Bern

«Aufgetischt»: Die Künstlerin kocht persönlich

Von Felicie Notter. Aktualisiert am 13.05.2012

Chantal Michel, Künstlerin und Metamorphose-Virtuosin, bittet in der Villa Gerber in Thun zu Tisch. Das Highlight: eine unprätentiöse Kürbissuppe.

Chantal Michel hat die Villa Gerber in Thun zur Märchenwelt umgestaltet – und die Kellerräume zum Restaurant.

Chantal Michel hat die Villa Gerber in Thun zur Märchenwelt umgestaltet – und die Kellerräume zum Restaurant.
Bild: zvg

Die Rechnung, bitte

Karte: «Pasta & Wein» und andere Klassiker.

Preise: Besuch der Ausstellung und Diner 45.-, plus Übernachtung für zwei Personen inklusive Frühstück mit der Künstlerin je 80.-.

Kundschaft: Paare, Gruppen und Gesellschaften aus der Region, Bern oder Appenzell.

Öffnungszeiten: Jeden Samstag um 18 Uhr, nur mit Anmeldung unter 031 311 21 90.

Adresse: «Villa Gerber», Allmendstrasse 1, 3600 Thun. www.chantalmichel.ch

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Noch begrüsst der überdimensionale Gala-Käse die von Bern herkommenden Zugreisenden bei ihrer Einfahrt in Thun. Noch sind die Spuren der Lettern am ehemaligen Verwaltungsgebäude zu lesen: Käsespezialitäten. Seit aber Chantal Michel in die «Villa Gerber» eingezogen ist, werden hier weit vielfältigere Sinnesfreuden aufgetischt: Die bekannte Foto-, Performance- und Videokünstlerin richtet schmackhafte Bissen aus ihrem Werk der letzten Jahre an - und nimmt die Kelle gleich selber in die Hand, um ihre Gäste zu bekochen.

Leises Schmatzen weckt den Hunger

Die strahlende Hausherrin empfängt uns denn auch persönlich, man plaudert wie unter alten Bekannten. Die über mehrere Etagen reichende Ausstellung, so die Empfehlung, begeht man am besten mit einem Glas Prosecco in der Hand (7.-). Zum Glück bin ich nicht in Beuys’ Fettecke auf Besuch, denkt, wer mit feinem Sensorium ausgestattet ist. Chantal Michels Kunst ist durchwegs appetitverträglich; Fette, Öle und Essen spielen darin kaum eine Rolle. Einzig die Schmatzgeräusche am Ende des Ganges aus einer Videoinstallation wecken leise den Hunger.

Im von Kerzenlicht und zwei Videoinstallationen erhellten Kellergewölbe nehmen wir und die circa zwanzig anderen Gäste an zwei langen Tischen Platz. Aufgetischt sind schon der Wein und die Flaschen mit Leitungswasser. Der «Intrigo»-Wein aus Puglia der Sorte Negroamaro schmeckt wunderbar vollmundig und ist zu unserem Erstaunen im Gesamtpreis (45.-) inbegriffen. Erschwinglich auch der Hauswein, eine Spezialedition zur Ausstellung, der für 25.- die Flasche mitgenommen werden kann.

Ohne Karte gehts direkt zur Tafel: Eine unprätentiöse, aber überzeugende Kürbiscremesuppe zur Vorspeise und zum Hauptgang ein Bärlauchrisotto - «chüschtig», ist man sich einig. Neugierig lesen wir auf den Zahnstocherfähnchen, die im Risotto stecken: «Im Schatten des Körpers» oder «In Abwesenheit der Anwesenden». Es sind Titel von Werken, die die Künstlerin erst noch zu schaffen gedenkt.

Kein Käse in der ehemaligen Käsefabrik

Ansonsten hält sich das Diner mit überraschender Konsequenz an die angekündigte «Einfachheit»: Bei der Suppe fehlt der Begleiterin das Brot, beim Risotto der Käse. Als auch der Filterkaffee ohne Rahm und Zucker serviert wird, wittern wir schon ein Statement zur Konsumgesellschaft. Rahm und Zucker folgen aber mit Verspätung - entschuldbar bei dem geringen Personal, bestehend aus freiwilligem Helfer und der Künstlerin in Mehrfachrolle. Das Dessert, ein klassisches Cake Financier, schmeckt ohnehin auch mit Rotwein.

Das Diner will kulinarisch nicht mehr sein, als es ist; es geht hier um die Verbindung von Kunst und Essen an einem besonderen Ort. Das kunstvolle Anrichten der Speisen kommt dabei etwas kurz. Mit einem Sahnehäubchen oder Besteck von Michels samstäglichem Flohmarkt anstelle des austauschbaren Gedecks wäre die ästhetisch geschärfte Kundschaft, die dafür auch gerne mehr bezahlt hätte, noch mehr zu entzücken gewesen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2012, 10:03 Uhr

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