Anders als der Rest der Welt

Der Frauenraum gilt als Wohlfühloase der Reitschule. Ursina Anderegg und Lea Bill engagieren sich für deren Erhalt - und nehmen den Ruf, unbequem zu sein, in Kauf.

Im Frauenraum werden ihre Interessen gelebt: Ursina (links) und Lea.

Im Frauenraum werden ihre Interessen gelebt: Ursina (links) und Lea. Bild: Danielle Liniger

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Eine schlecht isolierte Abstellkammer mit notdürftig angebrachtem Schloss, das ständig aufgebrochen wurde. Dann das Problem mit der elendigen Stereoanlage, die fast wöchentlich neu in einer Brockenstube besorgt werden musste, nicht zuletzt der Ärger über das weggesoffene Bier. Etwa so sah es aus im Frauenraum der Anfänge. Als 1992 eine 34-jährige Frau auf dem Vorplatz erschossen wurde, war die Frustgrenze überschritten. Die Frauen wollten Vollmacht über ihr eigenes Territorium - und zwar subito! Die Radikalität der Forderung zahlte sich aus: Er ist heute so akzeptiert, wie es ein Raum, in dem ausnahmslos Frauen Entscheide fällen, nun mal sein kann.

Heute betritt frau diesen Raum wie eine warme Stube. Gedämpft ist das Licht, sauber sind Luft und Böden, Sofas und alte Lehnstühle schaffen Wohnzimmer-Atmosphäre. Der Frauenraum ist die Wohlfühlstätte der Reitschule und an den meisten Veranstaltungen auch für Männer geöffnet. Er hat den Ruf des Gemütlichen, aber die neun Frauen, die sich in, um und für ihn engagieren, gelten als die Unbequemen. «Dadurch, dass wir so vereint hinter unseren Anliegen stehen, werden wir oft als die Bösen gesehen. Unsere Deutlichkeit wird mit Härte verwechselt», erklärt Lea Bill, die Politologie und Geschichte studiert hat und nun als Gemüsegärtnerin arbeitet. Anfangs traf man sie eher im Sous le Pont an, später entdeckte sie den Frauenraum, denn: «Hier werden meine Interessen gelebt.»

Ehrenamtliche «Kollektivas»

Ursina Anderegg hat keinen Umweg gemacht, sie kam direkt zum Frauenraum. Sie dankt es der Radikalität ihrer Vorgängerinnen, dass es ihn gibt. Die Historikerin arbeitet zu 80 Prozent bei der universitären Abteilung für Gleichstellung. Die «Kollektivas», wie sie sich selbst nennen, leisten ehrenamtliche Arbeit, um Raum für feministische Auseinandersetzungen, Frauen und Queers zu fördern. Die Regeln sind klar: Es spielen nur Bands, die mindestens zur Hälfte aus Frauen bestehen. Will ein Veranstalter den Raum nutzen, muss er dies im Sinne des Frauenraums tun.

Nulltoleranz bei Sexismus

Die Frauen sind sich gewöhnt, ihren Raum verteidigen zu müssen, sogar intern wird ihnen immer mal wieder die Sinnfrage gestellt. Ursina redet Klartext: «Solange infrage gestellt wird, ob wir eine Daseinsberechtigung haben, ja, solange braucht es uns auch.» Auch, dass der Frauenraum die radikalste Form der Quotenregelung lebt, gibt zu reden. Dazu meint Ursina: «In öffentlichen gleichstellungspolitischen Diskussionen ist zu erkennen, dass sich vermehrt bürgerliche Frauen für Quoten einsetzen, die sich früher nie dafür engagiert hätten. Sie haben schlicht genug davon, dass sich nicht ‹alles von alleine› zum Rechten gewendet hat. ‹Schnauze voll› ist offenbar wieder fällig!»

Unzählige Rückmeldungen, dass selten so ungezwungen gefeiert werden könne wie im Frauenraum, bestätigen das Konzept der Veranstalterinnen. Störenfriede werden ausnahmslos zur Türe geleitet. «Viele Frauen nehmen es als Selbstverständlichkeit, wenn sie im Ausgang dumm angequatscht oder sogar belästigt werden. Wenn es um Sexismus geht, gilt hier Nulltoleranz», hält Lea fest. Wie kann aber dieses Kollektiv mitten im Grosskollektiv funktionieren, dieser Frauenraum, am Ende des Innenhofs der Reitschule? Leas Antwort: «Die Reitschule ist keine homogene Einheit. Wahrscheinlich war sie das auch früher nicht.» Und Ursina ergänzt: «Allen Reitschülerinnen und Reitschülern ist aber gemeinsam: der Wille zum Engagement und die Suche nach etwas, das anders ist als der Rest der Welt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2012, 12:40 Uhr

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