Lauschangriff im Herbst des Lebens

Unser Testesser belauscht Senioren im Restaurant Plaisir der Residenz Multengut in Muri und wird gleichzeitig wunderbar satt.

In der modernen Überbauung Multengut im Restaurant Plaisir wird modernes Design geschickt mit antiken Möbeln kombiniert.

In der modernen Überbauung Multengut im Restaurant Plaisir wird modernes Design geschickt mit antiken Möbeln kombiniert. Bild: zvg

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Der Test­esser denkt an später – und macht sich mit dem Essen in einem Altersheim vertraut. Aber nicht in irgend einem: Es ist das Restaurant Plaisir in der Seniorenresidenz Multengut. In der modernen Überbauung im Zentrum von Muri herrscht nüchtern-edler Design-Chic vor, aufgelockert durch einige Louis-Stühle. Hätte man sich die Hände an der Desinfektionsstation am Eingang besprühen sollen? Das nächste Mal bestimmt. Zwar haben auch Senioren mit gutem finanziellen Polster, die Perlenketten tragen, ihre «Bresten»: einige gehen am Rollator, sitzen im Rollstuhl – oder Osteoporose hat den betagten Körper gekrümmt. Das Restaurant ist öffentlich und kann sich sehen lassen: Wer Angehörige hierher einlädt, braucht sich nicht zu genieren.

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Auf der Webseite fand der Testesser noch die Herbstkarte vom Oktober vor, auf der es Kürbissuppe gab oder Trüffel-Spezialitäten. Auf der «realen» Karte, die ihm von der Kellnerin gebracht wird, stehen Wintergerichte wie Rindsfiletwürfeli Stroganoff (Fr. 38.-), Riesencrevetten mit Mango und Zitronenrisotto (Fr. 34.-) – oder Perlhuhnbrust mit Trüffelrahmsauce, Bratkartoffeln, Petersilienwurzel, Karotten und Rosenkohl (Fr. 29.50). Letzteres passt dem Testesser, der wieder einmal ohne Begleiterin unterwegs ist – das darf in diesem Jahr nicht einreissen!

Wer allein ist, hat Musse, die Lauscherchen zu spitzen und zu sehen, was die anderen essen. Das «Röschti-Festival», laut Karte bis zum 23. Januar im Angebot, scheint noch in vollem Gang zu sein. Jedenfalls finden die Bratpfännchen den Weg an den Nebentisch: In der Rösti steckt ein Schweizerfähnchen wie auf einem 1.-August-Weggen. Ein Besucher lässt sich von der Kellnerin die Etikette des Weins zeigen und beäugt sie mit Kennerblick. «Ein Gläschen pro Tag ist wie Medizin», hört man von drüben. Die anderen essen Beinschinken an Portosauce, Nudeln und Blattspinat, mit Hafersuppe oder Tagessalat (Fr. 20.-/ohne Fr. 18.-).

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Der Testesser erhält einen kleinen gemischten Salat (Fr. 9.50) mit Maiskörnern, Kopfsalatblättern, Randen, Sellerie und Rüebli, letztere gekocht. Wieder dauert es eine Weile. Das Lokal bewirtet meist Leute, die Zeit haben und nicht im «Express-Büffet»-Modus laufen. Hinter dem Testesser wird französisch parliert, nebenan nehmen sie diverse Beizen im Kanton durch. Der Testesser hat einige davon schon besprochen und ist dankbar für Tipps, die er später nach und nach abarbeiten wird.

Nun kommt der Hauptgang: das Perlhuhn. Fleisch und Gemüse sind auf dem Teller angerichtet, die Kartoffeln in einem separaten Schälchen, dazu gibts eine Sauciere, silbern wie das Brotkörbchen mit dem weissen Tuch. Unnötig zu erwähnen, dass auch die weissen Servietten aus Stoff sind. Geflügel muss durchgegart sein, rosa wie bei Lamm oder Rind geht nicht. Weil das so ist, tendieren Vögel dazu, auszutrocknen. Das ist auch hier etwas der Fall, wenn auch in akzeptablem Ausmass. Der Trüffelgout der Sauce ist eher diskret. Der Testesser ist mit dem Gericht insgesamt sehr zufrieden.

Weniger überzeugt ist er vom offenen Wein aus dem Wallis: «Murmure Assemblage» heisst er (Fr. 7.-/dl). Was die Kombination aus den Neuzüchtungen Diolinoir und Gamaret aus der eidgenössischen landwirtschaftlichen Forschungsanstalt und der Merlottraube dem Testesser zumurmeln will, versteht er nicht ganz: Der Geschmack ist nicht «lesbar»: irgendwie dunkel, fast bitter. Der Testesser hätte vielleicht gescheiter einen anderen offenen Wein bestellt, etwa den spanischen.

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Wieder lauscht der Testesser und hört aus den Gesprächs­fetzen heraus, dass der ältere Herr der Gründer einer erfolgreichen KMU im Kanton Bern war. Man spricht nun über Freunde, die gestorben sind – und andere, die schön wohnen («mit Seeblick»), oder die eifrig irgendwo Skifahren, wo die Massen noch nicht auf den besonnten Pisten einfallen. Noch ein Dessert? Ja, das Apfelküchlein, bitte (Fr. 10.-). Die fritierten Ringe kommen auf einem rechteckigen Teller mit Mangostreifen und einer Kugel Vanilleglace in einer separaten Schale. Auch hier achtet die Küche auf den richtigen «comment». Das Dessert schmeckt, und der Testesser ist wunderbar satt.

Er amüsiert sich etwas darüber, dass die beiden netten Kellnerinnen oft nicht wissen, dass die Kollegin bereits am Tisch war und etwas abgeklärt hat: doppelt gemoppelt. Nun ist es höchste Eisenbahn, ins Büro zurück zu fahren. Im blauen Bähnli ist beim Testesser immer noch der Lauschmodus aktiviert. Also vernimmt er, dass der Gemeindepräsident im Bähnli zu einer Audienz bei einem Regierungsrat fährt. Die Fahrt ist zu kurz, um näheres zu erfahren, auch wenn der Testesser ahnt, worum es geht. Sobald er mehr weiss, werden Sie es als erste erfahren. (Der Bund)

Erstellt: 29.01.2017, 09:23 Uhr

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