zentral gesammelt. Das ermögliche eine «ökologische und ökonomisch optimierte Entsorgung.»

Die Entsorgung erfolgt sowohl bei Coop als auch bei der Migros auf verschiedenen Wegen: Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten haben, gehen zum Teil an karitative Organisationen wie Tischlein deck dich. Brotwaren gibt man in die Schweinemast, der Rest wird zu Biogas vergärt.

«Diebstahl?» Im Lastwagen runzelt Max die Stirn. «Die vernichten doch Nahrung, nicht ich.» Wenn Max sein Handeln erklärt, taucht etwas Aufmüpfiges in seinem sonst besonnenen Blick auf. Etwa wenn er sagt, er sei «Freeganer», lebe als solcher vegan und versuche durch Konsumabstinenz «möglichst keine Nachfrage zu schaffen».

Weshalb? Max verweist auf die Folgen der industriellen Nahrungs- und Güterproduktion: «Treibhausgase, Wasserverschwendung, Zerstörung der Böden, steigende Weltmarktpreise für Nahrung.» Die «schlimmste Verschwendung» sieht er in der Produktion tierischer Lebensmittel, die viel mehr Ressourcen verschlinge als die Herstellung pflanzlicher Nahrung. Karitative Lebensmittelhilfe, Schweinemast, Biogas - das möge sinnvoll sein, sagt Max. Das Grundproblem aber werde unter den Tisch gekehrt: die Überproduktion. «Die Grossverteiler wollen den Konsum fördern und möglichst viel Absatz generieren.» Deshalb pflegten sie ein Überangebot und nähmen Lebensmittelverluste bewusst in Kauf.

Ernährung: «Keine Privatsache»

Von kalkuliertem Überangebot könne keine Rede sein, widerspricht Migros-Sprecher Bornhauser. «Für die Migros bedeutet der Verlust von Lebensmitteln zugleich Umsatz- und Margenvernichtung.» Was im Regal stehe, entscheide letzten Endes der Konsument. Um den Lebensmittelverlust zu ändern, müsse man die Gesellschaft verändern. Aktivist Max sieht das ähnlich: Ernährung sei längst keine Privatsache mehr in einer globalisierten Agrarwelt. Lösungen seien aber nicht innerhalb des heutigen Grossverteiler-Systems zu suchen, sondern in vorhandenen Alternativen: «Vertragslandwirtschaft und Direktaustausch zwischen Konsument und Produzent.»

Im Anhänger hat Max seine Auswahl getroffen: Champignons, Kürbis, Bananen, Blumenkohl, Broccoli und Kartoffeln liegen in seiner Kiste - alles in einwandfreiem Zustand. Es sei vorgekommen, dass er zu Hause Waren doch noch habe entsorgen müssen, räumt Max ein. Inzwischen habe er die Mengen aber gut im Griff. Die Ausbeute dieses Abends will der Aktivist mit fünf Leuten teilen. «Davon werden wir hoffentlich eine Woche zehren.»

* Name durch die Redaktion geändert (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.12.2012, 08:07 Uhr)

Food Waste: Abfall und Nahrungsspenden

Coop Schweiz gibt an, weniger als 0,5 Prozent seiner Lebensmittel entsorgen zu müssen. Absolute Zahlen nennt das Unternehmen nicht, selbiges gilt auch für die Migros: 0,2 bis 0,3 Prozent müsse man vernichten oder weiterverarbeiten, heisst es bei der Genossenschaft Aare. Nachhaltigkeitsexperte João Almeida von der Organisation Foodwaste.ch erachtet diese Zahlen als «realistisch». Er merkt allerdings an, eine allgemeingültige Definition von Food Waste existiere noch nicht. Je nach Studie oder Statistik würden die zur Vergärung oder Verfütterung bestimmten Abfälle nicht mit einberechnet - dann resultierten deutlich niedrigere Zahlen. Aus den Stellungsnahmen von Migros und Coop geht nicht hervor, ob Vergärungs- und Verfütterungsabfälle eingerechnet werden.

Sowohl Coop als auch Migros spenden überschüssige Produkte an Lebensmittelhilfeorganisationen wie Caritas, Tischlein deck dich und Schweizer Tafel. Die Organisation Tischlein deck dich allein gibt an, im Jahr 2012 rund 2400 Tonnen Nahrungsmittel an ungefähr 12'400 Bedürftige abgegeben zu haben. Coop unterstützt Schweizer Tafel und Tischlein deck dich mit je 250'000 Franken im Jahr.

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