Apokalyptische Feuerzungen

Zum Auftakt der Abendmusikreihe im Berner Münster spielt Organist Daniel Glaus «Volumina» des ungarischen Komponisten György Ligeti, ein faszinierendes Opus, das 1962 in Bremen für rote Köpfe und geschmolzene Sicherungen sorgte.

Ohren auf: Wenn Daniel Glaus in die Tasten der Münsterorgel greift, klingt Ligeti, als ob der Heilige Geist über die Köpfe rauscht.

Ohren auf: Wenn Daniel Glaus in die Tasten der Münsterorgel greift, klingt Ligeti, als ob der Heilige Geist über die Köpfe rauscht. Bild: Adrian Moser

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Es gibt Momente, wo man dem Organisten beim Spielen gerne genau auf die Finger schauen möchte und es zutiefst bedauert, dass er in der Kirche so weit oben thront. Bei «Volumina» zum Beispiel, diesem flirrenden Orgelstück von György Ligeti, da gäbs einiges zu sehen. Halb im Ernst, halb im Scherz meinte der 2006 verstorbene Komponist, er nähere sich in diesem Stück der Musik wie ein Neandertaler. Will heissen, frei und unvoreingenommen, als gäbe es keine Musiktradition. Und tatsächlich: Das Stück beginnt, der Organist drückt die Tasten, doch hören kann man nichts. Wenn man den Spieler sehen könnte, sähe man, dass er nicht die Finger braucht, sondern die Unterarme, die Handflächen, die Fussflächen – und später die Fäuste!

Und dies keineswegs aus Protest gegen den Komponisten, der sich das ausgedacht hat. Es steht in der Partitur. Doch statt Notenköpfe, Pausenzeichen und Notenlinien ziehen sich breite schwarze Balken über die Seiten. Das erinnert eher an Kunst statt an Klang. Man entdeckt auch gekritzelte Bandwürmer und grafische Wellen. Sie markieren Klangprozesse und erinnern ein wenig an medizinische EKGs. Dabei werden hier nicht elektrische Schwingungen im Herzmuskel hörbar gemacht, sondern Klangfarben und dynamische Steigerungen. Mehrere Seiten mit Anweisungen gehen der grafischen Notation voraus. Ligeti hatte klare Vorstellungen, wie «Volumina» klingen muss: Sie soll der Orgelmusik den Wind der zeitgenössischen Musik durch die verstaubten Pfeifen blasen.

Grosses Klangkino

Geschichtsträchtig ist das Werk, das im Mai 1962 im Bremer Dom hätte uraufgeführt werden sollen. Es kam nicht dazu, weil die Bauhütte die Aufführung verweigerte. So wich man nach Schweden aus, wo in einer ersten Orgel die Sicherungen durchbrannten. Erst in einer zweiten Kirche konnte die Uraufführung stattfinden, die dann live am Radio übertragen wurde. Jahre später sollte sich das Szenarium auch in Bern wiederholen. Der Berner Organist Eugen Frischknecht erinnert sich noch lebhaft daran, wie Guy Bovet «Volumina» in der Französischen Kirche üben wollte und die Sicherungen durchgebrannt seien.

So kam es auch hier nicht sofort zum Konzert. 1974 konnte Frischknecht «Volumina» als Berner Erstaufführung in der Johanneskirche spielen. Grosses Klangkino ist das Stück, das mit einem Total-Cluster über alle Register beginnt, «ex abrupto» und sehr laut im viergestrichenen Forte. Es gibt wohl kein ähnliches Experiment in der Orgelmusik: Wenn der Assistent – allein ist die Aufführung kaum zu schaffen – den Motor zur orgeleigenen Windanlage einschaltet und sich die Pfeifen vollsaugen mit Luft, dann hat der Solist bereits seine Unterarme auf den Tasten parkiert. So entsteht dieser apokalyptische Klang. Das letzte Mal habe er «Volumina» an Pfingsten 2013 im Gottesdienst aufgeführt. Das habe perfekt zum Pfingstfest gepasst, sagt Glaus. «Die Zuhörer spürten durch die Musik, wie ihnen der Heilige Geist um die Ohren brauste.» Ligetis Klänge sind gleichzeitig statisch und in Bewegung.

