Schach

Von Leuten, die Probleme schaffen – 
die sie gleich selber lösen

Die weltbesten Problemisten rücken nach Bern vor – an die Weltmeisterschaften der Schach­problem­löser. Organisator und auch Teilnehmer ist der Berner Thomas Maeder, ein Spezialist für Märchenschach.

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Im Grunde genommen sei ein Schachproblem ähnlich interessant wie ein Sudoku, sagt Thomas Maeder. «Hat man aber ein Sudoku gelöst, wirft man es weg, das Schachproblem jedoch, das bleibt interessant.»

Der 47-jährige Berner ist seit seiner Jugend ein Problemist, wie sich die Komponisten und Löser von Schachproblemen nennen. Angefangen hatte er zwar klassisch mit Partieschach, «wie fast alle», bald aber brütete er lieber über Schachproblemen und begann auch, solche zu kreieren. Und weil sein Interesse am Thema nicht erlahmte, sondern im Gegenteil immer grösser wurde, betreute er schon bald die Schachkolumne der «Berner Zeitung».

Thomas Maeder spricht von der Ästhetik, die in Schachproblemen verborgen ist oder verborgen sein kann. Ein Problem sei dann «schön», sagt er, wenn «der Inhalt stimmt», wenn es zum Beispiel mit möglichst wenig «Material» dargestellt sei, paradoxe Manöver und verblüffende Züge enthalte, die zugrunde liegende Idee einen in Erstaunen versetze – oder wenn es dem «Komponisten» gelinge, die «Löser» in die Irre zu leiten, also thematisch zu verführen.

«Wie gigantische Mathprüfung»

Eine für ihn einmalige Aufgabe hat Maeder, der von Beruf Informatiker ist, in den letzten Monaten bewältigt: Er organisierte den einwöchigen Weltkongress der Problemisten, der dieses Wochenende in Bern beginnt und an dem rund 200 Personen teilnehmen – sehr viele Männer und ganz wenige Frauen. Nach 1962 findet er erst zum zweiten Mal in der Schweiz statt. Den Höhepunkt bilden die Einzel- und Mannschaftsweltmeisterschaften, die am Dienstag und Mittwoch über die Bühne gehen. Fürs Publikum seien diese Wettkämpfe aber «völlig uninteressant», sagt Maeder. Vergleichbar seien sie mit «gigantischen Mathematikprüfungen».

Wer bei einem Problemlösungsturnier mitmacht, hat nicht alle Zeit der Welt, sich den Kopf zu zerbrechen. «Wer vorne dabei sein will», sagt Maeder, «muss einen Zweizüger innert Kürze lösen.» Bei Weltmeisterschaften haben die Löser an zwei Tagen sechs Runden zu bewältigen. In Runde eins haben sie drei Zweizüger in 20 Minuten zu knacken. Es folgen Dreizüger und Mehrzüger, Endspielstudien, Hilfsmatt- sowie Selbstmattprobleme. Beim Hilfsmatt werden die schwarzen Figuren so einbezogen, dass sie sich nicht gegen das Matt wehren, sondern Weiss helfen, dieses zu erreichen. Beim Selbstmatt hingegen besteht das Ziel darin, die Züge zu finden, die dem Gegner keine andere Möglichkeit lassen, als zu gewinnen.

Wer alles dem Schach verfällt

Schachprobleme, Schachproblembücher, Schachproblemcomputer, Schachproblemkongresse: Führt das nicht zu Problemen mit Freunden und der Familie? Warum auch, fragt Maeder. Zum einen sei er nur zu 80 Prozent berufstätig, verfüge also über viel Zeit. Und zum anderen habe er durchaus andere Interessen. So spiele er gern Tischtennis, «sofern es der Ellbogen erlaubt». Seine ­Lebenspartnerin scheint seine Leidenschaft sogar ein wenig zu teilen: Sie hat das Logo für den Kongress entworfen. «Schach geht ins Künstlerische hinein», sagt sie. Nebst Mathematikern und Informatikern seien es viele Mediziner und Musiker, die dem Schach verfielen. «Einer der besten Problemisten ist gleichzeitig ein fantastischer Pianist.»

