«Auch Hunde und Katzen können jederzeit grundlos getötet werden»

Am Samstag wird in Bern «Für die Schliessung aller Schlachthäuser» demonstriert. Tierrechtler und Mitorganisator Tobias Sennhauser erklärt die Hintergründe.

Tierschützer wollen am Samstag in Bern demonstrieren (Archivbild).

Tierschützer wollen am Samstag in Bern demonstrieren (Archivbild). Bild: Martin Erdmann

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Am Samstag soll in Bern die bislang grösste Tierrechtsdemonstration der Schweiz stattfinden. Wie viele Teilnehmer werden erwartet?
Wir haben Zusagen aus der ganzen Schweiz. Es werden AktivistInnen aus der Welschschweiz sowie aus dem Tessin kommen. Besonders erfreulich ist, dass es uns bei der Mobilisierung auch gelang, nicht nur den Röstigraben, sondern auch die Landesgrenzen zu überqueren. TierrechtsaktivistInnen aus Deutschland sind bereits unterwegs. Eine konkrete Zahl zu nennen, ist schwierig. Ich rechne mit mehreren hundert TeilnehmerInnen.

Gibt es einen speziellen Grund für den Zeitpunkt?
Jein. Die Demonstration «Für die Schliessung aller Schlachthäuser» ist eine internationale Kampagne, die am 12. Juni in 7 Ländern stattfand. Wegen Schwierigkeiten mit den Behörden mussten wir den Termin leider verschieben. Grundsätzlich ist der Sommer natürlich prädestiniert zum Protestieren: für die Fleischindustrie gibt es keine lukrativere Saison.

Wieso fielen Demonstrationen für Tierrechte bisher eher klein aus? Mangelt es an Aktivisten?
Demonstrationen für Tierrechte gab es in der Schweiz bisher kaum. Selbst wenn es stimmen würde, dass Tierrechtsdemos bisher eher klein ausfielen, gilt es zweierlei zu beachten. Tierrechte als soziale Bewegung - analog zu Menschen- oder Frauenrechten - sind erst in 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden und wird weitere Jahre oder Jahrzehnte brauchen, um die Gesellschaft massgeblich zu prägen. In der gleichen Zeit wurde aus der kleinbäuerlichen Landwirtschafts der Nachkriegszeit eine globale Industrie, deren Profit das BIP zahlreicher Staaten übersteigt. Insofern hat es die Tierrechtsbewegung mit einem überaus mächtigen Gegner zu tun. tier-im-fokus.ch (TIF) verbucht seit Jahren einen markanten Zuwachs an Mitgliedern. Ob es schweizweit einen Mangel an AktivistInnen gibt, wird sich morgen zeigen. Persönlich bin ich sehr gespannt, ob die gegenwärtig steigende Zahl der VeganerInnen sich auch in Sachen Tierrechtsaktivismus bemerkbar machen wird. Ich halte es für dringend nötig, den persönlichen Beitrag über das kulinarische Verhalten im Privaten auszudehnen und sich mit Worten und Taten gegen die Tierausbeutung einzusetzen.

Oder gehören Demonstrationen einfach nicht zu den bevorzugten Tierrecht-Aktivitäten?
Nein, das glaube ich nicht. Demonstrationen gegen einzelne Bereiche der Tierausbeutung wie etwa gegen Zirkusse, die Tiere als Clowns oder Artisten vermenschlichen, gibt es seit Jahren und fanden auch heuer in zahlreichen Städten gegen diverse Zirkusse statt. Im Aufschwung befindet sich auch eine internationale Kampagne mit Schweizer Beteiligung gegen Air France, die sogenannte Versuchstiere wie Waren in Flugzeugen befördert. Und: TIF planen die Demokultur künftig stärker zu pflegen.

Sie planen ein «Die-In», bei dem sich die Teilnehmer auf dem Waisenhausplatz zu Schweinegeschrei totstellen. Wie makaber darf eine Tierschutz-Demo sein?
Jedes Jahr werden alleine in der Schweiz über 1.5 Millionen Schweine vergast oder per Elektrozange niedergestreckt. Im Kanton Luzern leben mehr Schweine als Menschen, nur sieht sie niemand. Um auf die alltägliche Gewaltkultur in den Zucht-, Mast- und Schlachtfabriken aufmerksam zu machen, braucht es neben fundierter Aufklärungsarbeit auch Strassenaktionen, die für Aufsehen sorgen und zum Denken anregen. Ich bin sehr gespannt darauf, wie die PassantInnen auf das Spektakel reagieren werden.

