Anti-AKW-Haltung ist nun glaubwürdig
Von Simon Thönen. Aktualisiert am 29.11.2010 2 Kommentare
Bis 2039 wird die Stadt Bern aus der Atomenergie aussteigen – so haben es gestern die Stimmberechtigten mit einer deutlichen Mehrheit von über 60 Prozent beschlossen. Die Bedeutung des Entscheids liegt weniger im fernen Zeitpunkt des Ausstiegs, sondern darin, dass das städtische Werk Energie Wasser Bern (EWB) seine Investitionspolitik nun wie geplant umpolen kann: weg vom Atomstrom und hin zur Produktion erneuerbaren Stroms.
Das deutliche Ja zum Gegenvorschlag und das knappe Nein zur Volksinitiative «Energiewende Bern» ist denn auch in erster Linie ein Vertrauensbeweis für EWB. Die EWB-Verantwortlichen haben glaubwürdig dargelegt, dass sie eine realistische Strategie für den Ausstieg haben, auch wenn deren Umsetzung in den nächsten drei Jahrzehnten noch nicht im Detail klar sein kann.
Beim knappen Nein zur Initiative «Energiewende Bern» mit ihrem ehrgeizigeren Ausstiegsfahrplan dürfte die Erkenntnis wichtig gewesen sein, dass das AKW Gösgen nicht früher abgestellt wird, bloss weil EWB seine kleine Beteiligung an diesem AKW aufgibt. Auch etliche Sozialdemokraten bevorzugten deshalb aus finanziellen Gründen den Gegenvorschlag.
Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. Bereits am 13. Februar stimmt das Volk im Kanton Bern ab, ob in Mühleberg ein neues AKW gebaut werden soll. Der Kanton ist ein grösseres Spielfeld für den Kampf um die Atomenergie als die Stadt Bern. Und der Heimvorteil wird im Kanton auf der bürgerlichen Seite liegen. Dennoch ist das Spiel nicht gelaufen. Das Thema Atomkraft wurde in den letzten Wochen so intensiv diskutiert wie zuletzt wohl in den 1980er-Jahren.
Der gestrige Ausstiegsentscheid der Stadt hat in dieser Auseinandersetzung vor allem deshalb Gewicht, weil die Stadt Bern die bedeutendste Nachbargemeinde des AKW-Standorts Mühleberg ist. Das Stadtberner Volk hat sich in der Vergangenheit mehrfach gegen AKW ausgesprochen – mit dem Ja zum konkreten Ausstieg wird diese Grundhaltung nun auch glaubwürdig. Wenn sich die Stimmberechtigten im Kanton in den kommenden Wochen ihre Meinung bilden, werden sie sich deshalb auch überlegen müssen, ob sie der eigenen Hauptstadt gegen deren Willen für weitere Jahrzehnte ein AKW vor die Stadttore setzen wollen. (Der Bund)
Erstellt: 29.11.2010, 06:53 Uhr
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2 Kommentare
Glaubwürdig, Nein sicherlich nicht. All dieser benötigte Strom kann doch nicht von Sonnendachkollektoren auf wenigen Häusern und von einigen Windrädern auf den Jurahohen her kommen. Strom wird folgedessen - zu wesentlich teuereren Preisen - importiert werden müssen. Wer wird die daraus resultierenden teureren Strompreise bezahlen müssen ? Wir alle ! Antworten
Es wäre töricht zu glauben, das Volk könne den AKW-Ausstieg bis 2039 nicht umkippen. Im Moment bewegt sich die Stadt Bern in die falsche Richtung: Der Atomstrom-Anteil wächst von 60% auf fast 70% (Schweizer Rekord!) und der Anteil an erneuerbarer Energie wird durch den Bau des Gaskombikraftwerkes im Forsthaus torpediert. Bleiben wir objektiv: Es braucht beide, erneuerbare Energie und Kernenergie! Antworten
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