Thomas Maeder ist heute ein wichtiger Mann in der Welt der Problemisten. Er ist dreifacher Schweizer Meister und trägt den Titel «internationaler Meister». Von diesen gibt es nur rund 40. Über ihnen stehen noch die Grossmeister, ungefähr 20 an der Zahl. Maeder ist aber auch Preisrichter, kümmert sich um die Herausgabe von Fachzeitschriften und Büchern, welche die neusten Schachprobleme aus aller Welt präsentieren.

Starke Reaktion von Schwarz

Um zu zeigen, was er unter der «Schönheit einer Lösung» versteht, legt er «eines der bekanntesten» Schachprobleme auf den Tisch. Es sei bald 100 Jahre alt und verfüge über fast alles, was ein hervorragendes Schachproblem ausmache: Die Lösung beginne mit einem überraschenden Zug und ermögliche Schwarz eine starke Reaktion. Maeder hat die Lösung, die sonst auf eine für Laien kaum lesbare Weise dargestellt wird, in Worte gefasst (siehe Kasten unten).

Sein besonderes Interesse gelte sowieso nicht den Zwei-, Drei- und Mehrzügern. Sein Spezialgebiet sind die Hilfsmatt-Probleme und das sogenannte Märchenschach, das sich kaum mehr an den Regeln des Partieschachs orientiert. Hier gibt es zusätzliche Figuren, für die spezielle Regeln gelten. Sie tragen Namen wie Grashüpfer, Leo, Pao, Vao oder Nao. «Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt», sagt Thomas Maeder.

Am meisten Zeit aber wendet er für die Erstellung von Computer-Programmen auf, mit denen sich Schachprobleme testen lassen. Ein Komponist hat dann ein Problem, wenn sein Schachproblem Lösungen hat, die er gar nicht in Betracht gezogen hat. Früher war dies gang und gäbe, sagt Maeder. Bei neuen Problemen dagegen sei dies kaum mehr der Fall. Mit Computern liessen sie sich bis auf etwa zehn Züge hinaus vollständig testen.

Die Problemisten machten nur wenige Prozent der Schachspieler aus. «Beim Partieschach gibt es 1400 bis 1500 Grossmeister, beim Problemschach nur knapp zwei Dutzend – das sind die Relationen», sagt Maeder. Auch in der Schweiz ist die Konkurrenz unter den Problemisten nicht gerade riesig: Nur etwa ein Dutzend kann sich jeweils Chancen auf den Schweizer-Meister-­Titel ausrechnen.

Fussball und Schach gleichzeitig

Dass ein Schweizer nächste Woche den Weltmeistertitel gewinnen könnte, hält Maeder für unwahrscheinlich. Selber ist er an solchen Titelkämpfen noch nie über einen zwölften Rang hinausgekommen. Er trainiere auch nicht «wahnsinnig viel», vor allem nicht systematisch, sagt er. Bei jenen, «die Weltmeister werden wollen – wie etwa die Polen –, ist das anders». Wenn er beispielsweise am Fernsehen Fussball schaue, hole er manchmal ein Schachproblem hervor. Wenn der Kommentator plötzlich lauter spreche, schaue er auf und verfolge das Spiel. «Das funktioniert ganz gut», sagt er, «ausser wenn Matthias Hüppi kommentiert, der ist immer laut.»

Informationen über den Kongress in Bern sowie Abendveranstaltungen, die auch für ein breiteres Publikum interessant sein könnten, finden sich über die Internetseite www.kunstschach.ch (Der Bund)

Erstellt: 24.08.2014, 08:45 Uhr

Thomas Maeder hat für den «Bund» sechs Schachprobleme mit kommentierten Lösungen zusammengestellt:

www.schachprobleme.derbund.ch

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