Als Geistlicher unter Physikern

Er hat wohl den speziellsten Theologen-Job weit und breit: Andreas Losch arbeitet am Berner Zentrum für Weltraumforschung. Dort fragt er sich zum Beispiel, was das hiesse, wenn es tatsächlich Aliens gäbe.

Das Grenzgebiet zwischen Theologie und den Naturwissenschaften hat Andreas Losch stets fasziniert.

Das Grenzgebiet zwischen Theologie und den Naturwissenschaften hat Andreas Losch stets fasziniert. Bild: Valérie Chételat

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Seine Rolle sei durchaus ein wenig exotisch, sagt Andreas Losch. Der 42-Jährige ist evangelischer Theologe und arbeitet an der Universität Bern. Auf den ersten Blick hat alles seine gewohnte Ordnung: Loschs Büro befindet sich in der Unitobler in den Räumen der theologischen Fakultät, bei den Christkatholiken, um genau zu sein. Die Theologen stellen ihm die «Ausrüstung» zur Verfügung. Finanziert wird seine Stelle aber vom Zentrum für Weltraumforschung und Habitabilität (CSH).

Es ist das Zentrum, in dem die Physikerin Kathrin Altwegg arbeitet, die im Zusammenhang mit der Rosetta-Mission zum Kometen Tschury in Erscheinung getreten ist.

Doch warum arbeitet ein Theologe bei Wissenschaftlern? Losch insistiert: Theologen seien ebenfalls Wissenschaftler. Wenn schon müsste man fragen, warum er bei Naturwissenschaftlern arbeite. Schon seine Doktorarbeit habe sich thematisch im Grenzgebiet mit den Naturwissenschaften bewegt.

Wohl auch deshalb habe ihn die vom CSH ausgeschriebene Stelle angesprochen. Noch eines stellt er klar: Mit Kreationisten, also mit Leuten, welche die Evolutionstheorie infrage stellen, habe er nichts am Hut – «wir sind hier an einer Uni».

Forscher rechnen mit Aliens

Losch ist somit gewissermassen ein Geistlicher unter Physikern. Im CSH koordiniert er das Projekt «Life Beyond Our Planet?» (Gibt es Leben ausserhalb unseres Planeten?) Spätestens hier wird klar, warum dieses Zentrum das sperrige Wort Habitabilität im Namen trägt, das so viel bedeutet wie Bewohnbarkeit.

Die Forscher sind auf der Suche nach anderen Orten im All, wo sich Leben entwickeln kann. Kandidaten hierfür sind Planeten, die den «richtigen» Abstand von ihrer Sonne haben, also in der habitablen Zone kreisen, wo es nicht zu heiss und nicht zu kalt ist – so wie bei uns.

In den letzten zwanzig Jahren sind Hunderte von Planeten in anderen Sonnensystemen entdeckt worden. Immer mehr Wissenschaftler halten deshalb ausserirdisches Leben für wahrscheinlich; es ist aber nach wie vor bloss eine Hypothese.

Hier gehe es um Fragen, die über die Physik hinausreichten, sagt Losch, um fundamentale Fragen des menschlichen Selbstverständnisses. Und deshalb sei es weise, sagt er, wenn das CSH mit Geisteswissenschaftlern zusammenarbeite. Diese Woche erfährt die Kooperation einen Höhepunkt: Losch hat die Tagung «What Is Life?» organisiert, zu der namhafte Forscher nach Bern kommen (siehe Box). Würde anderes intelligentes Leben entdeckt, wäre dies für die Theologie «schon eine Herausforderung», sagt Losch. Die Frage etwa, ob die Erlösungstat von Jesus Christus ein für alle Mal und für alle geschehen sei, wie das der christlichen Überzeugung entspricht, müsste neu durchdacht werden.

Losch erinnert daran, dass Menschen schon früher angenommen hätten, der Himmel sei bewohnt. Noch bevor man über ausserirdisches Leben nachdenke, sagt er, müsse man darüber nachdenken, was Leben überhaupt sei. Diese Frage sei schwieriger zu beantworten, als es den Anschein mache. «Leben könnte anderswo auf einer ganz anderen Basis entstanden sein als bei uns auf der Erde.»

Aber auch das Leben, wie wir es kennen, habe längst nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Als Theologe könne er die Vorstellung nicht aufgeben, dass das Leben mehr sei als bloss Chemie und Physik. «Das ist unsere Perspektive.»

Und wenn da weiter nichts ist?

Philosophen und Theologen könnten die Naturwissenschaftler anregen, genau hinzuschauen, ob es diesbezüglich «noch mehr zu entdecken gibt». Losch spricht von Organisationsebenen, auf denen sich Leben abspielt, von Ganzheiten, die womöglich eigenen Gesetzen folgen, «so wie wir es im Zusammenspiel von Körper und Geist erleben».

Aber selbst wenn man herausfinden sollte, «dass da nichts weiter ist», sagt er – immerhin hätte die Theologie die Forschung angestossen. Und für ihn würde ein Nullergebnis auch nicht bedeuten, dass es keinen Gott gebe. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2015, 08:05 Uhr

Kongress mit Vorträgen

für ein breites Publikum

Von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche findet an der Universität Bern der Kongress «What Is Life?» (Was ist das Leben?) statt.

Organisiert wird er gemeinsam durch das Center for Space and Habitability (CSH) und die Theologische Fakultät. Gemäss einer Mitteilung der Universität soll der Kongress eine «interdisziplinäre Betrachtung» ermöglichen. Mit den Fragen, wie das Leben entstand, ob es anderswo im All noch Leben gibt und was das Leben überhaupt ist, befassen sich also nicht ausschliesslich Naturwissenschaftler, sondern auch Philosophen und Theologen.

Speziell an der Veranstaltung ist ausserdem, dass sich insbesondere die Vorträge der Hauptredner (die alle in Englisch gehalten werden) an ein breites Publikum richten. Die Hauptredner sind Stuart Kauffmann (USA), Antonio Lazcano (Mexiko) und Ted Peters (USA).

Auf der Liste der Referenten figurieren unter anderen die Berner Professoren Katrin Altwegg und Willy Benz (beide Physik), Claus Beisbart (Philosophie) und Silvia Schroer (Theologie).(db)

Auf www.whatislife.unibe.ch finden sich Informationen zu Programm, Referenten und Inhalten der Vorträge. Eintritt frei.

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