Als Kapitalisten beschimpft

In der Reitschule ist Feuer unter dem Dach. Vor allem dann, wenn dort 750 Menschen feiern. Sabine Ruch entscheidet mit, wer das Publikum im Dachstock unterhalten darf.

«Man kann mich für arrogant halten, wenn ich sage, dass ich weiss, was als Nächstes gefragt sein könnte», sagt Sabine Ruch – und la?sst sich nur ungern fotografieren.

«Man kann mich für arrogant halten, wenn ich sage, dass ich weiss, was als Nächstes gefragt sein könnte», sagt Sabine Ruch – und la?sst sich nur ungern fotografieren. Bild: Danielle Liniger

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Bevor Sabine ihren Nachnamen nennt, lacht sie heiser auf und spricht dann deutlich: «Ruch». Müde sei sie, das Constellation-Records-Festival letztes Wochenende hat seinen Tribut gefordert.

Es sind einige Nächte, die Sabine Ruch in 12 Jahren Dachstock durchgemacht hat. Dann, wenn es in Bern dunkel wird, beginnt ihre Arbeit so richtig. Dann sieht sie auch das Ergebnis des tagelangen Planens und Organisierens. Die Dame mit der blonden Mähne und dem bestimmten Auftritt entscheidet mit, welche Bands im Dachstock spielen und welche DJs hinter die Plattenteller dürfen.

Sie tut es offensichtlich erfolgreich, denn der Dachstock hat seit Jahren einen etablierten Platz in der Schweizer Kulturagenda und ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. In der Musikauswahl setzt sie nebst Publikumsgaranten wie Müslüm und Bonaparte auf Alternatives und noch eher Unentdecktes. Genau so, wie es Ruch mag.

«Das zehrt an den Nerven»

«Man kann mich für arrogant halten, wenn ich sage, dass ich weiss, was musikalisch passt und als Nächstes gefragt sein könnte», sagt Sabine Ruch und erklärt: «Aber das muss ich, schliesslich bin ich Bookerin.» Leidenschaft für Musik und einen starken Eigensinn habe sie schon immer gehabt. Dank einem Drogenpräventionsprojekt des Gymer Neufeld kam sie dann zur Reitschule. An vielen Sonntagen kochte die damals 16-jährige Schülerin für die Gassenküche. Irgendwann landete sie als Servicefrau und Köchin im hauseigenen Restaurant Sous le Pont.

Dass die Reitschule kollektiv geführt ist, könne manchmal anstrengend sein: «Wenn alle die Möglichkeit haben, sich einzubringen, wiederholen sich Anfängerfehler. Das zehrt an den Nerven. Andererseits hat man so die Möglichkeit, autodidaktisch zu lernen, wie ein Betrieb funktioniert.» Kollektiv hin oder her: Auch oder gerade in basisdemokratisch organisierten Vereinen brauche es Regeln. Sabine Ruch bestimmt diese mit. Ein paar Jahre hat sie Englisch an der Uni Bern studiert. «Als ich mich durchs Latein kämpfen musste, blieb nicht mehr genug Zeit für den Dachstock. Da habe ich mich entschieden.»

«Ich habe mich nicht für ewig verpflichtet»

2008 hat sie das Nachdiplomstudium als Kulturmanagerin gemacht, sich «den Wisch abgeholt». Es sei ja schön, dass sie mittlerweile so viel Erfahrung habe, aber «Reitschule» im Lebenslauf stehen zu haben, könne auch auf Skepsis stossen. Kann sie sich vorstellen, in einer grossen Event-Firma zu arbeiten? Überraschend lange kommt keine Antwort, dann: «Ich habe mich nicht für ewig verpflichtet.» Etwas Angst habe sie, den richtigen Moment für einen Abgang zu verpassen: «Ich sehe, wie andere Menschen sich entwickeln, wenn sie zu lange in solchen Strukturen arbeiten. Sie resignieren und mögen sich den Mühseligkeiten, die ein Kollektiv mit sich bringt, nicht mehr unterordnen.»

Das Arbeitsumfeld reagiere manchmal etwas missbilligend, gerade auf ausverkaufte Partys: «Dass wir diese Anlässe brauchen, um finanziell überhaupt zu überleben, stösst oft auf Unverständnis. Da wurden wir auch schon Kapitalisten geschimpft.» Diese Partys seien aber eine Art der Quersubventionierung, denn staatliche Unterstützung würde bedeuten, sich einem Kulturdiktat zu beugen. Nichts für Ruch, und schon gar nichts für den Kollektivgedanken. Auch ihr sind nicht alle Partys ganz geheuer, aber: «Sogar wenn wir eine Band haben, die uns die Hütte füllt, schaut am Ende ein eher lächerlicher Reingewinn heraus. Leute, die ein Sophie-Hunger-Konzert besuchen, trinken nun mal wenig.»

Wenn sich Sabine Ruch in Ruhe ein Konzert anhören will, geht sie rüber ins ISC oder gleich in eine andere Stadt: «Im Dachstock kann ich mich selten entspannen und vom Arbeits- in den Freizeitmodus schalten.» Die Kommerzialisierung der Reitschule kommt für sie nicht infrage: «Die Reitschule soll ein Ort der alternativen Begegnung und Bewegung bleiben.» Und dafür wird sich die Dachstock-Sabine weiterhin einsetzen. (Der Bund)

Erstellt: 25.11.2012, 07:54 Uhr

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