Wird man als Tierschützer in der Öffentlichkeit oft angefeindet?
Ich bezeichne mich nicht als Tierschützer, sondern als Tierrechtler. Ich erachte den Nutzungsanspruch des Menschen gegenüber sogenannten Nutztieren als moralisch prekär. Für eine Tierrechtsorganisation wie TIF geht also nicht um «humanes Schlachten» zum Beispiel, sondern um Gerechtigkeit: Die unnötige Gewalt an Tieren muss ein Ende nehmen. Aber zurück zur Frage: wer in der Öffentlichkeit tätig ist, wird angefeindet. Das werden Sie als Journalist auch kennen. TIF betreibt kritische und sachliche Aufklärungsarbeit im Bereich Nutztierhaltung und liefert damit Argumente gegen die Tierausbeutung. Insofern können wir Einwände parieren. Kommentare unter der Gürtellinie nehme ich mit Humor.

Ist es frustrierend, sich für Rechte der Tiere einzusetzen?
Nein, im Gegenteil. Sich für Schwächere einzusetzen und die Gesellschaft mitzugestalten, stellt für viele eine grosse Bereicherung dar. Auch ich halte Tierrechtsaktivismus - genauso wie jede andere Form des politischen Aktivismus - für eine überaus sinnvolle Tätigkeit, die grosse Fragen wie Gerechtigkeit oder Ökologie tangieren. Sobald die Sinnfrage erfolgreich geklärt ist, macht das Arbeiten Spass. Frustrierend ist allenfalls die ökonomische Privilegierung der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie. Obwohl sie Tiere zur Ware degradieren, Amazonas-Soja importieren und die Umwelt verpesten, werden sie vom Bund mit Milliarden subventioniert. Das verdeutlich die wirtschaftlichen Machtverhältnisse im Bundeshaus - und zwingt uns direkt die ProduzentInnen anzugreifen. Zum Beispiel die Schlachthäuser.

Wann hatten Sie das letzte Mal das Gefühl, jemandem von Ihren Ansichten überzeugt zu haben?
Gegenwärtig desinformieren Werbung und Labelprogramme mit ihren angeblich exklusiven Vorteilen die KonsumentInnen. Fundierte Informationen zur Lebensmittelproduktion gibt es hingegen kaum. Ich will niemanden von meinem Gedankengut überzeugen, sondern versuche vielmehr mit kritischer Aufklärungsarbeit einen konstruktiven Dialog zu ermöglichen. Die meisten Leute lehnen unnötige Gewalt an Tieren ab. Es braucht also keine Überzeugungsarbeit. Doch es braucht Aufklärung.

Wie steht es um das Recht der Tiere in der Schweiz?
Ziemlich schlecht. Wir züchten, mästen, transportieren und schlachten alleine in der Schweiz jährlich über 60 Millionen sogenannter Nutztiere - Fische sind noch nicht einmal einberechnet. Unser Tierschutzgesetz zementiert ein krasses Herrschaftsverhältnis, das Menschen als Krone der Schöpfung inszeniert und Tiere zu Waren degradiert. Aufgrund ihrer Empfindungsfähigkeit hätten diese Tiere ein Interesse an Leben, Freiheit und körperlicher sowie geistiger Unversehrtheit. Um diese Interessen zu wahren, brauchen sie Grundrechte. Erst dann können Tiere als moralische Subjekte in unserer Gesellschaft aufgenommen werden. Wie ein friedfertiger und respektvoller Umgang mit anderen Tieren aussieht, wissen wir ja eigentlich. Während 18'000 Hühner in einem Raum legal sind, werden Hunde und Katzen als Mitbewohner verstanden und entsprechend behandelt. Doch auch sie haben kein Recht auf Leben und können jederzeit grundlos getötet werden.

Was kann man als Einzelner für eine Änderung der Situation beitragen?
Wichtig ist, dass man mit seinem Konsumverhalten nicht jene Konzerne unterstützt, die ihren Profit auf Kosten der Tiere machen. Die Konsequenz ist eine vegane Lebensweise, die Fleisch, Milch und Eier sowie Leder oder Wolle meidet. Ich gehe allerdings davon aus, dass eine Änderung des Konsumverhaltens auf individueller Ebene nicht ausreichen wird, um die Gewalt an Tieren zu stoppen. Deshalb gehört der Protest auch in die Öffentlichkeit. Dort sind Tierrechtsorganisationen wie TIF aktiv, die jedes Engagement begrüssen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2014, 18:27 Uhr

Zur Person

Tobias Sennhauser ist Mediensprecher und Präsident von tier-im-fokus.ch.

Das Programm

Die Demonstration «Für die Schliessung aller Schlachthäuser» wird von tier-im-fokus.ch organisiert.

14 Uhr: Besammlung auf dem Münsterplatz.

14.30 Uhr: Beginn des Umzugs über den Kornhausplatz zum Waisenhausplatz.

15.15 Uhr: Aktion auf dem Waisenhausplatz: «Die-In» zu Schweinegeschrei.

15.30 Uhr: Ansprache bekannter Personen aus der Tierrechtsszene.

17 Uhr: Veranstaltungsende.

www.tier-im-fokus.ch/demo

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