Vom «Lusthaus» zum Wohnschloss

Das Schloss Wittigkofen im Osten von Bern ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung. Doch schon lange vor dessen Bau hinterliessen Menschen Spuren in der Region.

Das Schloss Wittigkofen ist in mehreren Bauphasen ab 1570 entstanden.

Das Schloss Wittigkofen ist in mehreren Bauphasen ab 1570 entstanden. Bild: Valérie Chételat

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Historische Mauern und braune Ziegeldächer im Vordergrund, überragt von einem Ensemble aus Betonkolossen im Hintergrund – das Schloss Wittigkofen und die Hochhäuser bilden im Osten den Siedlungsabschluss der Stadt Bern. Nahe bei der Autobahn A6 und umgeben von viel Grün. Die Geschichte des Gebiets und des Schlosses hat Willy Schäfer, ehemaliger Pfarrer an der Petruskirche im Kreis Wittigkofen, in einem neu erschienenen Buch umfassend und mit zahlreichen Bildern aufgearbeitet. Ermöglicht haben das Buch der gemeinnützige Verein Buch Wittigkofen und zahlreiche Sponsoren.

Im 18. Jahrhundert «barockisiert»

Der Schlossbau erfolgte demnach in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen: Schultheiss Beat Ludwig von Mülinen legte sich mit dem Schloss einen repräsentativen Landsitz zu. Nach dem Kauf von 1570 liess von Mülinen das dreigeschossige Haupthaus errichten, hinzu kam der sogenannte Laubenstock, der mit dem Haupthaus über ein rechtwinkliges Laubensystem verbunden wurde. Während des Baus kam es offenbar zu einem dramatischen Ereignis, einem Brand, denn die «Berner Chronik» hielt 1581 für den 15. August fest: «Waren bei Schultheiss von Mülinen Rät und Burger der Stadt samt den Predikanten und Schulmeister zu Gast eingeladen zur Feier seines durch Brand zerstörten und jetzt wieder aufgebauten Lusthauses Wittighofen.» Die Schlossanlage mit dem dazugehörenden Landwirtschaftsbetrieb diente der Familie von Mülinen und den nachfolgenden Besitzern vorerst nur als Sommersitz. Das Schloss wurde erst später ganzjährig bewohnt. Durch die Jahrhunderte wechselte das Schloss mehrmals die Besitzer. Zwischen 1720 und 1750 wurde es umgebaut und neu eingerichtet und auf diese Weise auch «barockisiert», wie der frühere kantonale Denkmalpfleger Jürg Schweizer im Buch zitiert wird. Der Kunsthistoriker würdigte das Werk an der Vernissage positiv.

Schon lange vorher müssen aber in diesem Gebiet Gebäude bestanden haben: 1250 erscheint Wittigkofen zum ersten Mal in einer Kaufurkunde, indem als einer der Zeugen ein gewisser Heinricus von Witenchovin aufgeführt ist. Der Autor vertritt die Ansicht, dass es sich bei diesem Heinrich zwar um einen angesehen Mann, aber nicht um einen Adeligen gehandelt habe. 1271 ging das Landgut in den Besitz von Heinrich von Seedorf über, der dreizehn Jahre zuvor bereits die Brunnaderngüter erworben hatte. Nach seinem Tod stiftete seine Frau Mechtild von Seedorf das Kloster Brunnadern, zu dessen Grundstock auch das Gut Wittigkofen gehörte. Die Ländereien erstreckten sich von Muri bis zur Strasse, die damals von der Untertorbrücke durch die Haspelgasse stadtauswärts in Richtung Burgdorf führte. Sie umfassten also auch Schöngrün, das Land, auf dem heute das Zentrum Paul Klee steht.

Neue Wohnungen geplant

2014 kaufte der Investor Hans-Ulrich Müller über seine Schlossberg Thun AG das Schloss. Müller steht auch hinter dem Bernapark Deisswil. Über 270 Jahre gehörte das Schloss im Osten Berns der Familie von Wurstemberger. Müller plant die Besitzung als Wohnschloss zu erhalten, zusätzlich sollen in der Scheune und einem neuen Anbau rund 14 Wohnungen eingebaut werden. Auch eine Kindertagesstätte soll entstehen. Ein umfangreicher Teil des Buches ist der Geschichte der Landschaft und ihrer Besiedlung gewidmet: Der letzte Schliff geht auf die Eiszeit vor rund 17'000 bis 18'000 Jahren zurück. Die umliegenden Hügel wurden von den Gletschern geformt, in der Fläche bildeten sich nach dem Abschmelzen des Eises ein kleiner See und eine Moorlandschaft. Noch 1930 waren auf der Landeskarte im Oberen Murifeld sumpfiges Gelände und ein Bächlein eingetragen.

Besiedlung setzte früh ein

Die Geschichte reiche ungeahnt weit zurück, heisst es im Buch: «Lange vor der Errichtung des Schlosses Wittigkofen und anderer historischer Bauten der frühen Neuzeit, ja schon vor dem Auftauchen des Namens Wittigkofen, haben Menschen Spuren im Gebiet hinterlassen.» Im Gümligental wurde ein Steinbeil gefunden, bei Dennigkofen, nahe der SBB-Linie Bern–Thun die Überreste eines römischen Gutshofes. Unweit des Schlosses befand sich offenbar auch ein Grabmal aus römischer Zeit. Weil es zu Beginn des 18. Jahrhunderts entdeckt wurde, sind die Funde nicht erhalten geblieben. Den Namen deutet Schäfer als Hof der Leute des Witto, die Besiedlung durch alemannische Zuwanderer könnte zwischen 700 und 750 erfolgt sein.

Zurück in die jüngere und verbürgte Geschichte: Der Bau der Hochhäuser in Wittigkofen begann 1971, 1973 zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner ein. Es dauerte jedoch bis in die 1980er-Jahre, bis alle heute bestehenden Gebäude des Quartiers erstellt waren. Es war nur ein Teil der Gesamtplanung von 1964, die auf der Fläche bis zu den Gemeindegrenzen zu Ostermundigen und Muri ein Quartier für 15'000 Personen vorgesehen hatte. «Die Landschaft ist ein wertvolles Kulturgut und nicht bloss eine Landreserve für eventuelle Stadterweiterungen», schreibt Schäfer. Die Landschaft war übrigens bis 1817 Teil der Gemeinde Muri, gehört also erst seit 200 Jahren zur Stadt Bern.

«Wittigkofen, Landschaft, Schloss und Umgebung» von Willy Schäfer, ist in Berner Buchhandlungen erhältlich oder kann bei info@buchwittigkofen.ch für Fr. 50.– bestellt werden. (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2017, 06:50 Uhr

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