Auf dem Estrich der Urvölker
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 19.10.2011 2 Kommentare
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Hinter der schweren Brandschutztüre wird es düster, kalt und zugig. Eine steile Holztreppe führt von den modernisierten Räumlichkeiten der Berufsvorbereitenden Schuljahre hinauf in den Estrich. «Rauchen strengstens verboten», steht in sorgfältiger Handschrift auf einem längst vergilbten Pappschild. Erika Bürki öffnet die Türe zu einem Holzverschlag. Die Dachfenster sind notdürftig mit Brettern vernagelt. Nach einigen Zuckungen beleuchtet eine Neonröhre die Schätze des Museums für Völkerkunde Burgdorf. «Das Schaulager hat einen leicht gruseligen Charme», sagt Bürki, die zusammen mit Alexandra Küffer das Museum leitet, «für die Objekte sind die Bedingungen hier aber alles andere als optimal.» Auf Tischen und in Schränken lagern nach Kontinenten geordnet unzählige afrikanische Gefässe, südamerikanische Masken oder ozeanische Waffen.
Küffer hat vorsichtshalber Handschuhe angezogen – weniger um die Objekte zu schonen als vielmehr der Kälte wegen. Doch das Klima im luftigen Estrich macht nicht nur den Museumsleiterinnen zu schaffen. «Die Temperaturunterschiede sind das grösste Problem für die Sammlung», sagt die Ägyptologin. Im Sommer wird es unter den Dachziegeln und Eternitplatten bis zu 40 Grad heiss, im Winter kühlt es bis unter den Gefrierpunkt ab. «Vor allem bemalte und vergoldete Objekte leiden darunter», sagt Küffer und zeigt auf eine thailändische Bronzestatue aus dem 18. Jahrhundert, bei der an Brust, Armen und Händen das Blattgold abblättert. Auch Objekte aus Leder leiden – für sie ist die Luft im Estrich zu trocken.
4000 Jahre altes Gefäss zerfällt
In einer Vitrine steht auf einer Papierserviette ein ungebranntes Gefäss aus Nilschlamm, das langsam zerfällt. «In einigen Jahren wird das nur noch ein Häufchen Dreck sein», sagt Küffer. Rund um das Töpfchen hat sich bereits ein Kranz aus abgelöstem Sand gebildet. Eine Stabilisierung des Objekts kann sich das Museum nicht leisten – und sowieso hätten viele bedeutendere Exponate Vorrang. Und doch stimmt es nachdenklich, wenn hier etwas verschwindet, was im alten Ägypten vor rund 4000 Jahren einem Verstorbenen mit ins Grab gegeben worden ist.
Noch vor zehn Jahren konnte das Museum einen ansehnlichen Teil seiner 5000 Objekte eine Etage unter dem heutigen Depot in der Oberstadt ausstellen. Heute verfügt es lediglich noch über einen Ausstellungsraum im einstigen Estrich des Schlosses, der durch zwei ehemalige Gefängniszellen ergänzt wird. Hier werden in der Ausstellung «An den Ufern des Amazonas» Exponate aus der Sammlung gezeigt, wie etwa die Hockermumie aus dem peruanischen Heiligtum von Pachacamac. «Sicher 95 Prozent der Sammlung sind jedoch eingelagert», sagt Erika Bürki. Umso wichtiger wäre es, dass das Depot in Ordnung ist.
Mit viel persönlichem Engagement versuchen die beiden, zu je 20 Prozent angestellten, Museumsleiterinnen die Bestände aufzuarbeiten und das rudimentäre Inventar zu vervollständigen. «Via Leistungsvertrag mit der Stadt sind wir verpflichtet, zur ganzen Sammlung Sorge zu tragen», sagt Küffer. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln – das Jahresbudget des Museums beträgt etwa 50'000 Franken – sei aber ein verantwortungsvoller Umgang mit all den Kulturgütern kaum möglich. «Was hier geschieht, können wir mit unserem Berufsverständnis als Ethnologinnen kaum noch vereinbaren», sagen die Frauen.
