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AKW sind fragliche Klimaschützer

Von Sarah Nowotny. Aktualisiert am 29.12.2010 7 Kommentare

Auch damit das Klima auf unserem Planeten lebenswert bleibe, brauche es neue Atomkraftwerke. Dies verkündet die Nuklearbranche bei jeder Gelegenheit. Allerdings eignen sich AKW kaum für eine wirksame Klimapolitik, schon gar nicht weltweit.

Wasserdampf kommt aus dem AKW Gösgen: Im Vergleich zu anderen Energieträgern sind die CO<sub>2</sub>-Emissionen von AKW gering. (Keystone)

Wasserdampf kommt aus dem AKW Gösgen: Im Vergleich zu anderen Energieträgern sind die CO2-Emissionen von AKW gering. (Keystone)

Uranvorräte als Knackpunkt

Bei der Frage, wie klimafreundlich Atomenergie ist, spielen auch die weltweiten Uranvorräte eine Rolle. Gehen die hoch konzentrierten, leicht abbaubaren Reserven zur Neige, muss der unerlässliche Rohstoff mithilfe aufwendigerer und wohl auch CO2-reicherer Verfahren gewonnen werden.

Deshalb wird laut einer niederländischen Studie die CO2-Bilanz von AKW in 45 bis 70 Jahren schlechter sein als jene der gasbefeuerten Kraftwerke – die Arbeit geht davon aus, dass keine Vorkommen in hoher Konzentration, das heisst mit bis zu 20 Prozent Uran pro Kilogramm Gestein, mehr gefunden werden.

Das Nuklearforum Schweiz hält dagegen fest, dass «Uranerze mit Konzentrationsgraden bis zu 0,01 Prozent oder noch tiefer ohne massiv steigenden Energieaufwand gewonnen werden können».

Widersprüchlicher könnten denn auch die Prognosen zu den Uranvorräten nicht sein: Laut der deutschen Regierung gibt es schon in 30 Jahren zu wenig Uran, gemäss dem Nuklearforum reicht es noch für Hunderte von Jahren. «Für die nächsten Jahrzehnte sehen wir keine Uranknappheit, die zu höheren CO2-Werten führen würde», heisst es beim Energiekonzern Axpo.

Allerdings sprechen auch Rohstoffhändler immer wieder von einer drohenden Knappheit – die sich nicht zuletzt am Uranpreis ablesen lässt. Stromkonzerne erklären dann jeweils, zur Not Uran aus Meerwasser oder Phosphatgestein gewinnen zu wollen. Sie fügen aber nicht hinzu, dass diese Methoden heute weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt sind.

Glühend heisse Sommer im hohen Norden, entfesselte Stürme und Schnee unter Palmen. Inzwischen kann sich niemand mehr den weltweiten Klimakapriolen entziehen. Das Rezept zur Verhinderung einer vollständigen Entgleisung ist eigentlich bekannt und sogar weitgehend anerkannt: Der Ausstoss des Treibhausgases CO2 muss gedrosselt werden. An dieser Stelle schlägt nun die Stunde für eines der Hauptargumente der Atomenergiebranche und der grossen Schweizer Stromkonzerne, die hierzulande zwei neue Atomkraftwerke (AKW) bauen möchten. Neben den geringen Kosten von Atomstrom stellen sie seine relative CO2-Armut in den Vordergrund.

Tatsächlich produzieren AKW im Vergleich wenig Treibhausgas – da sind sich die meisten Studien einig, egal ob sie vom Paul-Scherrer-Institut stammen und der Nuklearbranche als Referenz dienen oder vom eher atomkritischen Öko-Institut Darmstadt verfasst worden sind. Allerdings ist auch Atomstrom nicht völlig klimafreundlich: Berücksichtigt man nicht nur die reine Stromproduktion, sondern die ganze Kette vom Uranabbau bis zum AKW-Rückbau, sammelt sich durchaus CO2 an.

Die entscheidende Frage lautet indes, ob sich mit dem Bau neuer AKW wirksame Klimapolitik machen lässt. «Ja, denn sie sind ein wichtiger Pfeiler für eine Zukunft mit klimafreundlichem Strom», sagt Antonio Sommavilla, Sprecher des Energieversorgers BKW. Das CO2-Gesetz kommt zwar erst nächstes Jahr in den Ständerat, aber die Schweiz wird wohl am Ziel festhalten, ihre Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu reduzieren – 30 Prozent könnten es werden, falls eine entsprechende Initiative angenommen wird. Die Krux ist aber der Weg, der dorthin führen soll. Das Parlament dürfte sich kaum zu wirklich einschneidenden Massnahmen wie einer CO2-Abgabe auf Benzin und Diesel bewegen lassen.

