Hat jemand «nachhaltig» gesagt?

Von «verdichtet» bis «energieeffizient»: Hier ist ein konkretes Beispiel jenseits hohler Phrasen.

Ein Pionierprojekt, das diesen Namen auch verdient: Siedlung der Wohnbaugenossenschaft Oberfeld in Ostermundigen.

Ein Pionierprojekt, das diesen Namen auch verdient: Siedlung der Wohnbaugenossenschaft Oberfeld in Ostermundigen. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer im Bauwesen tätig ist, kann sie nicht mehr hören, die hohlen Phrasen über nachhaltiges Bauen, über die Notwendigkeit der Verdichtung oder die Pflicht zur energetischen Ertüchtigung von Altbauten. Alle reden pausenlos darüber, alle wollen sie gerade ihre mittelprächtigen Projekte damit nobilitieren, ihre Materialien damit im Markt positionieren.

Das Vorschützen der Klima- und Weltrettung ist längst zum Milliardengeschäft geworden. Entgegen dem allgemeinen Geschwätz ist fundiert nachhaltige Architektur noch immer ein Experimentierfeld und wird nur von wenigen ernsthaft betrieben. Dessen ungeachtet ereignen sich hier die echten Innovationen – nicht nur bei den Materialien und den technischen Installationen, sondern auch bei der Architektur. Ein solches Pionierprojekt wurde unlängst in Ostermundigen fertiggestellt: die von Halle 58 Architekten konzipierte und zusammen mit Planwerkstatt Architekten und Eberhart Bauleitungen realisierte Siedlung der Wohnbaugenossenschaft Oberfeld. Die Siedlung umfasst 98 Wohnungen in drei Mehrfamilienhäusern, wovon ein U-förmiges mit grossem Hof im Zentrum steht.

Die Idee der 2000-Watt-Gesellschaft dient den Promotoren als Massstab. Die Nachhaltigkeitsüberlegungen beschränken sich jedoch nicht auf eine Minimierung der Betriebsenergie, sondern umfassen zwölf Themenkreise aus den Gebieten Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Leider lassen sich in diesem Rahmen nur ein paar dieser zwölf Themenkreise ansprechen:

Holz, Beton, Stahl und Glas

Die Architektur reagiert zum einen auf das Bedürfnis nach hoher Individualisierung, zum anderen auf die konstruktiven Eigenschaften der Materialien, die nach Kriterien der Ökologie, der grauen Energie, der Wohnkomforteigenschaften und der Ökonomie ausgesucht und kombiniert worden sind. Die Primärmaterialien sind Holz, Beton, Stahl und Glas.

Das Konzept der Grundrisse ermöglicht eine sehr hohe Einteilungsflexibilität von der 2-Zimmer- bis zur Maisonette-Wohnung. Die eigentlichen Baukörper liegen hinter umlaufenden Balkonen gegen aussen und Erschliessungslauben gegen den Hof. Da das Baugesetz diese umlaufenden Aussenräume zum Gebäudekörper zählt, konnte das oberste Geschoss ohne Rücksprung als Attika gelten.

Partizipativ planen

Durch eine leichte Faltung der Gebäude-Aussenwand erfahren die Balkone eine Rhythmisierung von breiteren zu schmaleren Bereichen. Gleichzeitig wird es möglich, die grossflächigen Wohnzimmerfenster immer leicht gegen Süden und damit gegen die Sonne auszurichten. Zur Planungszeit waren die Hybridkollektoren auf dem Dach eine europaweite Neuheit: Sie produzieren sowohl elektrischen Strom als auch warmes Wasser, das, im Sommer in die Erde gepumpt, Wärme für die winterliche Erdsondenheizung speichert. Der produzierte Strom deckt 60 Prozent des Gesamtbedarfs für Heizung, Lüftung und die privaten Haushalte.

Damit sich die zukünftigen Bewohner – sie bestehen je zur Hälfte aus Stockwerkeigentümern und Mietern – ihre Siedlung aneignen konnten, legten die Architekten grossen Wert auf partizipative Planungsverfahren. Die Mitwirkungsmöglichkeiten wurden in sechs Themenfeldern gebündelt. Am deutlichsten erkennbar ist diese Mitarbeit der Bewohner in der Gestaltung und Zonierung des Aussenraums: Es wurde eine vielfältige Bepflanzung angestrebt und auch auf unterschiedliche Nutzbarkeit als Spiel- und Freizeitort geachtet. «Man muss gelegentlich auch loslassen können», sagt der Architekt Peter Schürch dazu und meint, dass er mitunter die Interessen der Bewohner über seinen eigenen «Baukünstler-Stolz» gestellt hat – eine zentrale Fähigkeit bei partizipativen Planungsverfahren.

Dieter Schnell ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams. Er arbeitet als Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur sowie Leiter des MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. (Der Bund)

Erstellt: 20.03.2016, 09:54 Uhr

Artikel zum Thema

Schräg ist nicht gleich schräg

Überaus leicht und elegant: Der Bahnhof Brünnen Westside begenet dem Einkaufszentrum des Starachitekten Libeskind mit Ironie. Mehr...

Verschenkte Stadt

Die fatalen Folgen des Entscheids der SBB, die Eisenbahnbrücke parallel zur Lorraine zu bauen. Mehr...

«Baustelle»: Die Lösung heisst – Tramlinie 20!

Baustelle Wie fördern wir Ostermundigen, ohne die Berner Innenstadt in den ÖV-Infarkt zu treiben? Ein Beitrag in der Serie «Baustelle» von Jürg Schweizer. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Paid Post

Tierisch viele Angebote

Die Berner Publikumsmesse BEA präsentiert vom 28. April bis 7. Mai 2017 die ganze Fülle von Trends und Traditionen.

Die Welt in Bildern

Er hängt in den Seilen: Ein junger roter Vari staunt Bauklötze im Zoo von Köln. (27. April 2017)
(Bild: Sascha Steinbach (EPA, Keystone)) Mehr...