Die grundsätzliche Frage sei, wie mit Objekten, die frühere Generationen gesammelt haben, umgegangen werden solle. Sie seien überzeugt, dass Museen eine besondere Verantwortung dafür tragen und durch den korrekten Umgang den Kulturen, von denen sie stammen, Respekt zollen sollten.
Immer wieder habe man auf die misslichen Umstände in Burgdorf aufmerksam gemacht – passiert sei aber lange nichts. Im letzten Jahr standen Bürki und Küffer dann kurz davor, zu kündigen. Ein Gespräch mit der Stadtpräsidentin habe sie jedoch davon abgebracht. Elisabeth Zäch (SP) setze sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr für das Museum ein, betont Küffer. Ihr sei es zu verdanken, dass das gesamte Depot bald in einen Zivilschutzkeller verlegt werden könne. Ideal sei dies zwar nicht, gerade weil solche Keller oft zu feucht seien – «aber um Längen besser als der staubige Estrich». Unklar ist noch, wer für die Kosten des heiklen Umzugs aufkommt. Aus eigenen Mitteln kann ihn der Trägerverein nicht finanzieren.
Von Katastrophe verschont
Trotz allem hatte das Museum bisher Glück. Im Depot gibt es zwar Brandmelder, aber keine Sprinkler. Ein Feuer im hölzernen Dachstock würde innert kürzester Zeit die ganze Sammlung zerstören. Diebstähle gab es bisher ebenfalls nicht zu beklagen. Einzelne Stücke wären Sammlern durchaus Hunderttausende von Franken wert. Und auch die Schäden durch Insektenfrass halten sich in Grenzen. Regelmässig hängen die Museumsleiterinnen neues Mottenpapier in die Schränke.
Was die kleinen Tiere anrichten können, zeigt ein zufälliger Fund von Anfang Jahr. In einem abgelegenen Teil des Estrichs, der nicht mehr zum Depot gehört, entdeckten der deutsche Ethnologe Andreas Schlothauer, der den Fall ins Rollen gebracht hatte, und das Museumsteam unter Marderkot und einer dicken Staubschicht einen Karton mit verschollen geglaubten Objekten. Küffer zeigt ein zerfressenes Stück Stoff daraus, das zur tausend Jahre alten peruanischen Hockermumie gehört. Im gleichen Karton fand sich eine geflochtene Arbeitstasche gefüllt mit Spindeln und Garnrollen, die dem Toten ins Grab mitgegeben worden war. Diese ist allerdings in einem sehr schlechten Zustand.
Grosse Freude hat Alexandra Küffer an den wieder gefundenen und heutzutage unter Sammlern sehr gesuchten Tongefässen der Nazca-Kultur, die sich ab 200 vor bis 600 nach Christus in Peru entwickelt hatte. Wie der Karton in die dunkle Ecke des Estrichs kam, weiss heute niemand mehr. Erika Bürki sagt: «Wahrscheinlich war es ein Missverständnis.» (Der Bund)
Erstellt: 19.10.2011, 08:37 Uhr
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2 Kommentare
ein Hinweis zum "zerfallenden" Gefäss: es handelt sich um ein Gefäss aus ungebranntem Ton. Der desolate Zustand ist nicht alleine auf die schlechten klimatischen Bedingungen zurückzuführen. Objekte aus ungebranntem Ton stellen in ihrer ganzen Gruppe ein grosses Problem für Konservatoren dar und selbst in den Herkunftsländern zerfallen diese Objekte weil sich Salze freisetzen. Ein Problem weltweit. Antworten
Der "Bund" hat in grossen Artikeln über die problematischen Verhältnisse im Völkerkundemuseum Burgdorf informiert. Das Beispiel zeigt, wohin extreme Sparmassnahmen im Kulturbereich führen können. Die SVP stellt ein Sparprogramm zur Diskussion, das u.a. den Denkmalschutz und den Archäologischen Dienst gefährdet. Gehen wir bald mit unseren Kulturgütern ebenso schlecht um wie mit fremden? Antworten
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