Den Effekt vergleicht Glaus mit dem Blick in den nächtlichen Sternenhimmel. «Man wird ganz ruhig. Die Wahrnehmung von kontinuierlicher Bewegung verwandelt sich mit der Zeit in Stille.» Technisch erfordere «Volumina» ganz neuartige Spielpraktiken wie Abrollen der Handballen auf den Tasten, langsames Verschieben der Unterarme, Auflockern von Klangflächen durch eilig tupfende Fingerbewegungen, sagt der Münsterorganist. «Wichtiger als virtuose Finger und schnelle Füsse ist, dass man die Register und Möglichkeiten seiner Orgel genau kennt. Sie sind der Ausgangspunkt für die differenzierten Klangfarben, die in diesem Stück zentral sind.»

Die Überhitzung durch zu viel Tonmaterial braucht man übrigens nicht mehr zu befürchten. Nicht etwa, weil Glaus weniger Forte oder weniger Töne spielt als vorgeschrieben. Der Grund liegt in der Bauweise der Münsterorgel: Die Bewegungen von den Tasten und Registerzügen zu den Ventilen der Windladen werden mechanisch übertragen und nicht ausschliesslich elektrisch. Dadurch können die Sicherungen nicht überstrapaziert werden. Der Tastendruck verwandelt sich ohne Probleme in Klang.

Im Dornröschenschlaf

«Wandlung» lautet das Motto der diesjährigen Abendmusiken. Sie umfassen vierzehn Konzerte, darunter neun Orgelabende. Die Organisten und fünf Organistinnen kommen u. a. aus Bern, Basel, Zürich, Leipzig, Paris und dem holländischen Middleburg. Glaus, der seit 2007 für die Programmgestaltung der traditionsreichen Reihe verantwortlich zeichnet, sieht Wandlung nicht nur musikalisch – als Variation, Improvisation und Umgestaltung von Tönen –, sondern auch ganz persönlich: Der 57-Jährige nimmt die letzte Dekade seines Berufslebens in Angriff.

Auch da ist er mit steten Umbrüchen konfrontiert. So wird der Organist am Münster künftig mit zwei ganz jungen Pfarrern zusammenarbeiten, dem 37-jährigen Pfarrer Beat Allemand und der 29-jährigen Esther Schläpfer, der jüngsten Münster-Pfarrerin aller Zeiten («Bund», 27. Mai). Und im Juli wird wegen der Restauration des Chorgewölbes im Münster die kleine Schwalbennestorgel – «meine Lieblingsorgel», so Glaus – in einen dreieinhalbjährigen Dornröschenschlaf geschickt. Dieses Verstummen soll in der achten Abendmusik am 22. Juli mit einer eigens für Glaus komponierten «Schwalbenmusik» aus der Feder der renommierten deutschen Komponistin Isabel Mundry zelebriert werden.

Wie in «Volumina» im Eröffnungskonzert so erklingt auch in der letzten Abendmusik im September ein Werk, das als «revolutionär» in die Musikgeschichte eingegangen ist. Für das herbstliche Finale ist Igor Strawinskys «Sacre du printemps» vorgesehen, ein Opus, dessen tänzerische Uraufführung 1913 in Paris für Tumulte sorgte. In Bern ist es in der seltenen Fassung für Orgel vierhändig zu hören. Strawinsky selber hat sein berühmtes Orchesterwerk für zwei Klaviere umkomponiert. Auf dieses Konzert freut sich der künstlerische Leiter der Abendmusiken besonders, weil dann ein Kollege, den er auch für eine Masterclass nach Bern verpflichten konnte, in die Tasten greift: Olivier Latry, seit 1985 Organist an der Kathedrale Notre-Dame in Paris, nimmt sich den geschichtsträchtigen «Sacre» mit seiner Ehefrau Shin-Young Lee vor. Und wie «Volumina» zum Auftakt verspricht auch dieses Finale ein Ereignis.

(Der Bund)

Erstellt: 30.05.2014, 11:26 Uhr

Eröffnungskonzert der Abendmusikreihe im Berner Münster

Dienstag, 3. Juni, 20 Uhr.
Daniel Glaus spielt Werke von Ligeti, Bach, Schönberg und Liszt.
Einführung: 19.15 Uhr auf der Empore.

www.abendmusiken.ch

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