Alarmierende Symptome bei den Berner Sozialdiensten
Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 24.05.2011 1 Kommentar
Eine hohe Arbeitsbelastung, viele Überstunden und überdurchschnittlich hohe Kündigungsquoten: In den Sozialdienststellen im Kanton Bern liegt einiges im Argen. Das ist das Fazit einer Umfrage der Berner Konferenz für Sozialhilfe, Erwachsenen- und Kindesschutz (BKSE) unter den Leitungspersonen von 61 Sozialdiensten.
Die Ergebnisse zeigen, dass viele Sozialdienstleiterinnen und -leiter ihre Arbeit auf mehr Personal verteilen möchten. Die grosse Mehrheit der 56 Dienststellen, welche die Umfrage beantwortet haben, beklagt in der Organisation «mittlere Unzufriedenheit». Kleine Sozialdienste, die für Gemeinden oder Regionen zuständig sind, berichten von «hoher Unzufriedenheit». Sie sind mit weniger Personal besetzt, weil sie in der Regel mit weniger Fällen arbeiten. Allerdings treffen die in der Sozialarbeit getätigten politischen Veränderungen und die steigenden Fallzahlen auch sie. Die Stellenvorgaben des Kantons für Kaderpersonal in der Sozialarbeit sehen bislang häufig nicht mehr als 30 Prozent der Tätigkeit für die Leitung vor. Davon weicht die Realität aber laut BKSE immer weiter ab. Ausschlaggebend für die Resultate sei insbesondere ein sich wandelndes Beschäftigungsfeld der Sozialarbeit, sagt BKSE-Präsident Adrian Vonrüti. Aus den Sozialdienststellen werde berichtet, dass der administrative Aufwand immer grösser werde. Die Chefs bewältigten diesen mit Überstunden.
Politischer Druck steigt
Spürbar ist auch der politische Druck. «Die Stellenleiter tragen eine grosse Verantwortung – gegenüber der Politik, der Gesellschaft aber auch ihrer Klientel», sagt Vonrüti. Und von einer Trendwende kann keine Rede sein: In der Revision des kantonalen Finanz- und Lastenausgleichs ist ein Bonus-Malus-System für die Sozialdienste vorgesehen, welches laut dem Gesetzgeber die Effizienz steigern soll. Stellen, welche 30 Prozent über oder unter dem kantonalen Schnitt haushalten, sollen mit einem Zuschuss belohnt oder einer Unterstützungskürzung bestraft werden.
Die BKSE hat die Umfrage schon unter dem Eindruck lanciert, dass der Schuh in den Leitungsbüros drückt. «Uns ist bereits früher aufgefallen, dass Stellenleiter ausgebrannt waren oder ihre Stellen aufgegeben haben», sagt Vonrüti. Die Umfrage zeigt eine überdurchschnittliche Fluktuation bei Zu- und Abgängen. Laut den Umfrageergebnissen lag diese im vergangenen Jahr zwischen 15 und 20 Prozent. 132 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, 89 Mitarbeitende in der Administration und 8 Leitungspersonen wurden im entsprechenden Zeitraum neu angestellt. Für die Einarbeitung des neuen Personals müssen durchschnittlich neun bis zwölf Monate aufgewendet werden, Zeit, die fehlt, um die zahlreichen Fälle und die administrativen Arbeiten zu erledigen. Schliesslich sei auch der Stellenmarkt «ausgetrocknet». Auch hier ortet die BKSE die grösste Belastung für kleine und in Randregionen gelegene Sozialdienste.
Berufsbild stimmt nicht mehr
Die BKSE sieht sich nach der Umfrage aber darin bestätigt, dass bei der bevorstehenden Ausarbeitung der neuen Sozialhilfeverordnung die Situation der Stellenleitungen zur Kenntnis genommen werden müsse. «Nur dann haben die Sozialdienste überhaupt die Chance, die hohen Erwartungen zu erfüllen.»
Die Leitungspersonen ihrerseits fordern eine Berichtigung des vermittelten Berufsbildes. «Die Soziale Arbeit auf einem öffentlichen Sozialdienst entwickelt sich weg von der Beratung hin zur Armutsverwaltung», schreibt die BKSE. Gerne hätte der «Bund» mit Betroffenen über ihre berufliche Belastung gesprochen, doch lehnten dies die angefragten Leitungspersonen ab. (Der Bund)
Erstellt: 24.05.2011, 11:26 Uhr
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