Risse im Kernmantel des AKW Mühleberg wachsen weiter

Um 7 Prozent sind die Risse im Kernmantel in der Länge gewachsen. Für die BKW kein Grund zur Beunruhigung – für AKW-Kritiker hingegen schon.

Im AKW Mühleberg sind die Risse im Kernmantel gewachsen.

Im AKW Mühleberg sind die Risse im Kernmantel gewachsen. Bild: Valérie Chételat

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Etwas Seltsames ergab sich, als die BKW 2011 die Risse im Kernmantel des AKW Mühleberg ausmass: Die Risse waren kleiner als zuvor. Natürlich waren sie nicht geschrumpft. Vielmehr hatte die BKW eine neue Messmethode angewandt, die laut BKW genauer war. In der laufenden Revision diesen Sommer hat die BKW die Methode erneut angewandt, was Vergleiche ermöglicht.

Die von der BKW auf ihrer Internetseite publizierten Messresultate zeigen nun, dass die rund zwanzig feinen Risse am Stahlzylinder, der die Brennstäbe umfasst, in den letzten zwei Jahren erneut gewachsen sind. Dies vor allem in der Länge: um 7,4 Prozent auf eine Gesamtlänge von 3,4 Metern. An der am stärksten rissbefallenen Schweissnaht beträgt die Länge der Risse nun insgesamt 2,5 Meter.

Risszunahme nicht zu stoppen

Für die BKW ist dies kein Grund zur Beunruhigung. Die Risse seien nicht schneller gewachsen als früher, schreibt sie: «Das Längenwachstum der Risse liegt im Rahmen der vergangenen Messungen.» Bereits das Wachstum sei beunruhigend, sagt dagegen AKW-Gegner Jürg Aerni auf Anfrage: «Offenbar geht es trotz chemischen Massnahmen konstant weiter.» BKW-Sprecher Antonio Sommavilla bestätigt auf Anfrage, es sei «chemisch und physikalisch nicht realistisch», die Korrosion, welche die Risse bewirkt, komplett stoppen zu können. Die BKW habe die Korrosion immerhin in den letzten Jahren stark verlangsamt, indem sie die Chemie des Kühlwassers veränderte.

Dass die Länge der Risse zunahm, bezeichnet die BKW als «unerheblich». Entscheidend sei einzig, so die BKW, dass die Risse nicht ganz durch die Wand gingen. Eine Messung vor 2011 hatte noch einen solchen durchgehenden Riss angezeigt. Gemäss der Anzeige mit der neuen Messmethode ging er dann jedoch – sehr zur Erleichterung der BKW – bloss bis in eine Tiefe von zwei Dritteln der Wandstärke. Gemäss der Messung jetzt wuchs er seither nur gering. Sommavilla verweist darauf, dass das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) akzeptiert habe, dass die BKW bei der Beurteilung der Sicherheit des Kernmantels neu auf die Tiefe und nicht mehr auf die Länge der Risse abstelle.

BKW: Sicherheitsmargen bis 2015

«Damit befinden sich BKW und Ensi bei der Beurteilung nicht mehr auf der sicheren Seite», kritisiert Aerni. «Das Ausmass nähert sich dem Punkt, ab dem ein abruptes Wachstum der Risse durch die Wand nicht mehr ausgeschlossen werden kann – etwa bei einem Erdbeben.» Bisher hätten weder BKW noch Ensi den Nachweis erbracht, dass der Kernmantel mit Durchrissen bei Extrembedingungen standhalte – und der Reaktor sicher abgeschaltet werden könne. Für die BKW ist dagegen «die Stabilität des Kernmantels mit hohen Sicherheitsmargen bis mindestens 2015 nachgewiesen». 2015 werden die Risse neu gemessen.

Umstrittene Zuganker

Der Kernmantel steht zwar – anders als der Reaktordruckbehälter – nicht unter Druck. Er hält aber wichtige Sicherheitseinrichtungen wie zum Beispiel das Gitter für die Steuerstäbe, mit denen der Reaktor abgeschaltet wird. Seit 1996 wird der rissbefallene Kernmantel mit vier Zugankern stabilisiert.

Auch die Stabilisierung mit Zugankern ist allerdings umstritten. AKW-Gegner verweisen stets auf ein Gutachten der Prüforganisation TÜV-Nord, wonach die Zuganker versagen und sogar einen Unfall auslösen könnten, den es ohne sie nicht gäbe. Jährlich werde auch einer der vier Zuganker sehr detailliert überprüft, betont Sommavilla. Die diesjährige Prüfung habe keine Risse beim untersuchten Zuganker gezeigt.

Ensi fordert Nachrüstung

Langfristig genügen die vier Zuganker aber auch dem Ensi nicht. Die Atomaufsicht hat angeordnet, dass spätestens bis zur Revision 2017 sechs neue Zuganker die alten ersetzen müssen. «Flickwerk» bleibt dies für Aerni. «Den Kernmantel müsste man ersetzen.» Allerdings sei klar, so Aerni, dass die Kosten und die Strahlenbelastung für das Personal zu hoch wären, sodass sich eine Abschaltung des AKW aufdrängen würde.

Die internationale Erfahrung ist nicht eindeutig. Teilweise wurden rissbefallene Kernmäntel in AKW ersetzt, teilweise wie in Mühleberg mit Zugankern stabilisiert. (Der Bund)

(Erstellt: 06.09.2013, 06:39 Uhr)

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