«Nebenwirkungen gravierend»

Dabei würde Klimaschutz in den Bereichen Verkehr und Gebäudeisolierung stärker einschenken als beim Strom, denn sie sind je für mehr als ein Drittel des CO2-Ausstosses verantwortlich. Ausserdem kommt der in der Schweiz produzierte Strom – vor allem auch dank der Wasserkraft – schon heute weitgehend ohne Treibhausgase im Inland aus. Der Bau neuer AKW werde deshalb kaum zu noch «CO2-freierem» Strom führen, sagt Reto Burkard, der beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) fürs Klima zuständig ist. Für eine Senkung der Emissionen um einige wenige Prozent sollte ausserdem die staatliche Förderung erneuerbarer Energie wie Wind und Sonne sorgen. Hier setzt Blaise Kropf, Präsident der Grünen Kanton Bern, an. «Wir müssen jetzt ganz auf die effiziente Nutzung der Energie und erneuerbare Energieträger setzen. Abgesehen davon, dass sich AKW nicht für Klimaschutz eignen, sind die Nebenwirkungen wie radioaktive Verstrahlung allzu gravierend.»

Die Abneigung gegen AKW und der Wille, sie zu verhindern, gehen bei Kropfs nationaler Mutterpartei sogar so weit, dass ausgerechnet die klimabewussten Grünen möglicherweise bereit wären, bei Gaskraftwerken ein Auge zuzudrücken – obwohl diese einen zehnmal höheren Kohlendioxidausstoss verursachen als AKW. Konkret dachte die Partei vor einiger Zeit laut darüber nach, bei der Gaskraft mehr CO2-Kompensation im Ausland und weniger im Inland zu erlauben.«Gaskraftwerke sind in der Schweiz bezüglich Treibhausgas weitgehend unbedenklich, weil die CO2-Emissionen vollumfänglich und nach strengen Kriterien kompensiert werden müssen», sagt Burkard vom Bafu. Gerade wegen der strengen Vorschriften lohnt sich aber ihr Bau im Moment nicht.

Wichtig ist die globale Politik

Freilich gibt es zum Thema Gas- und Atomkraftwerke in Zeiten von dringend benötigtem Klimaschutz auch andere Meinungen. So sagte der Klimaforscher Thomas Stocker, Universitätsprofessor in Bern und am mit dem Nobelpreis ausgezeichneten UNO-Bericht zur Klimaerwärmung beteiligt, dem «Bund» vor einiger Zeit Folgendes: «Gaskraftwerke sind wegen des Problems der CO2-Emissionen nicht die Lösung. Ausserdem würde mit ihnen die Abhängigkeit nur von einem auf einen anderen fossilen Energieträger verlagert. Der Ersatz alter Kernkraftwerke durch neue, effizientere und modernere Anlagen sollte jedoch ernsthaft geprüft werden.»

Allerdings spielt es fürs Klima nur eine marginale Rolle, was in der Schweiz passiert, denn wirksamer Klimaschutz muss weltweit angepackt werden. Und auf der globalen Bühne haben AKW nur eine kleine Nebenrolle. Sie decken heute je nach Rechnungsart zwischen 2,2 und 6 Prozent des weltweiten Bedarfs an Strom ab. Oder anders gesagt: Um zehn Prozent des weltweiten CO2-reichen Kohlestroms durch Atomstrom zu ersetzen, wären 1000 zusätzliche AKW nötig – das ist utopisch. Noch aus einem anderen Grund hat Burkard zumindest leise Zweifel an der Klimawirksamkeit neuer AKW. «Es müsste nachgewiesen werden, dass die grossen CO2-Produzenten wie China Kohlestrom durch Atomstrom ersetzen und nicht einfach zusätzliche Kapazitäten bauen», sagt er.

Drastischer formuliert es die Umweltschutzorganisation Greenpeace: «AKW sind eine Ablenkung vom eigentlichen Klimaschutz», sagt Graziella Regazzoni, zuständig für Kampagnen. Klimaschutz müsse jetzt erfolgen und global wirken – das sei mit AKW schlicht nicht möglich. (Der Bund)

Erstellt: 29.12.2010, 07:38 Uhr

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7 Kommentare

Rolf Trösch

13.01.2011, 19:42 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Interessant finde ich, dass genau die Kreise welche noch heute den Klimawandel bestreiten und in der Politik (insbesondere wenn es um den Individual-Verkehr geht) jegliche Massnahme zur CO2 Reduktion bekämpfen, genau mit dieser angeblichen CO2 Emissionfreiheit für den Bau neuer AKWs plädieren. Der Verzicht auf AKWs gibt dem Forschungplatz CH Auftrieb und schafft Arbeitsplätze statt Müllprobleme. Antworten


thomas schneeberger

30.12.2010, 23:07 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Problem ist der hirnrissige MobilitätsWAHN und der WachstumsZWANG der Wirtschaft. Heute gibt es 450 AKWs weltweit. Wenn wir die Fossilen ersetzen wollten, müssten wir mind. 5'000 AKWs haben!!! Wir sind Erdöljunkies und stehen vor einem mörderischen kalten Entzug! CO2 ist höchstens noch 100 Jahre ein Problem. Wenn wir aber Kernenergie fördern, "hüten" unsere Nachkommen den Dreck noch 100'000 Jahre! Antworten



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