Luthers Buchstabensuppe

Mit der «Kopflastigkeit» des Reformationsjubiläums haben Heinz Wulf und Karolina Huber Mühe. Darum geht bei ihnen die Reformation durch den Magen.

Karolina Huber schüttet einen Beutel «Sola scriptura» in den Topf, und Heinz Wulf führt den Schwingbesen.

Karolina Huber schüttet einen Beutel «Sola scriptura» in den Topf, und Heinz Wulf führt den Schwingbesen. Bild: Manu Friederich

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Als die 40'000 Suppen schliesslich geliefert wurden, «haben wir schon leicht gestaunt», sagt Heinz Wulf. «Wir dachten, die Packungen seien klein und dünn, und es seien einfach ein paar Dinge mehr, die im Keller lagern.» Aber es waren 13 Paletten. Jede anderthalb Meter hoch. Das Material belegt nun im Kipferhaus ziemlich viel Raum. Wulf und seine Frau Karolina Huber teilen sich in Wohlen ein Pfarramt. Die Idee mit der Suppe hatten sie «an einem jener netten Abende bei einem Glas Wein», wie Wulf erzählt. Wieder einmal hätten sie sich über die Kopflastigkeit des Reformationsjubiläums geärgert. «Vorträge, Bücher – der allergrösste Teil der Festivitäten wieder nur für den intellektuellen Bereich.» Dabei habe doch Luther dem Volk «aufs Maul geschaut», wie der Reformator oft zitiert wird.

Mueshafen für die Armen

Ausserdem habe die Reformation ganz praktische Auswirkungen gehabt, sagt Wulf. Zwinglis Almosenordnung habe auch den Staat zur Versorgung der Armen verpflichtet. Diese seien am Zürcher Mueshafenplatz täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgt worden. «Mit dem Duft der warmen Suppe verbreitete sich der neue Glaube», sagt er. Mithilfe des Grafikers Bruno Fauser kreierten sie drei Suppenpackungen. Die Reformationssuppe Sola scriptura (allein die Schrift) ist eine Buchstabensuppe. Auf der Packung sieht man Luther mit einem Löffel. Dazu steht der Satz: «Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.» Die anderen Packungen – Sola fide (allein der Glaube) und Sola gratia (allein die Gnade) – zeigen die Reformatoren Zwingli und Calvin, ebenfalls mit Löffeln. Eigentlich handelt es sich um normale Suppen der Migros mit den üblichen Informationen auf der Rückseite. Der Grossverteiler hat es den beiden aber ermöglicht, auf der Produktionsanlage die Suppen-Spezialauflage mit dem eigenen Design abzufüllen.

Es sei «eine rein private Initiative», die in der Kirchgemeinde aber auf viel Zustimmung gestossen sei, sagt Wulf, der mit seiner Frau auf knapp 40'000 Suppen sitzt. Klar habe sie das «ein bisschen etwas gekostet» und der riesige Lagerbestand stelle für sie ein gewisses Risiko dar, aber die Reformation sei «wohl das viel grössere Risiko gewesen». Was Luther, Zwingli und die anderen Reformatoren taten, «war kein abgesichertes Projekt mit Erfolgsgarantie». Am 22. Januar erfolgt im Rahmen eines Gottesdiensts der «offizielle Start des Suppenverkaufs» – im Beisein des «Gault Millau»-Kochs Urs Messerli, der Suppe kochen wird. Die Packungen mit den Reformationssuppen sollten ab heute über die Website der Kirchgemeinde bestellt werden können – für zwei Franken.

Vielleicht werden andere Kirchgemeinden Suppen bestellen und sie an Anlässen abgeben oder im Jubiläumsjahr als Dank an Freiwillige verschenken, sagt Wulf. Oder Private, denen die spezielle Verpackung gefällt. Ein Gewinn würde an die reformierte Kirchgemeinde im Gambarogno und die politische Gemeinde Safiental fliessen.

Undogmatisch, aber nicht banal

Der Kopflastigkeit etwas entgegensetzen. Doch wie soll das gehen, etwa mit der ersten «Kernbotschaft» zum Jubiläum, die auf einem Dokument der reformierten Berner Kirche zu finden ist: «Die Reformation erinnert an den gnädigen Gott als Grundlage allen Lebens.» Werde über die Reformation gesprochen, geschehe das oft auf eine hochintellektuelle Weise. Doch gebe es Leute, die mit «Kirchen-Sprech» dieser Art nichts anfangen könnten. Die Schwierigkeit bestehe darin, dies in die Alltagssprache zu übersetzen. Dabei dürfe man «nicht einfach billig banalisieren», sagt Wulf. «Wir müssen ohne grosse Dogmatik verständlich machen können, was Gott unserer Meinung nach mit dem Leben der Menschen zu tun hat.»

Er habe zum Reformationsjubiläum viel kreativere, radikalere und lustvollere Projekte erwartet: zum Beispiel, dass der Synodalratspräsident jede Woche an einem Marktstand auf dem Waisenhausplatz stehe oder «die Synodalräte das Jahr hindurch wöchentlich am Stammtisch jeder Beiz im Kanton Bern auftauchen – oder, oder, oder». Aber Aussagen wie «allein die Gnade» in der heutigen Welt? Was sollen die Leute damit anfangen?

Wulf sagt, man müsste sie selbst fragen. Die Reformation habe Fragen gestellt, die die Leute stark beschäftigten. Das sei auch heute so. Er frage sich etwa, ob Leistung denn alles sei? Oder ob er aus sich selber heraus immer so stark sein müsse, um alles allein bewältigen zu können. Und dann zitiert er den Philosophen Martin Buber: «Alles wirkliche Leben ist Begegnung.» Die Kirche müsse Begegnungen ermöglichen, sagt er – ob in einem spirituellen oder in einem praktisch-sozialen Bereich sei letztlich zweitrangig. Wesentlich sei, dass es geschehe, dass Menschen zueinanderfinden, feiern, nachdenken, beten oder Suppe essen. Und dass die Kirche «die befreiende Botschaft des Evangeliums überzeugend im Alltag lebt». (Der Bund)

Erstellt: 09.01.2017, 06:35 Uhr

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