Bern

Am Morgen auf dem Land pflücken, am Nachmittag in der Stadt verkaufen

Von Marc Schiess. Aktualisiert am 03.03.2011

Direktverkauf kombiniert mit Kundennähe als Geschäftsidee: Der Nofler Landwirt Bernhard Hänni hat mit seinem «Stadthofladen» in Thun unternehmerisches Neuland betreten – mit Erfolg.

Der innovative Biobauer Bernhard Hänni. (Valérie Chételat)

Der innovative Biobauer Bernhard Hänni. (Valérie Chételat)

Bioanbau in der Schweiz

Der biologische Anbau fristete lange Zeit ein Nischendasein. Mit dem Einsteigen von Coop (und später Migros) in den 1990er-Jahren stieg die Nachfrage nach Bioprodukten steil an. Seit 2004 stagniert jedoch auf Angebotsseite die Bioanbaufläche bei etwa elf Prozent der Gesamtanbaufläche.

Der Bauernverband ortet den Grund in den «immer strengeren Vorschriften» für den biologischen Anbau. Die Nachfrage nach einigen Bioprodukten wie zum Beispiel Schweinefleisch kann wegen des fehlenden Angebots nur durch Importe aus dem Ausland gedeckt werden. Bio Suisse lancierte deshalb die «Bio-Offensive», um Schweizer Landwirtschaftsbetriebe zu überzeugen, auf biologischen Anbau umzustellen.

Im Jahr 2009 waren rund 6000 Schweizer Biobetriebe Knospe-zertifiziert. Jährlich werden pro Kopf 166 Franken für Bioprodukte ausgegeben. (msu/pd)

Die Zeiten ändern sich: Wo früher neben dem Thuner Bahnhofplatz die Firma Hoffmann Karton produzierte, steht heute ein moderner Bau aus geschliffenem Granit und Glas mit Fitnesscenter, Kebab-Restaurant und einer Ladenstrasse. In einem dieser Geschäfte wird ein mögliches Zukunftsszenario für Schweizer (Bio-)Bauern erprobt. Betritt man den Verkaufsraum, sticht auf den ersten Blick jedoch nichts ins Auge, was auf eine Pionierleistung hindeutet: Bioprodukte in Hülle und Fülle, spezielle saisonale Gemüsesorten wie Peterliwurz oder Choggia-Randen in grünen Gemüsekisten, getrocknete Biotomaten und -peperoni in den Regalen – alles schon gesehen.

Die Nähe macht den Unterschied

Der Unterschied liegt in der Herkunft der Produkte: Die meisten stammen direkt aus dem acht Kilometer entfernten Biobetrieb von Bernhard Hänni in Noflen. Der Landwirt führt beide, den Bioladen wie den Biobetrieb. Im Konzept, den Hofladen in die Stadt zu verlegen, sieht er viele Vorteile: «So können wir uns weiterhin zu 100 Prozent selbst vermarkten, sind näher bei der Kundschaft und können unsere Produkte täglich bedarfsgerecht ernten.»

Die innovative Haltung wurde dem 33-Jährigen vorgelebt. Seine Eltern fingen bereits 1969 mit dem biologischen Landbau an, «lange bevor es Biolabel gab», sagt Hänni schmunzelnd. Auf seinen 15 Hektaren Land wachsen 200 verschiedene Gemüsesorten, darunter 13 Sorten Tomaten und 6 Sorten Peperoni. Im Schneideraum wird das Gemüse gewaschen und für den Verkauf gerüstet. Aussortierter Salat wird als Hühnerfutter weiterverwendet, Rüstabfälle werden kompostiert.

Vom Marktstand zum Laden

30 Jahre lang verkaufte Familie Hänni Biogemüse auf dem Thuner Markt. Der Gedanke, der Stammkundschaft jeden Tag frisches Gemüse anzubieten, kam dem gelernten Landwirt und Gemüsegärtnermeister im Jahr 2009. Im Februar 2010 konnte er dann den «Stadthofladen» im Herzen Thuns eröffnen. Bis jetzt ist er zufrieden damit, wie sich das Geschäft entwickelt. Ob es Zukunft hat, wird sich zeigen. Hänni glaubt jedoch an seine Idee: Einerseits bringe das neue Konzept eine Vereinfachung der Vermarktung mit sich. Anderseits seien seine Produkt frischer, näher und saisongerechter als jene der Grossverteiler – «und diese Werte gewinnen in der immer bewusster lebenden Bevölkerung stark an Bedeutung».

Lob vom Bauernverband

Bis jetzt sei bei den allermeisten Bauern der Direktverkauf nur ein kleiner Bestandteil des Einkommens, konstatiert Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizerischen Bauernverbands. Sie beurteilt die Strategie Hännis als «super Ansatz»: Man solle zum Kunden gehen, wenn man Erfolg haben will. «Damit entfällt auch der aufwendige und nicht so ökologische Fahrweg zu den verschiedenen Höfen in der Umgebung.»

Auch die Organisation Bio Suisse, der Hännis Bauernhof angeschlossen ist, steht hinter dem Konzept. Die Direktvermarktung stelle einen wichtigen Verkaufskanal dar, «da dabei die Authentizität im Vordergrund steht», so Sprecherin Sabine Lubow.

Ökoladen als Nichtkonkurrent?

Neue Konzepte und Anbieter bringen oft Dynamik in die bestehenden Märkte. In Thun bieten neben den Grossverteilern das Reformhaus und der Ökoladen Bioprodukte an. Vergleicht man die Sortimente, überschneiden sich das Angebot des Ökoladens und jenes von Hännis «Stadthofladen» vor allem im Bereich Frischprodukte. Natürlich erweckt dies bei den Kunden den Anschein von Konkurrenz. Die beiden Anbieter biologisch angebauter Produkte empfinden dies jedoch nicht so. Hänni sieht den «Stadthofladen» eher als «gute Ergänzung» zum Ökoladen, da er als Produzent stark auf Frischeprodukte ausgerichtet sei.

Marlen Feller bestätigt diese Einschätzung. Sie arbeitet – mittlerweile als Betriebsleiterin – seit 20 Jahren für den Ökoladen Thun. Dabei hat sie erlebt, wie das Sortiment laufend erweitert werden konnte: «Mittlerweile führen wir zirka 5000 Produkte. Damit kann man sich den Weg zum Grossverteiler sparen.» Den «Stadthofladen» schätzt Feller «eher als Indoor-Märit ein, also keine direkte Konkurrenz für den Biofachhandel». Auch Feller ist zuversichtlich: Man müsse hellwach, einen Sprung voraus sein – und sich mit authentischen Produkten aus fairer und ökologischer Landwirtschaft und Produktion profilieren. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2011, 07:38 Uhr

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