An der dicken Luft in der IG ist nicht der Tabakqualm schuld
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 23.12.2011 1 Kommentar
Mehr persönliche Freiheit, weniger Verbote: Das war der Slogan der Interessengemeinschaft Freie Wirte Schweiz. Als sich die Rauchverbote bei Bund und Kantonen mehrten, stand die IG auf, um gegen diese «Bevormundung des Bürgers» zu kämpfen. Eine Initiative sollte sie rückgängig machen. Einer der Kämpfer hiess Patrick Lohri, Kassier der IG. Nicht schlecht staunte er, als er sich über das Internet ins Vereinskonto einloggen wollte: Sein Codewort sei ungültig, hiess es. Lohri erkundigte sich bei der Postfinance nach dem Grund. Dort vernahm er, dass er nicht mehr zeichnungsberechtigt sei. Angeblich hatte Lohri auf einem Vollmachtformular bestätigt, dass neu David Herzig, der Präsident, berechtigt sei. «Ich fiel aus allen Wolken», sagt Lohri auf Anfrage. Er habe Herzig zu erreichen versucht, aber ohne Erfolg. «Ich merkte, dass etwas nicht koscher ist», so Lohri. Darum reichte er im Sommer 2010 Strafanzeige gegen Herzig ein.
Unterschrift nicht vom Kassier?
Die Mühlen der Justiz mahlten. Nun liegt ein Schriftgutachten des Kriminaltechnischen Dienstes der Kantonspolizei vor, wie «20 Minuten» und «Berner Zeitung» gestern berichteten. Lohri bestätigt gegenüber dem «Bund», dass er das Gutachten öffentlich gemacht habe. Darin heisst es laut Lohri: «Die fragliche Unterschrift P. Lohri wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von Herrn Lohri Patrick verfasst, sondern stellt eine Fälschung dar.» Und weiter: «Die gefälschte Unterschrift P. Lohri wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von Herrn Herzig David geschrieben.» Herzig tritt im Internet-Fernsehen Telehess des JSVP-Grossrats Erich Hess als Stichwortgeber auf und war selber in der Politik tätig. Mit nur 23 Jahren wurde er Gemeindepräsident von Wynau. Nach fünf Monaten trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück und zog aus der Gemeinde weg. Herzig war gestern nicht zu erreichen. Gegenüber den genannten Blättern beteuert er seine Unschuld. Er werde eine allfällige Verurteilung wohl dennoch hinnehmen, um die Affäre möglichst rasch abzuschliessen.
Armin Kästli, IG-Vorstandsmitglied und Hirschen-Wirt in Wimmis, bedauert sehr, dass Herzig «derart an den Pranger gestellt» werde. Er stehe voll zu Herzig. Er wisse, so Kästli, dass Lohri mit Unterschrift bestätigt habe, dass Herzig über das Konto verfügen dürfe. Dann sei wohl ein Formfehler passiert: «Herzig hatte nie die Absicht, etwas Unrechtes zu tun.» Anfang Januar werde der IG-Vorstand tagen, und dann werde Herzig vermutlich das Präsidium abgeben. Die Initiative ist inzwischen gescheitert.
Einzelkämpfer unter SVP-Flagge
Ex-Kassier Lohri ist längst nicht mehr im Vorstand. Herzig habe ihn ausbooten wollen, sagt er, doch statutarisch sei das nicht so ohne weiteres möglich gewesen. Darum sei heimlich eine ausserordentliche Versammlung anberaumt worden, um die Statuten anzupassen. Kästli bestreitet dies und sagt, Lohri habe den eingeschriebenen Brief mit der Einladung zur Mitgliederversammlung am Postschalter nicht einmal abgeholt. Lohri, Busfahrer aus Aarberg und selbst Nichtraucher, war nach eigenen Angaben Kämpfer der ersten Stunde gegen das Rauchverbot. Er lancierte zwei Referenden, ein kantonales und ein eidgenössisches, die beide nicht zustande kamen – ein «Lehrblätz», wie er sagt. Später sei die Junge SVP auf den Karren aufgesprungen: «Sie haben gemerkt, dass man damit Leute ansprechen kann.» Leider sei das Anliegen der Freien Wirte zu sehr als SVP-Aktion verkauft worden, was andere Organisationen von der Mitarbeit abgehalten habe, bedauert Lohri, der selber nicht der SVP angehört.
Machte Kassier seine Arbeit nicht?
Kästli behauptet, Lohri habe seine Arbeit als Kassier nicht richtig gemacht – ausgerechnet in der hektischen Zeit des Unterschriftensammelns. Zudem sei er in England gewesen. Der Verein habe handeln müssen, argumentiert Kästli, man habe offene Rechnungen bezahlen müssen. Lohri erwidert, er habe seine Pflicht stets erfüllt, und ein dreieinhalbwöchiger England-Aufenthalt verunmögliche das Führen eines Online-Kontos nicht.
Lohri sass früher im Präsidium der Freiheits-Partei Schweiz, wo er laut eigenen Angaben ebenfalls mit einem Trick ausgebootet wurde. Er poche darauf, dass Vorstandsbeschlüsse richtig umgesetzt würden und dass in den Sitzungen Disziplin herrsche, sagt Lohri, das habe er auch in der IG getan. Es könne sein, dass er deshalb als ein «schwieriges Vorstandsmitglied» gelte, räumt Lohri ein.
IG-Präsident Herzig hat den ehemaligen Kassier wegen Persönlichkeitsverletzung verklagt. Beide Verfahren sind noch hängig. (Der Bund)
Erstellt: 23.12.2011, 06:46 Uhr
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