Bern

Zuerst die Flut, zuletzt die Forellen

Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 03.04.2012

Nach dem verheerenden Unwetter vom Oktober wurde der Lauf der Weissen Lütschine im Berner Oberland aufwendig saniert. Am Montag bekam der Wildbach neue Bewohner: 15'000 Forellen.

Bereit für das nächste Hochwasser: Pünktlich zur Schneeschmelze sind die Arbeiten an der Weissen Lütschine oberhalb von Zweilütschinen beendet.

Bereit für das nächste Hochwasser: Pünktlich zur Schneeschmelze sind die Arbeiten an der Weissen Lütschine oberhalb von Zweilütschinen beendet.
Bild: Adrian Moser

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Hochwasser im Berner Oberland

Hochwasser im Berner Oberland
Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat am Montag für das Berner Oberland eine Hochwasserwarnung herausgegeben.

In Gummistiefeln watet Fischereiaufseher Martin Flück mit einer Giesskanne durch die Weisse Lütschine. Nicht dass es dort zu wenig Wasser hätte – im Gegenteil. Pro Sekunde fliessen zwar durchschnittlich nur sechs Kubikmeter das Bachbett hinunter. Im letzten Oktober schwoll der Wert innert Stunden auf das Zwanzigfache an. Das Jahrhunderthochwasser – nach 2005 bereits das zweite – hielt damals das Berner Oberland in Atem. Dörfer wurden abgeschnitten, Menschen wurden evakuiert und Dämme bröckelten.

Während am Ufer bald wieder Ruhe einkehrte, fuhren im Bachbett der Weissen Lütschine am Folgetag die Bagger auf. Auf über 20 Baustellen sei im Winter gearbeitet worden, sagt Flück. Weil die Bauzeit mit der Laichzeit zusammenfiel, hätten darunter vor allem die Forellenbestände gelitten. Mit seiner Giesskanne will er nun Gegensteuer geben. Dort zappeln nämlich die letzten 2000 von über 15'000 jungen Seeforellen, die den Bach wieder beleben sollen. «Eine Starthilfe für die Natur», sagt Flück. Mit dieser feierlichen Aktion gingen gestern die Bauarbeiten an der Weissen Lütschine im Bereich Schmelzi oberhalb von Zweilütschinen zu Ende. Die Instandstellung dauerte rund sechs Monate und hat mit rund 1,5 Millionen Franken etwas weniger gekostet als budgetiert. Zwei Drittel der Kosten übernahmen Bund und Kanton. Das letzte Drittel steuerte die Schwellenkorporation Bödeli Süd bei, der insgesamt sechs Gemeinden angeschlossen sind.

Neues Trassee in drei Wochen

«Jetzt ist alles wieder dort, wo es hingehört», sagt Jonathan Sury, der die Bauarbeiten geleitet hat. «Es war ein recht intensiver Oktober», erinnert er sich. Damals drängte die Zeit. Dies vor allem, weil die Fluten einen rund hundert Meter langen Abschnitt des Bahntrassees der Berner-Oberland-Bahnen (BOB) mitgerissen hatten. Die Bilder der Geleise, die wie eine Hängebrücke über dem tosenden Wildbach hingen, gingen damals um die Welt.

Die Lebensader der Tourismusdestinationen auf der Linie Zweilütschinen–Lauterbrunnen blieb aber nur drei Wochen unterbrochen. Mit Baggern wurde zunächst das alte Flussbett ausgehoben und das Ufer zurück unter die Gleise verlegt. «Dass die Sofortmassnahme nicht ausreichen würde, war von Beginn weg klar», sagt Sury. Parallel zu den ersten Bauarbeiten begannen deshalb die Planungen für nachhaltige Schutzmassnahmen. Auch hier drängte die Zeit, denn vor der Schneeschmelze im Frühjahr mussten die Bagger wieder aus dem Bachbett verschwunden sein.

Mit dem Resultat ist Sury zufrieden. Augenfällig sei, dass der Bach mehr Auslauf bekommen hat. Im Oktober habe er sich den Weg unter den Geleisen freigeräumt, weil dies der Weg des geringsten Widerstands gewesen sei, sagt Sury. Mit neuen Ausweichmöglichkeiten und einem harten Längsverbau zwischen Bachbett und Trassee soll dieser Weg nun endgültig blockiert sein.

Unter dem Geröll bereits kaum mehr zu erkennen sind hingegen die massiven Steinblöcke, welche einerseits die Ufer stabilisieren und andererseits den Strom des Bachs brechen sollen.

Noch sieht der Uferabschnitt kahl aus, denn mit der Ufersanierung wurden auch invasive Pflanzenarten radikal entfernt. «Natürlich mussten wir in die Natur eingreifen», sagt Sury. Dies habe man allerdings mit Umsicht getan. So wurden auch gezielt Felsbrocken in den Bach gelegt, um unterschiedliche Fliessgeschwindigkeiten und damit die Herausbildung von Sand- und Kiesbänken zu begünstigen. Diese seien auch als Laichplätze für Forellen wichtig.

Warten auf die Rückkehr

Für die 15'000 Seeforellen beginnt nun allerdings zunächst der Kampf ums Überleben. Eine knappe Woche können die Jungfische ohne Nahrung überleben, sagt Fischereiaufseher Flück. Danach werden die Fischlein im Bach zu Fischen heranwachsen und sich etwa in einem Jahr in den Brienzersee treiben lassen. In drei bis vier Jahren kehren die Forellen – «hoffentlich» – zurück in die Weisse Lütschine, um die nächste Generation zu zeugen. «Wir haben getan, was wir können», sagt Flück, «jetzt liegt der Bach wieder in den Händen der Natur.» (Der Bund)

Erstellt: 03.04.2012, 15:45 Uhr

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