«Auf der Grossen Schanze braucht es ständige Gastroangebote»

Der Freiraumplanerin Sabine Gresch schwebt ein Neubau auf der Terrasse über dem Berner Bahnhof vor.

Videoüberwachung hat in Bern politisch wenig Chancen.

Videoüberwachung hat in Bern politisch wenig Chancen. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Frau Gresch, fühlen Sie sich sicher, wenn Sie nachts durch Bern gehen?
Ja, ich fühle mich wirklich sicher. Aber ich meide gewisse Orte in der Nacht.

Welche?
Die Grosse Schanze und die Kleine Schanze, zudem würde ich nicht der Aare entlang oder durch die Englischen Anlagen gehen. Das sind Orte, die finster sind und wo es keine Leute hat.

Auf der Grossen Schanze wurde eine junge Frau vergewaltigt, auch im vergangenen Jahr wurden dort zwei Frauen Opfer eines Sexualdelikts. Was ist das Problem an diesem Ort?
Diese Vorfälle sind Ausdruck davon, dass an diesem Ort etwas nicht stimmt. Planerisch und baulich stammt die Grosse Schanze aus den 1960er-Jahren. Die 24-Stunden-Gesellschaft war damals noch kein Thema, es standen andere Aspekte im Vordergrund. Die Auswirkungen solcher Anlagen kann man nachträglich fast nicht mehr korrigieren.

Worin liegt das Problem konkret?
Räume mitten in der Stadt und Alltagsverbindungen sollten auch in einer Samstagnacht durchschritten werden können. Die Grosse Schanze ist die Verbindung vom Bahnhof in die Länggasse. Auf der Grossen Schanze braucht es Übersichtlichkeit und Transparenz. Ein wichtiger und preisgekrönter Fortschritt war der Glaslift. Wenn man aber Richtung Bierhübeli geht, fehlt jede Übersicht. Dafür mangelt es an Licht. Stattdessen gibt es rund um die Universitätsgebäude Bäume, Nischen und Winkel. Solche Situationen können die Kriminalität fördern. Das kann man nur planerisch und baulich lösen, alles andere ist Pflästerlipolitik und Symptombekämpfung.

Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) fordert Videoüberwachung auf der Grossen Schanze. Kann das etwas bringen?
Ich glaube nicht an Videoüberwachung. Man müsste die ganze Grosse Schanze videoüberwachen, das ist eine riesige Fläche. Ich sehe den Ansatz in der Belebung. Statt des Spielplatzes, der nicht genutzt wird, könnte man für Jugendliche einen Pumptrack oder eine Skateranlage hinstellen, die den Ort auch abends und nachts beleben. Statt temporärer Nutzungen wie City-Beach brauchte es ständige Kultur- und Gastroangebote. Dafür wäre ein Bauprojekt auf der Einsteinterrasse nötig. Ein Glasbau würde eine Verbindung von innen nach aussen ermöglichen. Die Fenster des ehemaligen Mad Wallstreet sind zugeklebt, und auch der City-Beach schottet sich ab.

Es würde nicht ausreichen, einen Jugendtreff ins ehemalige Mad Wallstreet einzuquartieren?
Das Lokal ist auf der anderen Seite. Rund um die Universitätsgebäude braucht es einen Neubau. Die Lage ist prädestiniert für ein Ausgehlokal mit langen Öffnungszeiten, denn es gibt keine Anwohner und sie ist nahe am Bahnhof. Kurzfristig gilt es aber dafür zu sorgen, dass mit dem Installationsplatz für den Bahnhofausbau nicht noch mehr unübersichtliche Ecken entstehen.

Neuerdings hat die Stadt das Sagen auf der Grossen Schanze. Was eröffnet dies für Möglichkeiten?
Ich sehe grosses Potenzial in Bezug auf Drittnutzungen. Ich kann mir vorstellen, dass man einen Gastrobetrieb findet, der bereit ist, das ganze Jahr dort zu sein. Temporäre Nutzungen wie City-Beach bringen nur während kurzer Zeit eine punktuelle Belebung.

Auf der Schützenmatte, wo ebenfalls Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden, heisst das Rezept Belebung. Das ergab das Neustadt-Lab.
Wir konnten uns nur erhoffen, dass das Neustadt-Lab zu einer Beruhigung auf der Schützenmatte führt. Auf der Grossen Schanze müsste man nicht einmal Parkplätze aufheben, um herausfinden, was es genau braucht.

Wie neu ist die Erkenntnis, dass man gefährliche Orte beleben muss?
Ein Beispiel für einen neuen Ansatz ist die Chistoffel-Unterführung beim Bahnhof. Vor rund zehn Jahren konnte ich in einer Fachfrauengruppe am Projekt Lares, gender- und alltagsgerechtes Bauen und Planen, mitwirken und erstmals Alltagswissen von Frauen in ein Bauprojekt einbringen. Das Bau- und Planungswesen war jahrhundertelang stark männerdominiert. Bei der Christoffel-Unterführung merkt man, dass Fachfrauen mitgewirkt haben.

Wenn man einen Ort sicherer macht, besteht die Gefahr, dass sich Gewalt verlagert.
Man kann nicht jeden Ort sicher machen. Aber wir müssen es schaffen, die Hauptverbindungen in die Quartiere zu gewährleisten.

Sexualdelikte gab es auch am Rand der Stadt, beim Freibad Weyermannshaus, in der Bodenweid in Bümpliz-Süd oder beim Altenbergsteg. Muss man diese Orte meiden?
Bodenweid erstaunt mich nicht. Das ist auch so ein monofunktional genutzter Raum. Es gibt dort nur Gewerbe und Sport, aber kaum Anwohner, keine Restaurants und Quartierläden.

Also sollte man dort nachts nicht hingehen?
Nicht, wenn es eine andere sichere Verbindung gibt. (Der Bund)

Erstellt: 14.01.2017, 08:00 Uhr

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